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Die anderen Ossis: Wie es Vietnamesen im Osten heute geht | BR24

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Bei der Wiedervereinigung blieben fast alle DDR-Vertragsarbeiter aus dem kommunistischen Nordvietnam im Land. Trotz massiver rassistischer Übergriffe zu DDR-Zeiten und später in den 1990-er Jahren schlugen sie Wurzeln.

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Die anderen Ossis: Wie es Vietnamesen im Osten heute geht

In den DDR-Kombinaten mussten zigtausende Vertragsarbeiter aus sozialistischen Bruderländern, vor allem aus Vietnam, arbeiten. Heute stellen die Vietnamesen die größte Migrationsgruppe in Ostdeutschland dar. Integration ist für sie eine Tugend.

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Sie sind die anderen Ossis. Wie aus vietnamesischen Vertragsarbeiten gut integrierte Immigranten wurden, das ist eine Erfolgsgeschichte im vereinigten Deutschland. Vietnamesen sind die größte Migranten-Gruppe in Ostdeutschland.

Hien Wicke näht ehrenamtlich mehrere Tausend Masken

Ein Mund-Nasen-Schutz entsteht, dunkelblau mit weißen Punkten, passend zu Hien Wickes Bluse.

"Wir haben Sachen genäht, hatten eine Änderungsschneiderei, aber die Masken näh' ich so, da habe ich erst mal ein Youtube-Video runtergeladen." Hien Wicke

Hien Wicke hat bereits mehrere tausend Masken genäht und gespendet, dem Roten Kreuz und der Freiwilligen Feuerwehr in ihrem Wohnort Brand-Erbisdorf im Erzgebirge, sowie der Arbeiterwohlfahrt im nahen Freiberg.

Dankbarkeit für die zweite Heimat

Warum diese Mühe nach ihrem langen Tag als Verkäuferin in einem Obst- und Gemüseladen? Hien Wicke lacht ein glückliches Lachen: Dankbarkeit, sagt sie, Dankbarkeit. Deswegen habe sie sich auch in den Stadtrat wählen lassen. "Geben und nehmen, das war mein Sinn für die ganze Aktion. Wir leben hier schon über 30 Jahre, ich 33 Jahre und das ist für uns zweite Heimat geworden", erklärt Hien Wicke.

Mit neunzehn Jahren kam sie aus dem kriegszerstörten Vietnam in das Chemiefaser-Kombinat von Rudolstadt, als Vertragsarbeiterin der DDR. Das hieß: endlich genug Essen, Geld, um Seife und zerlegte Fahrräder nach Hause zu schicken; aber auch Segregation und Überwachung in speziellen Wohnheimen.

Gemischte Gefühle bei der Wiedervereinigung

Die Wiedervereinigung erlebte die heute 52-Jährige mit gemischten Gefühlen:

"Am Anfang kommt die Euphorie für die Deutschen, für die Kolleginnen. Danach merkt man schon, dass da auch Ängste sind und Fragen. Wie geht es weiter mit dem Kombinat, wie ist es mit der Arbeit? Und für uns war schon klar, Vertragsarbeiter müssen zurück." Hien Wicke

Viele der Vietnamesen lehnten die 3.000 D-Mark Abfindung ab und blieben. Marktwirtschaftlich ambitioniert und fleißig eröffneten sie in den 1990er-Jahren Schneidereien, Imbisse, Lebensmittelläden.

Die Nguyens haben sich ein Haus in der Altstadt von Cottbus gekauft

Wie auch The Hung Nguyen. Sein Asia-Markt liegt im Zentrum der herausgeputzten historischen Altstadt von Cottbus: Regale voller Fischsoßen, Mungobohnen, Reis aus Thailand, dazu läuft auf einem Flachbildschirm an der Wand ununterbrochen der vietnamesische Staatsender VTV. Nguyen, einst im Cottbusser Braunkohletagebau tätig, hat nach wie vor seine vietnamesische Staatsangehörigkeit, aber ansonsten tiefe Wurzeln geschlagen: So hat seine Frau 2007 ein Haus gekauft. "Weil wir immer auch an die nächste Generation denken", sagt Nguyen.

Vietnamesische Immigranten schaffen Arbeitsplätze und Kultur

Menschen wie Nguyen haben Lücken gefüllt, besonders an Orten wie Cottbus, wo viele Deutsche abgewandert sind. Sie haben Häuser renoviert, Kinder bekommen, Familienmitglieder aus Vietnam nachgeholt, sie engagieren sich im Kulturleben, schaffen Arbeitsplätze. "Ich bin also froh, wenn ich hierbleibe. Wir haben Kinder hier, die sind hier geboren, die haben hier studiert und die sind Deutsch", sagt The Hung Nguyen.

"Fidschis" wohnen auf den Fidschi-Inseln

Immigranten par excellence mit geräuschloser Integration. Über die Neonazi-Attacken sowohl in der DDR als auch im wiedervereinigten Deutschland sprechen sie äußert ungern. Dass sie im Osten bis heute als "Fidischis" bezeichnet werden, lächeln sie weg. Geschäftsleute aus Leipzig oder Jena reisen in politischen Delegationen nach Vietnam, um Wirtschaftsverträge abzuschließen. Vietnamesisch-stämmige Kinder besuchen prozentual häufiger das Gymnasium als andere Migrantengruppen und als deutsche Kinder.

"Die Tugend der Anpassung, die auch gleichzeitig anstrengend sein kann, die steht bei uns hoch im Kurs. Es ist halt immer eine leistungsorientierte Erziehung gewesen, wonach wir funktionieren mussten. Und ich habe auch mehrere Freunde, die mittlerweile deswegen auch zusammengebrochen sind." Hang Nguyen

Hang Nguyen, Lehrerin für Englisch und Französisch im sächsischen Pirna, hat deswegen auch ihren eigenen Kampf gefochten: gegen die strengen vietnamesischen Familienwerte und für mehr individuelle Selbstentfaltung. 1992 geboren, verdankt sie ihr Leben irgendwie auch der Wiedervereinigung. Denn ihre Mutter hat in der DDR drei Mal abgetrieben, sonst wäre sie ausgewiesen worden. Hang Nguyen steht für die zweite Generation: bestens integriert und sehr selbstbewusst. Als in ihrer Klasse auch mal das Wort "Fidschi" fiel, lächelte sie es nicht weg.

"Dann haben wir das im Duden nachgeschaut und da stand "ein diskriminierender Begriff, der Vietnamesen bezeichnet". Und dann habe ich halt auch gesagt, Leute, Fidischi ist halt eine Inselgruppe und meine Eltern kommen aus Vietnam und das sind geografisch zwei verschiedene Orte. Nur weil eure Eltern das sagen und Großeltern, heißt das nicht, dass ihr das nicht hinterfragen dürft. Es ist halt rassistisch." Hang Nguyen

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