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Deutsche Corona-Bekämpfung: Ein Exportschlager für Europa? | BR24

© pa/dpa/Christoph Hardt

Corona-Test am Kölner Hauptbahnhof: In Deutschland gehe es schneller mit solchen Verfahren, heißt es in Frankreich.

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    Deutsche Corona-Bekämpfung: Ein Exportschlager für Europa?

    Im Vergleich zu anderen Ländern ist Deutschland bislang recht gut durch die Corona-Krise gekommen. Wie beurteilen die europäischen Nachbarn die deutsche Art der Corona-Bekämpfung? Schauen sie sich vielleicht etwas ab? Ein Streifzug durch Europa.

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    Tschechien

    Noch im Frühjahr war die tschechische Regierung bei Bekämpfung des Coronavirus weitaus schneller als andere europäische Länder. Zu diesem Zeitpunkt wurde in Tschechien noch vor Deutschland ein umfassender Lockdown beschlossen. Die dortige Regierung erklärte das Virus im Sommer gar für besiegt und feierte sich als Klassenbester in Europa. Doch die Sorglosigkeit fällt dem Land nun auf die Füße. Deutschland gilt inzwischen als Vorbild.

    Die Tschechen witzeln, endlich habe man Deutschland bei etwas überholt, aber leider bei den Infektionszahlen! Die steigen rasant, wie auch die Staatsausgaben. Viele Tschechen schauen neidisch nach Deutschland, wo große und schnelle Hilfspakete geschnürt würden. Die deutsche "Kurzarbeit" hat es schon in den tschechischen Wortschatz geschafft. Wann und in welchem Umfang sie dauerhaft eingeführt wird, ist aber noch umstritten.

    Schweden

    Eine Zeitlang haben sich die Schweden auch von den Deutschen gründlich missverstanden gefühlt. Es gab hierzulande heftige Kritik am Verhalten der schwedischen Regierung, die auf einen Lockdown verzichtete. Auch in Deutschland wurde von einem schwedischen Roulette gesprochen. Zu gefährlich und rücksichtslos den Älteren gegenüber hätten sich die Schweden verhalten. In der Tat sind fast 6.000 Menschen in Schweden durch oder mit Covid-19 gestorben – und damit in weit überdurchschnittlich großer Zahl. Nach dem Ende der Sommerferien sah es zunächst anders aus: Deutschlands Zahl der Neuinfektionen stieg, die Schwedische ging zurück. Inzwischen gibt es aber auch in Schweden wieder mehr Infizierte. Damit schwindet die bis vor wenigen Tagen noch wachsende Überzeugung, man habe es ganz ohne Lockdown besser hinbekommen als Deutschland oder die skandinavischen Nachbarländer.

    Dennoch schaut die Mehrheit der Schweden weiter skeptisch auf die Deutschen und ist zufrieden mit dem eigenen Weg.

    Frankreich

    Mit den rapide ansteigenden Infektionszahlen nimmt die Corona-Berichterstattung in den französischen Medien wieder einen überragenden Raum ein. Und sehr gern wird dabei über den Rhein zum deutschen Nachbarn geblickt. Vor allem mit der Frage: Wieso haben die Deutschen die Corona-Krise so viel besser im Griff? Die Antworten sind immer die gleichen: In Deutschland gehe es schneller mit den Tests, weil vor allem Einreisende aus den Risikogebieten, Menschen mit Symptomen oder mit Kontakt zu Covid-Kranken getestet würden.

    Auch die Nachverfolgung von Ansteckungsketten funktioniere besser, die Quarantänepflicht werde besser durchgesetzt. Ohnehin sei das deutsche Gesundheitswesen leistungsfähiger, es stünden viel mehr Intensivbetten zur Verfügung. Der zu Anfang der Pandemie noch belächelte deutsche Föderalismus wird mittlerweile als Stärke gesehen - im Vergleich zum starren Zentralismus im eigenen Land.

    Und noch etwas wird in Frankreich mit großer Verwunderung registriert: der große Zulauf für die Maskengegner jenseits des Rheins.

    Großbritannien

    "Why the Germans do it better": Mit diesem Buch erobert der Journalist und frühere Deutschland-Korrespondent John Kampfner gerade die Bestseller-Listen im Vereinigten Königreich. Der Titel spricht vielen Briten aus dem Herzen: Mit einer Mischung aus Neugier und Bewunderung registrieren sie, dass die spießigen, ordnungsfanatischen und ständig gut organisierten Deutschen offenkundig viel besser durch die Krise kommen als sie selbst.

    Während Premierminister Boris Johnson schon weltbeste Corona-Verfolgungs-Systeme und eine Rückkehr zur Normalität bis Weihnachten versprochen hat, weckt die scheinbar langweilige, aber solide Merkel-Politik bei manchen inzwischen Anflüge von Neid.

    Wegen der erneut rasant steigenden Infektionszahlen hat London jetzt die Zügel wieder angezogen. Boris Johnson kündigte an, da komme noch mehr, wenn die Bevölkerung sich nicht an die Maßnahmen halte. Zugleich hat er aber auch eine einfache Erklärung, warum die Zahlen in Großbritannien schlechter sind als zum Beispiel in Deutschland: "Weil wir ein freiheitsliebendes Volk sind."

    Polen

    In Polen haben sich Politik und Bevölkerung mit dem Beginn der Pandemie zunächst einmal ganz auf sich selbst konzentriert. Die ersten Maßnahmen waren teilweise drastisch, die Grenzen wurden im Frühjahr sehr viel schneller dicht gemacht als in anderen Ländern. Das Vorgehen anderer Nationen war da erstmal nicht so wichtig. Etwas später haben die Polen aber dann doch wahrgenommen, dass die Maßnahmen gegen Covid-19 in Deutschland offenbar kontroverser diskutiert wurden als zwischen Stettin und Lublin. Das werteten die Polen durchaus als Zeichen einer funktionierenden Demokratie in Deutschland.

    Insgesamt aber ging der Blick eher in Richtung der Länder, in denen der Umgang mit dem Virus nicht so vorbildlich schien, etwa nach Großbritannien, wo besonders viele Auslandspolen leben, und wo sich mit Boris Johnson sogar der Regierungschef selbst heftig infiziert hatte. Die Ansicht, dass man im gut organisierten Deutschland selbstverständlich insgesamt gut mit Covid-19 zurechtkommt, ist in Polen weit verbreitet.

    Etwas böses Blut hatte es zwischenzeitlich im kleinen Grenzverkehr gegeben – als man polnischen Berufspendlern die tägliche Ein- und Ausreise, zum Beispiel nach Görlitz oder Frankfurt an der Oder, verweigerte. In Polen besteht die große Hoffnung, einen zweiten Lockdown zu verhindern.

    Schweiz

    In der Schweiz gilt Deutschland nicht als Risikoland. Auf der Liste des Schweizer Bundesamts für Gesundheit (BAG) sind derzeit 51 Staaten verzeichnet. Von den Nachbarländern werden seit dem 14. September nur einzelne Regionen und nicht das ganze Land auf die Risikogebietsliste gesetzt. Das betrifft aktuell neun Regionen in Frankreich und das Bundesland Wien in Österreich.

    Grundsätzlich gilt für Einreisende aus Risikogebieten in der Schweiz eine Quarantänepflicht. Wer aus Grenzregionen einreist, soll allerdings nicht in Quarantäne müssen – auch dann nicht, wenn die Region hohe Fallzahlen zu verzeichnen hätte.

    Die Pandemie-Entwicklung in Deutschland wird in der Schweiz genau beobachtet. Wie für die anderen Nachbarländer Italien, Frankreich und Österreich veröffentlicht das BAG regelmäßig einen gesonderten aktuellen Überblick über Infektionszahlen und Todesfälle. Da die Zahlen in Deutschland bislang weniger dramatisch sind, richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit derzeit vor allem auf das Infektionsgeschehen in den anderen Nachbarländern und weniger auf die Lage in Deutschland.

    Spanien

    Bei vielen Spaniern hat Deutschland das Image eines perfekt funktionieren Landes. Dass das gerade in Corona-Zeiten nicht uneingeschränkt gilt, stellen in diesen Tagen einige spanische Medien heraus. Eine Onlinezeitung titelt: "Die zweite Corona-Welle erreicht Deutschland", eine andere schreibt: "Deutschland ist doch nicht perfekt".

    Vor ein paar Tagen schaffte es Gesundheitsminister Jens Spahn in viele spanische Medien mit seinem Satz, Spanien habe das Virus wahrscheinlich "nicht mehr unter Kontrolle". Eine solche Aussage kommt in Spanien aktuell aber kaum überheblich oder gar arrogant rüber. Das Land weiß selbst, dass ihm die Corona-Lage gerade schwer zu schaffen macht und dass Deutschland im direkten Vergleich deutlich besser dasteht.

    Autoren: Marianne Allweiss (Tschechien), Carsten Schmiester (Schweden), Martin Bohne (Frankreich), Thomas Spickhofen (Großbritannien), Michael Reinartz (Polen), Kathrin Hondl (Schweiz), Oliver Neuroth (Spanien)

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