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Deutscher Ethikrat und Corona: "Steile Aufgabe vor uns" | BR24

© Deutscher Ethikrat

Der Vorstand des Detuschen Ethikrates: Vorsitzende Alena Buyx steht vorn, dahinter Julian Nida-Rümelin, Volker Lipp und Ssanne Schreiber (v.l.)

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    Deutscher Ethikrat und Corona: "Steile Aufgabe vor uns"

    Soll es einen Immunitätsausweis für Covid19-Genesene geben? Damit beschäftigt sich der neu zusammengesetzte Deutsche Ethikrat als Erstes. Die Medizinethikerin Alena Buyx, die das Beratergremium jetzt leitet, kündigt eine Antwort bis zum Sommer an.

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    Der Deutsche Ethikrat ist das Gremium für die "großen Fragen": Was ist ethisch richtig, wie weit darf Forschung gehen, wie soll das Corona-Krisenmanagement aussehen? Gesucht: ein moralischer Kompass für die Gesellschaft und Hilfestellung für Gesetzgeber und Politik.

    Gerade erst hat der Ethikrat in seiner neuen Besetzung das erste Mal getagt und schon liegt ein Auftrag auf dem Tisch: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möchte Für und Wider eines Immunitätsausweises durchdacht haben.

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    "So etwas lässt man nicht liegen"

    Spahn hatte den Immunitätsausweis eigentlich in das Pandemiegesetz hineinschreiben wollen – gedacht für alle, die Covid-19 hatten, als immun gelten und deshalb von Einschränkungen ausgenommen werden könnten. Nach Kritik zog Spahn den entsprechenden Absatz wieder zurück - vorerst.

    Zeitgleich mit der Ernennung der neuen Ethikrats-Mitglieder traf Spahns Bitte ein, sich doch um das Thema zu kümmern. "Ziemlich ungewöhnlich", sagt die Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx im Gespräch mit BR24, aber "so eine Ministeranfrage lässt man nicht liegen".

    Stellungnahme bis zur parlamentarischen Sommerpause

    Also wurden bei der ersten Sitzung in großer Runde – wegen Corona in einem sehr großen Saal, aber immerhin nicht nur per Videoschalte – die Vorbereitungen getroffen. Eine Arbeitsgruppe soll bis zur parlamentarischen Sommerpause eine Stellungnahme ausarbeiten. Dem Ergebnis will Buyx nicht vorgreifen.

    In einem BR-Interview wies sie aber kürzlich bereits darauf hin, wie komplex das Thema sei: Das reiche vom Anreiz, sich anzustecken über die Frage, ob so ein Ausweis diskriminieren oder stigmatisieren würde, bis hin zum Problem, dass noch gar nicht klar sei, wie lange eine Immunität überhaupt anhalte.

    Große Fragen, vielschichtige Antworten

    Buyx spricht von einer "wirklich steilen Aufgabe": schwierige Fragen, große öffentliche Aufmerksamkeit und dann noch viel kürzere Fristen, als es der Ethikrat bisher gewohnt war. Und das ehrenamtlich neben dem eigentlichen Hauptjob. Das Gremium hat 24 Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen: Philosophie und Jura, Medizin, Sozialwissenschaften und Theologie.

    Die Experten schauen gemeinsam über den Tellerrand ihres jeweiligen Fachgebiets. In den vergangenen Jahren ging es um Sterbehilfe, Organspende, das Sammeln von gesundheitsrelevanten Daten, Stichwort Big Data. Alles Themen, die sich laut Alena Buyx "nicht mal so eben im Tagesgeschäft beantworten und angehen" lassen. Doch angesichts der Corona-Pandemie ist Zeit Mangelware.

    Wechsel an der Spitze

    Dass Alena Buyx selbst auch zu Corona forscht – im Rahmen einer europäischen Studie zur Akzeptanz der Schutz-Maßnahmen in der Bevölkerung – wird der Professorin sicher helfen. Ihre Rolle im Ethikrat hat sich dabei verändert: Nach vier Jahren als Mitglied wurde sie von der Runde zur neuen Vorsitzenden gewählt. "Eine große Freude", sagt sie, auch weil es vom Vertrauen sowohl der bisherigen als auch der neuen Kollegen zeuge.

    In London "Praxisluft geschnuppert"

    Alena Buyx, Jahrgang 1977, ist eine sogenannte Medizin-Ethikerin. Sie hat eine Approbation als Ärztin und zusätzlich Abschlüsse in Philosophie und Soziologie. Eine ungewöhnliche Kombination, durch die sie "seit Studententagen in diesem Raum zwischen Medizin und Geisteswissenschaft" lebe.

    Buyx zog es zunächst an die renommierte US-Universität Harvard, später nach London zum Englischen Ethikrat. Dort habe sie "Praxisluft schnuppern können", wie so ein Gremium funktioniert und wie das mit der Beratung von Politik läuft. Es gehe darum, komplexe Themen wissenschaftlich tief zu durchdringen und dann verständlich aufzubereiten - "eine Pluralität von Positionen und Ansichten so zusammenzubinden, dass ein gemeinsames Ganzes herauskommt".

    Professorin an der TU München

    Inzwischen forscht und lehrt Buyx an der Technischen Universität München. Seit Herbst 2018 leitet sie dort das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. Ein Fulltime-Job, in den sich der Vorsitz im Ethikrat eingliedern muss: "Machen wir uns nix vor: Man kann nicht alles am Wochenende und an den Abenden erledigen." Es gehe einfach darum, "die richtige Balance zu finden". Die TU München, sagt Buyx, stehe da aber voll hinter ihr.

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