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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Boris Roessler

Vor einem Jahr erschoss Tobias R. in Hanau neun Menschen, seine Mutter und anschließend sich selbst. Die Morde waren rechtsextrem motiviert. "Taten statt Worte" war auch der Leitspruch des NSU. Der Terror wird fast alltäglich.

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Die Alltäglichkeit rechtsextremen Terrors in Deutschland

Vor einem Jahr erschoss Tobias R. in Hanau neun Menschen, seine Mutter und anschließend sich selbst. Die Morde waren rechtsextrem motiviert. "Taten statt Worte" war auch der Leitspruch des NSU. Der Terror wird fast alltäglich.

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Von
  • Ina Krauß

Die Morde und Bombenattentate des NSU, der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke, der Anschlag von Halle - es gab in den letzten Jahren zahlreiche rechtsextremistische und rassistische Anschläge in Deutschland. Doch Ajla Kurtović, eine Mitte Zwanzigjährige Hanauerin, hat rechten Terror nie auf sich selbst und ihre Familie bezogen. Dann wurde am 19. Februar letzten Jahres ihr Bruder Hamza in Hanau getötet – von einem Rechtsextremisten.

"Wenn mich jemand vor dem 19. Februar gefragt hätte, hey was meinst du, kannst du dir vorstellen, dass es sowas auch in Hanau geben wird, oder du persönlich davon betroffen bist - nein, niemals. Und dann ist man auf einmal selbst davon betroffen und versteht die Welt nicht mehr."Ajla Kurtović

Jahrzehntelanger rechter Terror

Tobias R. tötete in Hanau neben Ajila Kurtovics Bruder Hamza acht weitere Menschen, die aus Einwandererfamilien stammten. Vor dem verheerenden Attentat hatte er rassistische und rechtsextreme Verschwörungstheorien verbreitet – vor allem im Internet. Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena, erforscht den rechtsextremen Terror seit vielen Jahren.

"Jede Tat, insbesondere eine so schwerwiegende wie Hanau mit neun aus rassistischen Motiven ausgewählten Opfern, ist in diesem Kontext eine Spitze. Aber es reiht sich ein in eine Serie von rechtsextremen Taten in den vergangenen Monaten und Jahren und man muss sagen mit Blick auf das Oktoberfestattentat: Jahrzehnten." Matthias Quent, Rechtsextremismusforscher

200 Opfer von Rechtssextremisten in den vergangenen 30 Jahren

Seit den Neunzigerjahren ermordeten Rechtsextremisten bis zu 200 Menschen, die meisten aus rassistischen Gründen. Darüber hinaus werden jeden Tag drei bis fünf rassistische Gewalttaten verübt, sagt Matthias Quent bei einer Pressekonferenz des "Mediendienst Integration". Rassistische Gewalt ist Alltag, weiß auch der Bielefelder Sozialpsychologe und Konfliktforscher Prof. Andreas Zick. Er leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

"Würden wir alle vorurteilsbasierten Hasstaten der letzten sechs Jahre mal zusammenzählen, das sind zig Tausende Taten die auftauchen und von den Behörden festgestellt wurden, also keine Übertreibung, und das Dunkelfeld ist noch viel größer." Prof. Andreas Zick, Konfliktforscher

Täter kommen nicht aus dem Nichts

Die Alltäglichkeit der rassistischen und rechtsextremen Gewalt ist erschreckend. Dennoch wird rechtsextremer Terror oft als die Tat von Einzelnen eingestuft. Die Bundesanwaltschaft geht auch nach dem Attentat von Hanau davon aus, dass Tobias R. die neun rassistischen Morde allein beging.

Rechtsextreme Täter würden sich aus taktischen oder persönlichen Gründen manchmal für den Alleingang entscheiden, sagt Experte Matthias Quent. Aber sie begingen die Taten nie im luftleeren Raum, nie isoliert.

"Das ist ganz wichtig, das müssen wir immer wieder verstehen, dass rassistischer, rechter Terror nicht auf entsprechende Strukturen angewiesen ist. Nichtsdestotrotz hat er eine gesellschaftliche Dimension, hat er immer einen Kontext, hat er ein radikales Milieu, das als Stichwortgeber funktioniert, das politisiert; unabhängig davon, ob jemand als einsamer Wolf oder Gruppe handelt." Mathias Quent, Direktor des IDZ in Jena

Matthias Quent meint mit "Stichwortgebern" auch Politiker der AfD. Die Partei sei das parlamentarische Sprachrohr des Rechtsextremismus und organisierten Rassismus, so sein Vorwurf.

Vom NSU-Terror bis Hanau

Die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız beobachtet eine beängstigende Kontinuität rechten Terrors. Sie vertritt drei Familien von Opfern des Attentats von Hanau und vertrat davor Angehörige von Opfern des rechtsterroristischen NSU.

"Das war ja beim NSU genau der Anfang: "Taten statt Worte". Das macht mir schon Angst, muss ich sagen, es ist schon zu sehen, dass es radikaler wird. Dass es nicht bei Worten bleibt, sondern dass Taten folgen, die solche Auswirkungen haben. Das ist besorgniserregend." Seda Başay-Yıldız, Rechtsanwältin

Eine Tat wie das Attentat von Hanau hält Başay-Yıldız jederzeit wieder für möglich. Umso wichtiger ist es, rechtsextreme und rassistische Taten vollständig aufzuklären, um herauszufinden wann und in welchem Zusammenhang die Täter das erste Mal auffällig werden und wie der Terror möglicherweise verhindert hätte werden können.

Der NSU-Prozess (2013-2018) brachte dazu wichtige Erkenntnisse - wenn auch sehr viele Fragen offenblieben. Das Attentat von Hanau wird voraussichtlich kein juristisches Nachspiel haben, da der Mörder tot ist. Dennoch verlangen die Opferfamilien in Hanau Aufklärung von den Behörden. Eine ihrer wichtigsten Fragen: Warum der psychisch auffällige Tobias R., der rechtsextreme und verschwörungsideologische Texte veröffentlichte, legal Waffen besitzen konnte. Eine Antwort haben sie bis heute nicht erhalten.

SENDUNGSHINWEIS:

Am Freitag 19.2. und Samstag 20.2. sendet Bayern 2 jeweils von 20.05 Uhr – 2:00 Uhr die Ursendung von Saal 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Das Dokumentarhörspiel Saal 101 lässt das Gerichtsverfahren noch einmal akustisch lebendig werden. Es verdichtet 6000 Seiten Protokolle und Notizen der ARD-Gerichtsreporter zu einem differenzierten Bild des NSU-Prozesses jenseits der Schlagzeilen. Es lässt die Zeugenbefragungen miterleben und gibt damit tiefe Einblicke in deutsche Abgründe.

Ab 19.2. alle 24 Folgen in der ARD-Audiothek. https://www.ardaudiothek.de/saal-101-dokumentarhoerspiel-zum-nsu-prozess/85721498

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