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Die langen Schatten des Krieges in Kolumbien | BR24

© dpa-Bildfunk

Früherer Farc-Kommandeur tritt Amt als Abgeordneter an

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    Die langen Schatten des Krieges in Kolumbien

    In Kolumbien ist der ehemalige FARC-Anführer Jesús Santrich untergetaucht. Er ist heute Abgeordneter für die zur Partei gewandelten Rebellen. Der Fall zeigt, wie viele Fragen rund um den Friedensprozess noch offen sind.

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    Der im Moment meistgesuchte Mann Kolumbiens ist fast blind. Trotzdem ist es Jesús Santrich gelungen, den Aufpassern zu entkommen, die ihn begleiten sollten. Der frühere Guerilla-Anführer ist inzwischen Abgeordneter im kolumbianischen Parlament. Der Oberste Gerichtshof hat jetzt einen Haftbefehl gegen ihn erlassen - eine Entscheidung, die der Präsident des Landes, Iván Duque, sehr zufrieden kommentierte. Mehr als 800.000 Euro Belohnung soll es für Hinweisgeber geben, wenn er ergriffen wird. "Darauf haben alle Kolumbianer gewartet, die empört darüber sind, wie der jetzt flüchtige so genannte Jesús Santrich sich über die Justiz lustig gemacht hat."

    Der so genannte Santrich, denn eigentlich heißt der frühere Rebellenführer Seuxis Hernández. Santrich war der Kriegsname, den er im Untergrund führte. Die USA werfen ihm Drogenhandel vor, selbst nach dem Friedensabkommen soll er noch in schmutzige Geschäfte verstrickt gewesen sein. Deswegen saß er bereits ein Jahr in Haft und konnte sein Mandat im Parlament zunächst nicht antreten. Erst Ende Mai musste die Justiz ihn auf freien Fuß setzen.

    Schwerfälliger Umgang mit der Vergangenheit

    Der Fall zeigt, wie schwer Kolumbien der Umgang mit seiner Vergangenheit fällt. Der rechtskonservative Präsident Duque findet, die früheren Untergrundkämpfer müssten viel härter angefasst und wegen ihrer Verbrechen - Drogenhandel, Entführungen, Morde - vor Gericht gestellt werden. Dagegen argumentiert Santrichs Anwalt Eduardo Matyas, der frühere Untergrundkämpfer habe fliehen müssen, weil ihn keine Gerechtigkeit erwarte.

    "Santrich hat sich vermutlich aus Sicherheitsgründen nicht gestellt, vor dem Hintergrund, dass die Medien ihn längst gelyncht haben, auf Betreiben der Exekutive, der Staatsanwaltschaft, der US-Botschaft, die ihn festnehmen lassen wollte. Man hat ihm keinerlei Garantien gegeben, so eine volle Breitseite in den Medien hätte jeden normalen Bürger auch eingeschüchtert."

    Der langjährige Untergrundkämpfer ist mit Sicherheit kein Unschuldsengel, doch die FARC-Vertreter werfen der Regierung auch nicht ganz zu Unrecht vor, sie versuche, das Friedensabkommen im Nachhinein nach Lust und Laune zu verändern. Präsident Duque hat versucht, die Regeln für die sogenannte Sonderjustiz für den Frieden nachträglich zu verschärfen, scheiterte bislang aber am Parlament.

    Alte Fronten wieder klar zu erkennen

    Eine Aussöhnung scheint vor diesem Hintergrund aber in weite Ferne zu rücken - derzeit sind in Kolumbien die alten Fronten wieder klar zu erkennen. Die Europäische Union warnt, diese Auseinandersetzung lenke von den eigentlichen Problemen des Landes ab. Eamon Gilmore, der Sondergesandte der EU für den Friedensprozess, warnt: "Die größte Herausforderung, vor der das Abkommen und ich denke sogar ganz Kolumbien steht, sind die andauernden Ermordungen von früheren Kämpfern, von Anführern sozialer Bewegungen und Menschenrechtsschützern."

    Nach wie vor sind Teile Kolumbiens rechtlose Zonen, in denen Drogenbanden, abtrünnige Kämpfer der FARC oder die andere Rebellengruppe ELN das Sagen haben. Wer dort aufmuckt, sich für die Rechte seiner Familie, seines Dorfes oder Stammes eintritt, schwebt in Lebensgefahr. 155 Menschen wurden allein im vergangenen Jahr ermordet. Straflos bis jetzt. Die EU unterstützt die Ermittlungen nun finanziell, mit zwei Millionen Dollar.

    Verhandlungen mit zweiter Guerilla-Gruppe liegen auf Eis

    Und der Weg zum Frieden ist ohnehin erst zur Hälfte zurückgelegt. Die Verhandlungen mit dem ELN liegen auf Eis. Aureliano Carbonell, einer der Anführer dieser Guerilla-Gruppe sagt: "Wir sind noch im Krieg, auch wenn wir ihn hinter uns lassen wollen." Präsident Duque verlangt von Kuba unterdessen, die Verhandlungsführer der ELN-Guerilla festzunehmen und auszuliefern. An ein zweites Friedensabkommen glaubt in Kolumbien im Moment kaum noch jemand.