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Ein Symbol für den Klimawandel: Eisberge in der Antarktis

Teil 3: Die Verhinderer sind überall

"Raus aus der Kohle! Raus aus der Kohle! Raus aus der Kohle!", riefen die Demonstranten Anfang Juni vor dem Kanzleramt in Berlin. Drinnen saßen die neu berufenen Mitglieder der Kohlekommission. Sie sollen bis Ende des Jahres beraten, wie und wann Deutschland endgültig aus der Förderung der Braunkohle aussteigt. Dass diese Art der Energiegewinnung klimaschädlich ist, daran zweifelt niemand mehr. Und trotzdem stehen die Parteien vor einem politischen Dilemma. Es geht nicht einfach so "raus aus der Kohle".

Bei der Kohle zeigt sich das Klima-Dilemma der Politik

Das Thema Kohle berührt die Interessen der Wähler und der Parteien gleichermaßen. Für die Kohlekumpel im Revier, in der Lausitz und in den Schächten im Saarland fühlte sich von jeher die SPD zuständig. Nun sitzen drei CDU-Ministerpräsidenten aus den betroffenen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen (Michael Kretschmer, Reiner Haseloff und Armin Laschet) und ein linker Ministerpräsident aus Thüringen (Bodo Ramelow) zusammen, um über die Braunkohle zu verhandeln. Bundeskanzlerin Angela Merkel fasst deren gemeinsames Problem so zusammen:

"Die Menschen, die es betrifft, in der Lausitz oder in Nordrhein-Westfalen, die heute noch keine Perspektive in anderen Berufsfeldern sehen, die müssen wir mitnehmen." Bundeskanzlerin Angela Merkel

Und genau deswegen wird der Ausstieg aus der Kohle ein hartes Ringen. Weil die Politik erst klären muss, was sie stattdessen für die Regionen und die betroffenen Menschen tun kann.

Der Mensch engagiert sich beim Klimaschutz – nur beim Auto nicht

Die Deutschen sind beim Klimaschutz durchaus lernfähig und lernwillig. Sie trennen seit Jahren fleißig ihren Müll, sie gehen wieder mit Stoffbeuteln in den Supermarkt, sie schrauben ihre alten Glühbirnen raus. Aber eines kommt für den Großteil nicht in Frage: ein umweltfreundliches Auto zu kaufen. Professor Stefan Bratzel forscht an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach zum Thema Emotionalität und Kaufentscheidungen. Am "Center of Automotive Management" hat er herausgefunden:

"Die Entscheidung für ein Fahrzeug ist eine emotionale. Da braucht es mehr als nur niedrigen Verbrauch: ein interessantes Design und ein interessantes Interieur. Nur Öko kommt beim Käufer nicht an. Auch wenn man es gern so hätte." Prof. Stefan Bratzel

Die Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes belegen das: 3,4 Millionen neue Autos wurden im vergangenen Jahr zugelassen. Gerade mal 3,4 Prozent davon fahren mit alternativen Antrieben. Der Anteil von teuren und schadstoffreichen SUVs liegt bei über 15 Prozent und steigt jährlich weiter.

Die deutsche Autoindustrie habe das Thema E-Mobilität einfach zu niedrig gehängt, und die Politik hätte die Entwicklung von Elektromotoren besser fördern können, bilanziert Autoexperte Bratzel. In China oder in Norwegen habe sich dadurch das Kaufverhalten geändert.

In der Industrie musste das Bewusstsein für Klimaschutz erst wachsen

Stinkende Industrieschornsteine und durch Chemiewerke verunreinigte Flüsse gehörten noch in den 1980er-Jahren zum normalen Bild in Deutschland. Wollte die Politik Grenzen ziehen, wurde sofort die Arbeitsplatz-Karte gezogen. Bis heute sind Deutschlands energieintensive Industrien - der Stahl, die Chemie, der Maschinenbau - tragende Säulen der deutschen Wirtschaft. Jeder dritte Euro in Deutschland wird nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) durch Export verdient. Will die Politik diesen Branchen enge Grenzen für den Klimaschutz setzen, kann es aus der Wirtschaft schon mal heißen, die Politik wolle wohl Arbeitsplätze aufs Spiel setzen. Die Klimaziele der Bundesregierung trägt der BDI mittlerweile mit.

Holger Lösch, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des BDI, räumt durchaus ein: Es hat etwas länger gedauert, bis auch die Industrie erkannte, dass sie ebenfalls eine Bringschuld hat:

"Denken Sie an die Kindererziehung. Nicht alles, was man von einem Kind fordert, wird sofort mit Begeisterung aufgenommen." Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer BDI

Und damit geht es der Industrie genauso wie der Politik und jedem einzelnen Menschen. Sein Verhalten zu ändern, braucht etwas Druck von außen, dann die Einsicht und dann Zeit.