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Stress und Ärger an der Grenze: "Geh zurück ins Corona-Land!" | BR24

© dpa-Bildfunk/Patrick Seeger

Seit dem 16. März dürfen nur noch Berufspendler aus Frankreich über die deutsche Grenze kommen.

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    Stress und Ärger an der Grenze: "Geh zurück ins Corona-Land!"

    Mehrere Zehntausend französische Arbeiterinnen und Arbeiter pendeln jeden Tag ins Saarland. Seit der Grenzschließung Mitte März werden einige von ihnen in Deutschland beschimpft. Bedeutet Corona das Aus für die deutsch-französische Freundschaft?

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    Die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich spielte eigentlich keine Rolle mehr - bis Mitte März. Dann wurden wegen Corona Grenzkontrollen eingeführt. Seitdem berichten einige Berufspendler aus Frankreich, dass sie in Deutschland beschimpft wurden. Treten nach jahrzehntelanger Freundschaft nun alte Vorurteile zwischen Deutschen und Franzosen hervor?

    Deutschfranzose berichtet: Beleidigungen und Eier auf der Motorhaube

    Christophe Vogel, der in Wirklichkeit anders heißt, kann sich noch ziemlich genau an den 21. März erinnern. Er ist Deutschfranzose, wurde in Deutschland geboren, lebt aber schon fast sein ganzes Leben in Frankreich. Er leitet eine Supermarktfiliale im Saarland und pendelt deswegen fast täglich über die Grenze. An diesem Tag, den 21. März, wird er an der Grenze kontrolliert. Kurz danach, im kleinen deutschen Ort Reinheim, stehen eine Handvoll Leute an der Fahrbahnseite, alle etwa um die 50 bis 60 Jahre alt, schätzt Christophe. Plötzlich stellt sich einer von ihnen auf die Straße.

    "Ich habe halt aus Reflex eine Vollbremsung hingelegt und dadurch ist mir dann erst aufgefallen, dass auf der rechten und linken Seite Rufe wie 'Scheiß Franzose, geh zurück ins Corona-Land', das Auto mit Eiern beworfen wurde und das war halt eine Momentaufnahme, wo mir später erst so richtig bewusst wurde, was da überhaupt passiert war." Christophe, Deutschfranzose

    Anfeindung seit Grenzschließung kein Einzelfall

    Christophe schildert den Vorfall später in einem Facebook-Post, der Tausende Reaktionen hervorruft. Zehn Tage vorher, am 11. März, hatte das Robert-Koch-Institut die Region Grand-Est in Frankreich zum Risikogebiet erklärt. In Mulhouse war eine Versammlung einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft abgehalten worden, wo sich mehr als 2.000 Gläubige mit dem Coronavirus infizierten. Kurze Zeit später schloss Deutschland einseitig die Grenze. Nur Berufspendler und Warenverkehr dürfen seitdem passieren. Dennoch kauften einige Franzosen zum Beispiel in Supermärkten ein. Und nicht nur ein paar sagen, sie seien dabei von Deutschen angefeindet worden:

    "Sehr viele Franzosen haben sich auch bei mir gemeldet und haben mir gesagt: Ich bin bespuckt worden beim Spazieren, weil ich auf deutscher Seite war. Am Supermarkt an der Kasse ist mir gesagt worden, ich sollte eigentlich gar nicht hier sein und doch bitte wieder gehen. Oder ich soll doch in Frankreich einkaufen gehen." Michael Clivot, Bürgermeister von Gersheim

    Bürgermeister appelliert an deutsch-französische Freundschaft

    Der Bürgermeister von Gersheim, Michael Clivot, ist ebenfalls Deutschfranzose. Nachdem er den Facebook-Post von Christophe gesehen hatte, nahm Clivot ein Video auf, in dem er an die deutsch-französische Freundschaft appellierte. Die stellvertretende Regierungschefin des Saarlands und stellvertretende SPD-Vorsitzende Anke Rehlinger bekam dies mit und forderte, dass die erste Lockerung, die geprüft werden müsse, die Öffnung der deutsch-französischen Grenze sein solle. Und sogar Außenminister Heiko Maas, auch ein Saarländer, entschuldigte sich für die Vorfälle.

    Bauliche Absperrung am Jahrestag der Grenzöffnung

    Wer Frankreich kennt, weiß, dass Symbole dort einen sehr hohen Stellenwert haben. Der 26. März ist der Tag eines solchen Symbols. Auf den Tag genau vor 25 Jahren wurden durch das Inkrafttreten des Schengener Abkommens die Grenzkontrollen zwischen Frankreich und Deutschland abgeschafft. Der Schlagbaum wurde 1995 symbolisch zersägt, erinnert sich Clivot.

    "Ein sehr emotionaler Moment. Und ich hätte mir nicht erträumen lassen, als Bürgermeister dieser Gemeinde einer baulichen, festen, verbarrikadierten Grenze gegenüberzustehen, nachdem ich vor 25 Jahren als Jugendlicher genau bei dem gegenteiligen Vorgang anwesend war." Michael Clivot, Bürgermeister von Gersheim

    Denn genau an diesem Tag lässt das Saarland den Großteil seiner Grenzübergänge baulich absperren. Es fehlt das Personal, um an allen Grenzübergängen Kontrollen durchzuführen. In Clivots Gemeinde stehen Baustellenabsperrungen fest in zwei Reihen auf der Straße.

    Gersheim, das eigentlich über drei Grenzübergänge nach Frankreich erreichbar wäre, ist es nun gar nicht mehr. Pendler müssen Dutzende Kilometer Umwege fahren, um zur Arbeit zu kommen. Ein Unding, findet Clivot, denn es gebe "keinen Virologen, der bisher bestätigt hat, dass eine Grenzschließung nur irgendeinen Vorteil oder irgendeinen Effekt hat".

    Grenzen bleiben vorerst zu

    Doch der Innenminister des Saarlands hält an der Grenzschließung fest. Klaus Bouillon, CDU, sagte, teilweise seien mehr als 500 Menschen am Tag an der Grenze zurückgewiesen worden. Er wolle sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn diese Menschen über die Grenze gekommen wären. Eine Wortwahl, die aus Sicht von Michael Clivot viel kaputtmacht. Weil sie unterstelle, dass man Deutsche vor Franzosen schützen müsse.

    Bouillon lehnte ein Interview mit dem BR ab. Clivot jedenfalls wünscht sich, dass die Absperrungen an den Grenzen so schnell wie möglich verschwinden: "Gerne mit leichten Kontrollen, gerne. Also wenn das ein Kompromiss wäre, würde ich auf jeden Fall mitgehen. Aber ohne Kontrollen wäre es mir sogar noch lieber."

    Mehr Positivbeispiele als Anfeindungen

    Sonst könnte sich die Situation langfristig auf die deutsch-französische Freundschaft auswirken, sie sogar um Jahre zurückwerfen. Wichtig ist nur festzuhalten: Bei den Anfeindungen handelt es sich um Einzelfälle. Es gibt viel mehr Beispiele, die die Freundschaften zwischen Deutschen und Franzosen jeden Tag hochleben lassen.