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Habeck und Baerbock mit staatstragender Geste

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    Die Grünen: Von der Turnschuh- zur Kanzlerpartei?

    Mit ihren fast 40 Jahren sind die Grünen aus dem Flegelalter heraus. Erst Umwelt-, dann Friedens-, schließlich Anti-Atomkraftbewegung haben sie sich von einer "Turnschuh-Partei" zu einem Koalitionspartner entwickelt - mit Option auf das Kanzleramt.

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    Von
    • Antje Lemtis-Jahn

    Deutschland, Ende der 1970er-Jahre: Europa rüstet auf, Atomkraftwerke gelten als beste und saubere Antwort auf den gestiegenen Energieverbrauch und der Regen, der vom Himmel fällt, ist sauer und lässt Wälder sterben. In der Gesellschaft rührt sich Widerstand. Bewegungen, die mehr Umweltschutz, mehr Frieden und weniger Atomkraft fordern werden immer stärker und bilden damit den Nährboden für eine neue Partei.

    Starke Grünen im schwarzen Bayern

    Geschichte schreibt Wolfgang Lederer, der bei den Kommunalwahlen in Erlangen 1978 den Einzug in den Stadtrat schafft. Damit gelingt der grün-alternativen Bewegung in Bayern zum ersten Mal überhaupt der Sprung in ein Stadtparlament. Am 7. Oktober 1979 wird im Festsaal des Salvatorkellers am Nockherberg der Landesverband der bayerischen Grünen offiziell gegründet. Wenige Monate später, am 13. Januar 1980 folgt in Karlsruhe die Gründung der Bundespartei.

    1986 dann der Einzug der Grünen in den Bayerischen Landtag - ein Kulturschock für die alteingesessenen Parteien. Die ehemalige Grünen-Fraktionsvorsitzende Ruth Paulig erinnert sich:

    "Oben an den Rängen sind die Leute natürlich dicht gedrängt gestanden und haben diese Neulinge betrachtet. Damals hatte ich das Gefühl, wenn Blicke töten könnten, dann wären wir die Treppe nicht hochgekommen." Ruth Paulig, Die Grünen

    Die Grünen ziehen in den Bundestag ein

    Die vorgezogene Bundestagswahl 1983 bringt den Durchbruch: Die Grünen bekommen 5,6 Prozent der Stimmen und nehmen Platz im Bonner Plenarsaal mit Sonnenblumen und Strickpullovern. Die Grünen sehen sich als Alternative zu den etablierten Parteien. Intern sind sie sich aber alles andere als grün, sagt eine der ersten Bundestagsabgeordneten der Partei Marieluise Beck: "Das Spannungsverhältnis reichte von links außen bis sehr konservativ. Wir versuchten, diesen Widerspruch aufzulösen durch den Spruch: 'Weder rechts noch links, sondern vorn'. Aber dieser Spruch konnte nicht übertünchen, wie groß die Zerreißprobe innerhalb der Partei war."

    Petra Kelly und Otto Schily werden die ersten Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Joschka Fischer parlamentarischer Geschäftsführer. Dass er bei seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister 1985 weiße Sneaker trug und so den Begriff vom "Turnschuh-Minister" bzw. der "Turnschuh-Partei" prägte, ist Fischer mittlerweile peinlich. Die Schuhe stehen übrigens im Deutschen Ledermuseum in Offenbach.

    Erste rot-grüne Bundesregierung

    1993 schließen sich die westdeutschen Grünen und das ostdeutsche Bündnis 90 zusammen. Fünf Jahre später, nach der Abwahl von Langzeit-Kanzler Helmut Kohl, kommt es zur Sensation: Gemeinsam mit der SPD bilden Bündnis 90/Die Grünen die Regierungskoalition. Dabei hat doch Bayerns früherer Ministerpräsident Franz Josef Strauß immer eindringlich davor gewarnt:

    "Wenn diese Bundesrepublik Deutschland einen fundamentalen Richtungswandel in Richtung Rot-Grün vollziehen würde – das Schicksal der Lebenden wäre ungewiss und die Zukunft und die kommenden Generationen, ihr Leben würde auf dem Spiele stehen." Franz Josef Strauß, früherer CSU-Chef

    Joschka Fischer und der Krieg

    Die erste Regierungszeit der Grünen verläuft turbulent: Pazifismus und bewaffnete Militäreinsätze der Bundeswehr 1999 im Kosovo und 2001 in Afghanistan passen nicht zusammen. Beim Kosovo-Sonderparteitag in Bielefeld fliegt ein Farbbeutel, Außenminister Joschka Fischer wird als "Kriegstreiber" beschimpft. Er schmettert der aufgebrachten Menge entgegen:

    "Frieden setzt voraus, dass Menschen nicht ermordet, dass Menschen nicht vertrieben, dass Frauen nicht vergewaltigt werden." Joschka Fischer, früherer Außenminister

    Auch das Reformprojekt Agenda 2010 sehen viele Grüne heute kritisch. Auf der Internetseite der Partei heißt es, sie brachte "neben viel Positivem auch Effekte mit sich, die wir nicht beabsichtigten." Bei einem ihrer Kernthemen, dem Atomausstieg, kann der grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin einen Erfolg verbuchen. Im Dezember 2001 passiert das Atomausstiegsgesetz den Bundestag.

    Neuer Aufschwung nach der Atomkatastrophe von Fukushima

    Nach dem vorzeitigen Aus der rot-grünen Regierung 2005 starten die Grünen eine Klimakampagne und treiben den beschlossenen Atomausstieg weiter voran. Der wird zwar Ende Oktober 2010 von der neuen schwarz-gelben Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel zunächst zurückgenommen. Ein halbes Jahr später, nach der Atomkatastrophe von Fukushima, wendet sich das Blatt. Ende Juni 2011 beschließt der Bundestag den Ausstieg aus der Atomkraft.

    Unter dem Eindruck des Reaktorunfalls von Fukushima erreichen die Grünen in Umfragen Rekordwerte. Im Mai 2011 wird in Baden-Württemberg Winfried Kretschmann zum ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands gewählt und jubelt:

    "Wir haben herausgefordert, wir wurden herausgefordert und jetzt haben wir die historische Wende in diesem Land erreicht." Winfried Kretschmann, Ministerpräsident in Baden Württemberg

    Seit Herbst 2018 liegen die Grünen in bundesweiten Umfragen regelmäßig vor der SPD. Sicherlich profitieren sie von der neuen weltweiten "Fridays for Future"-Bewegung. Initiiert von der Schwedin Greta Thunberg. Einen großen Anteil an der Popularität der Grünen haben aber die beiden neuen Vorsitzenden Annalena Baerbock [zum Portrait] und Robert Habeck [zum Portrait].

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