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Der türkische Tourismus als Achterbahn | BR24

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Nachdem sich das Verhältnis zwischen Ankara und Berlin zunächst entspannt hatte, hofften viele, dass 2019 ein Rekordjahr im Türkei-Tourismus werden könnte. Nun gibt es neue Irritationen - in der Ferienhochburg Antalya ist man darüber nicht erfreut.

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Der türkische Tourismus als Achterbahn

Nachdem sich das Verhältnis zwischen Ankara und Berlin zunächst entspannt hatte, hofften viele, dass 2019 ein Rekordjahr im Türkei-Tourismus werden könnte. Nun gibt es neue Irritationen - in der Ferienhochburg Antalya ist man darüber nicht erfreut.

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Der Strand von Antalya ist um diese Zeit noch leer. Auf den Hotelanlagen sind Handwerker und Gärtner zu Gange, bringen alles auf Hochglanz, bevor in ein paar Wochen der große Ansturm kommt - hoffentlich.

Die Deutschen sind sensibel

Denn wie sensibel deutsche Urlauber reagieren, hat sich gezeigt, als Deutschland nach neuen Problemen zwischen beiden Ländern seine Reisehinweise für die Türkei verschärft hat. Davor hatte der türkische Innenminister Süleyman Soylu gedroht, Teilnehmer bei Demos in Deutschland, die Terrorgruppen unterstützten, an der Grenze abzufangen, wenn sie in die Türkei in den Urlaub reisen. Der Hotelier Ali Kizildag drückt sich diplomatisch aus:

"Wir in der Tourismusbranche haben uns über diese Aussage natürlich nicht gefreut. Wir sind eine Branche, die von der Politik vollkommen unabhängig arbeitet." Ali Kizildag

Das klappt nur nicht. Deutsche Urlauber haben teilweise Reisen storniert.

Aus Angst nicht in die Türkei?

Ali Kizildag, der smarte Hotelier im Anzug, läuft mit dem Telefon am Ohr durch den weitläufigen Garten seines Fünf-Sterne-Hotels. Immer wieder erkundigt er sich bei seinen Gästen, ob sie sich wohl fühlen. Dass manche Urlauber zwischenzeitlich bei Türkei-Buchungen zurückhaltend waren, davon hat er nichts mitgekriegt, sagt er, er geht von Einzelfällen aus. Remziye Zengin ist Vorsitzende der pro-kurdischen HDP in Antalya. Sie hat andere Informationen:

"Viele Menschen reisen zurzeit aus Angst nicht in die Türkei. Diese Angst, dass der, der in die Türkei kommt, im Gefängnis landet, belastet alle. Das hat die Menschen eingeschüchtert." Remziye Zengin

Antalya könnte an die Opposition fallen

Am Sonntag wird in der Türkei gewählt. Zwar geht es nur um Bürgermeister und Stadträte. Die AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan muss aber befürchten, dass sie wichtige Städte an die Opposition verliert, auch Antalya. Die Äußerungen des AKP-Innenmisters Soylu spielen da mit hinein. Das hört Muhsin Taşar, ebenfalls Vorsitzender der HDP in Antaya, immer wieder:

"Ohne Tourismus können keine Restaurants aufmachen, ohne Restaurants können die Gastwirte kein Geld verdienen, die Kellner finden keine Arbeit und können auch nichts verdienen. Ohne Hotels und Restaurants können auch die Zulieferer nichts verdienen. Das ist dann wie ein Domino-Effekt. Diese Aussage hat alle aus der Tourismusbranche, also alle, die in Antalya leben, beunruhigt ... vielleicht mit Ausnahme von einigen AKP-Leuten." Muhsin Taşar

Tourismus ohne Deutsche - das geht nicht

Die ersten Urlauber, die nach den Krisenjahren 2016 und 2017 zurückkamen, waren überwiegend aus Russland und dem arabischen Raum. Aber Hotelier Kizildag weiß:

"Der Tourismus und insbesondere der türkische Tourismus ist erst mit den deutschen Touristen gewachsen. Die türkische Tourismus-Geschichte begann, wuchs und entwickelte sich mit den deutschen Touristen. Für uns in der Tourismusbranche ist der Tourismus ohne die Deutschen undenkbar. Das ist unvorstellbar." Ali Kizildag

Mancher sieht's nicht so eng

Am Pool liegt eine Gruppe Iraner, die Frauen im Bikini. Mathias Upmann sitzt im weißen Bademantel im Spa-Bereich. Der 52-jährige Unternehmer aus Gütersloh ist einer der wenigen deutschen Gäste. Die verschärften Reisehinweise hat er gelesen, sagt er, und sieht’s entspannt. Und auch mit der politischen Diskussion kann er wenig anfangen:

"Wenn ich in Asien irgendwo Urlaub mache, dann hab ich zum Teil auch so ein Thema. Wenn ich zum Beispiel in Thailand Urlaub mache, regiert von einer Militärjunta - man muss das nicht so hoch aufhängen." Mathias Upmann

Die Türkei war für ihn im Preis-Leistungsverhältnis einfach unschlagbar. Vom Wahlkampf draußen kriegt er im 5-Sterne-Hotel nichts mit. Und Kritik beispielsweise an der Menschenrechtslage in der Türkei gehört für ihn nicht an die Strandbar:

"Ich kann politische Diskussionen führen, bei meinem Stammtisch, mit meinen Kumpels zusammen, mit Leuten. die ich kenne. Mit allen anderen verkneife ich mir das überwiegend, ich schreie es nicht durch die Gegend." Mathias Upmann

Ganz unabhängig von der Türkei.

Die Politik lässt den Hoteliers keine Ruhe

Hotelier Kizildag klopft einem Mitarbeiter auf die Schulter. Er ist schon seit Jahrzehnten in der Branche und geübt in diplomatischen Worten. Nur einmal, mitten in der letzten Tourismus-Krise, ist ihm der Kragen geplatzt:

"Ich hatte damals gesagt, gäbe es keine Politiker, wäre die Welt eine viel bessere. Ich werde bis zu meinem Tod genau so denken." Ali Kizildag

Ganz ohne geht es nicht. Die Frage ist, ob die Menschen in Antalya wirklich einen Wechsel wollen:

"Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich bekomme auch nur mit, was die Leute so sagen. Die Opposition sagt: Wir gewinnen. Die Regierung sagt: Wir gewinnen. Und ich sage: Möge der Bessere gewinnen!" Ali Kizildag

Wer für ihn der bessere ist, lässt der smarte Hotelier offen. Er ist bei der Wahl im Ausland, kann seine Stimme also gar nicht abgeben. Es klingt, als hätte er eine Ausflucht gefunden.