16.08.22: Die Energiepreise steigen und ab Herbst kommt noch die Gasumlage dazu. BR24live beantwortet Fragen.

Bildrechte: pa/dpa/Hauke-Christian Dittrich
  • Artikel mit Video-Inhalten
>

Die Gasumlage kommt: Was Verbraucher wissen sollten

Die Gasumlage kommt: Was Verbraucher wissen sollten

Ab Herbst greift in Deutschland eine Gasumlage: Die Bundesregierung will damit eine stabile Gasversorgung gewährleisten. Auf Industrie- und Haushaltskunden kommen deutliche Mehrkosten zu. Die wichtigen Fragen und Antworten im Überblick.

Nun haben Gaskunden Gewissheit: Die Höhe der staatlichen Gasumlage steht fest. Pro Kilowattstunde soll sie bei 2,419 Cent liegen.

Gas wird demnach deutlich teurer für private Haushalte und die Industrie. Mit der Umlage werden erhöhte Beschaffungskosten von Importeuren an die Kunden weitergegeben. Die Umlage kommt ab Herbst. Was Verbraucherinnen und Verbraucher jetzt wissen müssen:

So hoch wird die Gasumlage

Die genaue Höhe der Umlage berechnet der sogenannte Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe, ein Gemeinschaftsunternehmen der Gas-Fernleitungsnetzbetreiber. Wie die Firma am Montag bekanntgab, soll die Höhe der staatlichen Gasumlage bei 2,419 Cent pro Kilowattstunde liegen. Die Umlage müssen alle Gasverbraucher, Firmen wie Privathaushalte, zahlen.

Bei einem Haushalt mit Einfamilienhaus und einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden betragen die Mehrkosten demnach rund 480 Euro im Jahr. Bei einem Zwei-Personenhaushalt ist grob mit der Hälfte zu rechnen - abhängig auch von Sanierungszustand der Wohnung und Wohnfläche. Dazu kommt noch die Mehrwertsteuer. Die Bundesregierung wollte zwar verhindern, dass diese fällig wird - scheiterte aber am Nein der EU-Kommission. Allerdings soll es laut einem Sprecher der EU-Kommission eine Lösung geben, die den Endverbrauchern zugute kommt und die gleichen Auswirkungen hat.

Zur Gasumlage kommen marktgetriebene, teilweise drastische Preissteigerungen, die schrittweise bei den Kunden ankommen. Viele Menschen sind betroffen, denn etwa die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland wird mit Gas beheizt.

Wann die Umlage bei den Verbrauchern ankommt

Die Umlage gilt ab Anfang Oktober - sie werde aber nicht unmittelbar auf den Rechnungen sichtbar werden, sondern mit etwas Zeitverzug, so das Wirtschaftsministerium. Es gebe aus Verbraucherschutzgründen Ankündigungsfristen im Energiewirtschaftsgesetz von vier bis sechs Wochen, die eingehalten werden müssten. Daher werde die Umlage wahrscheinlich erstmals im November oder Dezember auf den Rechnungen ausgewiesen werden. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) rechnet allerdings damit, dass einige Versorger die Umlage schon ab dem 1. Oktober ihren Kunden in Rechnung stellen werden.

Die Umlage wird laut Ministerium monatlich abgerechnet und kann alle drei Monate angepasst werden. Sollte Russland seine vertraglich zugesicherten Mengen wieder vollumfänglich erfüllen, werde die Preisanpassung auf null gesetzt. Die Höhe der Umlage hängt also wesentlich von Umfang und Preis des als Ersatz beschafften Gases sowie von der Nachfrage ab. Je höher der Ausgleich für die Importeure, desto höher auch die Umlage.

Aus den Gasen Propan und Butan bestehendes Flüssiggas ist von der Gasumlage nicht betroffen. Darauf hat der Deutsche Verband Flüssiggas hingewiesen. "Flüssiggas ist nicht zu verwechseln mit Erdgas beziehungsweise verflüssigtem Erdgas", sagte ein Sprecher. Der Unterschied zwischen Flüssiggas und verflüssigtem Erdgas liege in der Art der Verflüssigung und damit der Nutzung.

Diese Mehrkosten erwartet die Industrie

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet durch die Gasumlage mit Mehrkosten für die Industrie von 5,7 Milliarden Euro. Am stärksten betroffen seien energieintensive Grundstoffindustrien, erklärte IW-Energieexperte Thilo Schaefer. "Weil hier besonders viel Gas benötigt wird, auch als Rohstoff, wird die Gasumlage dort am härtesten zu spüren sein." Dazu zählten etwa die Chemie- und Metallindustrie und die Hersteller und Verarbeiter von Glas, Keramik, Steinen und Erden.

Warum die Umlage überhaupt nötig ist

Gasimporteure haben Lieferpflichten gegenüber ihren Kunden, vor allem gegenüber Stadtwerken. Die Importeure können diesen Lieferpflichten nur gerecht werden, indem sie die ausgefallenen Mengen aus Russland durch den Kauf deutlich teurerer Mengen am Kurzfristmarkt ersetzen. Bisher können diese Mehrkosten nicht weitergegeben werden. Die Folge: Bei Importeuren sind erhebliche Verluste entstanden, der Fortbestand der Unternehmen kann gefährdet sein. Deswegen hat der Bund mit dem Versorger Uniper ein milliardenschweres Rettungspaket vereinbart.

Zugleich beschloss die Bundesregierung, die Umlage auf alle Gaskunden anzuwenden. Die Alternative wäre gewesen, den finanziellen Ausgleich für die Importeure über den Staatshaushalt zu finanzieren. Dies wäre aber mit "erheblichen Belastungen" des Etats verbunden, heißt es in der Verordnung. Politisch setzt die Bundesregierung außerdem ein Preissignal: Gassparen lohnt auch finanziell.

Wie die Umlage funktioniert

Kern sind Ausgleichszahlungen an die Gasimporteure. Sie sollen ausreichen, um Insolvenzen zu verhindern, wie es heißt. Mit der Umlage sollen "weitere massive Preissteigerungen durch den insolvenzbedingten Ausfall für den Markt wichtiger Gasimporteure" verhindert werden.

Der finanzielle Ausgleich für betroffene Gasimporteure ist zeitlich beschränkt auf die Erfüllung von vertraglichen Lieferverpflichtungen vom 1. Oktober 2022 bis zum 1. April 2024. Bis Oktober tragen laut Ministerium die betroffenen Gasimporteure alle Kosten für die Ersatzbeschaffung allein. Danach tragen sie zehn Prozent der Kosten dauerhaft selbst.

Für die Berechnung der Umlage gibt es eine komplexe Formel, die unter anderem den Unterschied zwischen dem vertraglich vereinbarten und dem aktuellen Einkaufspreis berücksichtigt. Die Höhe der Mehrkosten muss von Wirtschaftsprüfern testiert werden. Der Ausgleich erfolgt laut Ministerium über die Gaslieferanten, die die Kosten in aller Regel an ihre Kunden weitergeben werden.

Welche offenen Fragen es noch gibt

Ein Problem ist, wie mit Kunden mit Festverträgen umgegangen wird. Aus dem Ministerium hieß es bisher nur, dies werde geprüft. In einem Brief an Habeck warnten der BDEW und der Verband kommunaler Unternehmen, eine Preisanpassung gegenüber Kunden mit Verträgen ohne Anpassungsmöglichkeit könne bis zum 1. Oktober nicht durchgesetzt werden. Das betreffe durchschnittlich rund 25 Prozent der Haushaltskunden und des Kleingewerbes, bei einigen Versorgern sogar deutlich mehr.

"Die Folge wäre, dass die Unternehmen zwar die Umlage an den Marktgebietsverantwortlichen zahlen müssen, diese aber nicht sofort von den Letztverbrauchern erstattet bekommen", heißt es in dem Brief. Bei Festpreisverträgen und in der aus Gas erzeugten Strom- und Fernwärmeversorgung drohe ein Totalausfall, wenn die Umlage vertraglich nicht weitergegeben werden könne. "Dadurch entstehen erhebliche Liquiditätsprobleme bei den Energieversorgern, die wegen der ohnehin angespannten Finanzsituation auch zur Insolvenz führen können."

Was können Fernwärmekunden erwarten?

Im vergangenen Jahr heizten laut Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen rund 14 Prozent der Haushalte mit Fernwärme - diese entsteht laut Bundeswirtschaftsministerium zu über 46 Prozent aus Gas. Fernwärmekunden sind von der Umlage bislang "nicht erfasst", erklärte das Ministerium in der vergangenen Woche. Auch diese Frage werde noch geprüft.

Welche staatliche Umlage kommt noch?

Neben der Beschaffungsumlage kommt im Herbst noch eine Gasspeicherumlage. Die Höhe wird voraussichtlich am Donnerstag bekanntgegeben. Diese Umlage soll der Trading Hub Europe die Kosten ersetzen, die ihr zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit entstehen, also für den Einkauf von Gas. Das Wirtschaftsministerium geht aber nicht davon aus, dass diese Umlage eine "relevante Größe" erreichen wird.

Kommen zusätzliche Entlastungen?

Die Bundesregierung hat "zielgenaue Entlastungen" versprochen, besonders für jene, die wenig Geld haben und besonders unter den Preissteigerungen leiden. "Die Umlage muss und wird von einem weiteren Entlastungspaket begleitet werden", versicherte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Genaue Pläne wurden aber noch nicht bekannt.

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz sicherte den Bürgern angesichts der Gasumlage ein weiteres Entlastungspaket zu. "Wir lassen niemanden allein mit den höheren Kosten", teilte der SPD-Politiker auf Twitter mit. Zugleich räumte Scholz ein: "Es wird teurer - da gibt es kein Drumherumreden. Die Energiepreise steigen weiter." Bisher seien schon staatliche Hilfen über 30 Milliarden Euro beschlossen worden.

(mit Informationen von dpa, Reuters und AFP)

EU-Flaggen

Bildrechte: BR

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!