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Der Tag, an dem die NATO den Balkan bombardierte | BR24

© pa / dpa / Mike Nelson

US-Marines beladen 1999 vor der Küste Jugoslawiens ein Flugzeug mit Bomben

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Der Tag, an dem die NATO den Balkan bombardierte

Am 24. März 1999 startete die NATO-Operation "Allied Force" gegen das damalige Jugoslawien. Das Bündnis griff mit Luftangriffen in den Kosovo-Konflikt ein - mit dramatischen Folgen, die bis heute spürbar sind.

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Es ist einer der ersten milden, sonnigen Vorfrühlingstage: Unter dem wiederaufgebauten Fernsehturm von Belgrad herrscht an diesem Wochenende reges Treiben: Jugendliche verbessern auf dem Basketballfeld ihre Wurftechnik, eine großzügige Kletter- und Spiellandschaft wird von den Kleinen genutzt, Eltern verfolgen ihren Nachwuchs in der entspannten Gewissheit, dass die Kinder hier in Ruhe toben können, zu Füßen des auf 500 Metern stehenden Wahrzeichens der serbischen Hauptstadt.

Seit knapp zehn Jahren ragt wieder der neue Avala, der 204 Meter hohe Fernsehturm, in den Himmel über Belgrad – bis zum 29. April 1999 stand hier die alte, schlanke Stahlbetonkonstruktion, bevor sie durch einen Bombenangriff der NATO-Verbände zerstört wurde. Heute nutzen Wochenend-Ausflügler die Gelegenheit, um mit dem Fahrstuhl hoch auf die Aussichtshöhe zu fahren und den weiten Blick auf die nahe gelegene Hauptstadt zu werfen.

Für viele Serben war der Angriff ein Unrecht

Vom 24. März bis 10. Juni 1999 dauerte der NATO-Einsatz "Operation Allied Force" gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien an, mit dem die untereinander über Ausmaß und Ziele der Militäroperation zerstrittenen Mitgliedsländer der Allianz die gewaltsame Vertreibung und gezielte Tötung von Kosovaren durch jugoslawische und serbische Armee-, Polizei- und Paramilitärische Einheiten beenden wollten. Während der ausschließlich aus der Luft geführten NATO-Operation auf Ziele im gesamten Gebiet der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien setzte die Allianz rund 28.000 Sprengkörper ein, Bomben und Marschflugkörper.

Das sei ein schwieriges Thema für ihn, gibt ein ehemaliger Berufsoffizier auf die Frage zurück, wie er im Rückblick die NATO-Bombardierungen betrachtet. Der ältere Mann steht in der nachmittäglichen Sonne unter dem Fernsehturm und verweist auf die völkerrechtliche Frage, die für die große Mehrzahl der Serben bis heute die einzig Relevante ist:

"Auf jeden Fall war sie (die Bombardierung, Anm. d. Red.) völlig unnötig, besonders wenn man ihre Begründung berücksichtigt. Sie wissen selbst, dass diese ganze Kampagne keine Genehmigung der Vereinten Nationen hatte. Es ist bedauernswert, dass die 19 mächtigsten NATO-Länder ein kleines Serbien angreifen und hoch vom Himmel aus bombardieren, wo Sie sie weder sehen noch hören können und nichts haben, womit sie sich verteidigen können."

Die Allianz, so gibt der ehemalige Offizier zu bedenken, hätte gemäß ihren Statuten nur dann eingreifen dürfen, wenn ein Mitgliedsland angegriffen worden wäre. Und das sei ja nicht der Fall gewesen. Sicherlich: Das westliche Bündnis habe den Einsatz damit begründet, eine humanitäre Katastrophe im Kosovo verhindern zu wollen. Doch gleichzeitig habe die NATO hier, in Serbien, eine humanitäre Katastrophe ausgelöst: Rund 200.000 Serben flüchteten als Folge der anhaltenden Übergriffe der Kosovarischen Befreiungsarmee UCK sowie nach Ende des NATO-Einsatzes und des ab dem 10. Juni 1999 vereinbarten Rückzugs der jugoslawischen und serbischen Armee- und Polizeiverbände aus dem Kosovo.

Die Reaktion folgte sofort

Als am Abend des 24. März 1999 die lange immer wieder hinausgezögerte NATO-Operation "Allied Force" für 78 Tage einsetzte, schlugen in Mitrovica, im Norden des Kosovo, unmittelbar darauf Granaten der jugoslawischen Streitkräfte ein – in den südlichen Stadtvierteln, die ganz überwiegend von albanischen Kosovaren bewohnt wurden.

"Vor dem NATO-Angriff gingen zunächst die Sirenen los, und wir wussten, dass die NATO angreifen wird. Was ich nicht verstehen konnte war, wieso dann die Serben gerade dann in dieser Nacht, eine oder zwei Stunden, eigentlich sofort angegriffen haben. Das war wirklich schrecklich. Und wir konnten das nicht verstehen." Skender Hasani

Skender Hasani steht im kahlen Garten seines Hauses in Ilirida, dem südlichen Stadtviertel von Mitrovica. Er zeigt auf die Löcher in der gegenüberliegenden Hausfassade, die die Granaten vor 20 Jahren hinterlassen haben, dann zählt er die Einschusslöcher auf:

"1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 – das sind die Schäden, die man hier am Haus sehen kann. Diese Schäden wurden von der Granate verursacht, die in unseren Hof eingeschlagen ist." Skender Hasani

Beschuss mit klarem Ziel

Seine Mutter habe sich zum Zeitpunkt des Granateinschlags im Korridor des Hauses aufgehalten. Ein Granatsplitter durchtrennte ihre Halsschlagader, hilflos und entsetzt musste der heute 55-Jährige mit ansehen, wie seine Mutter vor seinen Augen starb. Als ehemaliger Artillerie-Soldat der jugoslawischen Armee wusste er, aus welcher Richtung die Granaten abgefeuert wurden – zehn Geschosse landeten unmittelbar nach Beginn der NATO-Operation im Umkreis von 100 Metern in seinem Stadtviertel:

"Ich glaube, dass sie (die Serben, Anm. d. Red.) uns hier in unserem Territorium absichtlich beschossen haben. Am 24. März um 20.10 Uhr begann die NATO Bombardierung, während die Serben von 24 bis 1 Uhr uns beschossen hatten. Meiner Meinung nach haben sie uns nicht zufällig in unserer Nachbarschaft beschossen, da wir in dieser Nachbarschaft viele Intellektuelle, Professoren und ehemalige UCK-Leute hatten." Skender Hasani

Nach dem Bombardement wurden die Kosovaren vertrieben

Dies war Teil einer methodisch geplanten und umgesetzten Vertreibung der Kosovo-Albaner aus der zur damaligen Bundesrepublik Jugoslawien gehörenden Provinz. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" in ihrer Dokumentation "Under Orders – War Crimes in Kosovo":

"Niemand sah das Tempo und Ausmaß der Vertreibungen voraus. In den ersten drei Wochen nach Beginn der NATO-Bombardierungen strömten 525.000 Flüchtlinge aus dem Kosovo in die Nachbarländer. Insgesamt vertrieben (jugoslawische und serbische, Anm. d. Red.) Regierungs-Einheiten 862.000 Albaner aus dem Kosovo, und zudem wurden viele Hunderttausende im Kosovo vertreiben, zusätzlich zu denjenigen, die vor dem März 1999 vertrieben worden waren. Mehr als 80 Prozent der gesamten Bevölkerung des Kosovo – von denen 90 Prozent Kosovo-Albaner waren – waren aus ihren Häusern vertrieben worden." "Human Rights Watch"-Dokumentation

Das Eingreifen der NATO rief auch bei Skender Hasani die Hoffnung auf ein rasches Ende der serbischen Attacken hervor, doch sie erfüllten sich nicht:

"Die Hoffnung war, dass mit dem Beginn des NATO-Bombenangriffs der Terror der serbischen Streitkräfte aufhören würde, aber leider dauerte es lange, 78 Tage. Irgendwo werden 1.700 Menschen vermisst, in diesem Unglück bin ich glücklich, da ich zumindest weiß, wo ich meine Mutter begraben habe." Skender Hasani

Das Verzeichnis der Gewalttaten

Halit Barani blättert in seinen minutiös geführten Akten, die er in seinem Wohnhaus aufbewahrt. Alte Aktenordner, beschriftet mit Jahreszahl und Monat, in denen der langjährige Leiter des Büros für Menschenrechte in Mitrovica seit bald drei Jahrzehnten jede Gewalttat verzeichnet hat, die von der damals jugoslawischen und serbischen Polizei und Armee an Kosovo-Albanern verübt worden ist:

Tag für Tag, Zwischenfall für Zwischenfall protokollierte Halit Barani – hier eine Polizeiaktion vom 30. Januar 1998 um 14 Uhr in Mitrovica, bei der drei serbische Polizisten einem 34-Jährigen Albaner 1.300 Dinar abgenommen haben. Übergriffe, Körperverletzungen, Vertreibungen, Exekutionen. Halit Barani nimmt ein sehr umfangreiches Fotoalbum in die Hand und öffnet es – die Farbbilder sind in Plastikfolien eingefasst, und zeigen die Leichen von Hunderten von Kosovo-Albanern, aufgenommen von ihm und seinen Unterstützern: Entstellte Körper, teilweise grausamst zugerichtet. Auf der Rückseite der jeweiligen Fotos sind handschriftlich Name, Alter und Todesumstände penibel verzeichnet. Halit zeigt auf eine der Aufnahmen:

"Am 11. März 1999 wurde er in der Nacht auf der Straße verhaftet. Am 13. März wurde er in der Mine in Stanterg im Gewehrhaus erschossen. Wie man sehen kann, wurde sein linkes Ohr geschnitten. Ebenfalls am 13. wurde er von uns begraben." Halit Barani

Noch in der Nacht vom 24. März 1999 seien die politischen Anführer der Kosovo-Albaner in Mitrovica von gedungenen Kriminellen und serbischer Polizei in ihren Wohnungen erschossen worden, mitunter samt ihren Familienangehörigen, den Frauen und Kindern.

Für die Demonstranten ist klar: Der Kosovo gehört zu Serbien

Belgrad, Montagabend, es ist der 18. Februar: Einige Tausend Demonstranten stimmen in der Innenstadt inbrünstig die Nationalhymne an. Auf einem breiten Spruchband steht: "Kosovo ist Serbien". Und: "Serbien vergisst nicht die Verbrechen der NATO". Elf Jahre nach der Ausrufung der Unabhängigkeit Kosovos zieht sich der Protestzug über den König-Alexander-Boulevard bis zum Präsidentenpalast, dem Amtssitz von Staatschef Aleksandar Vucic. Streng nationalistische Kräfte haben sich versammelt und ihre Forderung ist eindeutig: Vucic dürfe nicht über einen möglichen Gebietsaustausch mit dem Kosovo sprechen, geschweige denn darüber verhandeln. In der Verfassung von 2006 stehe unverändert, dass der Kosovo "integraler Bestandteil des serbischen Gebietes" sei, der über "eine weitreichende Autonomie innerhalb des souveränen Staates" verfüge.

Dann setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung, im abendlichen frischen Wind flattern serbische Fahnen, junge Leute sind ebenso dabei wie ältere Menschen, die sich noch an die Zeit des Kosovo-Kriegs erinnern, an Slobodan Milosevic oder an den damaligen Informationsminister der Regierung, den damals 29-jährigen Aleksandar Vucic:

Eine Unabhängigkeitserklärung als Trauma

Wie jedes Jahr um diese Zeit ziehen Demonstranten zum 17. Februar auf die Straßen Belgrads, um gegen das zu protestieren, was politisch das Ergebnis des NATO-Einsatzes vor 20 Jahren war: Die Loslösung des Kosovo aus Serbien und Jugoslawien sowie dessen anschließende Unabhängigkeit. Deswegen, so sagt dieser Demonstrant, sei er hier:

"Heute ist ein trauriger Jahrestag, elf Jahre seit der Unabhängigkeitserklärung des sogenannten Kosovo. Wir alle, die sich heute hier versammelt haben, sind gekommen, um gegen diesen Akt zu protestieren. Für das serbische Volk und den serbischen Staat wird Kosovo und Metohija immer Bestandteil Serbiens sein. Das ist unsere Grundbotschaft."

Je länger der 24. März 1999 zurückliegt, desto stärker scheint sich bei den streng nationalistischen Demonstranten der Phantomschmerz auszubreiten, über den Verlust des Kosovo, der der ganz überwiegenden Anzahl von Serben als Wiege der Nation gilt Die zahlreichen orthodoxen Klöster und Heiligtümer der serbisch-orthodoxen Kirche im Kosovo sowie die völkerrechtliche Zugehörigkeit der damaligen Provinz zur Bundesrepublik Jugoslawien bestimmen bis heute die politisch-emotionale Bindung Serbiens an den Kosovo.

Die UCK glaubte zuerst nicht an das Eingreifen der NATO

Die Straßencafés im südlichen Stadtteil von Mitrovica, der heute de facto in einen serbischen Nord- und einen albanischen Südteil geteilten Stadt im Kosovo, sind bereits gut besucht. In der schon wärmenden Vorfrühlingssonne genießen Büroangestellte und Passanten die Mittagspause, treffen sich mit Freunden und Familie.

Es waren Meldungen über Massaker, die Agim Haziri vor mehr als 20 Jahren bewogen hatten, seinen langjährigen, sicheren Arbeitsplatz in Niederbayern aufzugeben und sich der UCK anzuschließen, der Befreiungsarmee des Kosovo. Als ehemaliger Absolvent der jugoslawischen Offiziersakademie in Zagreb stieg Agim Haziri rasch auf, zum Bataillonskommandeur in der 138. Brigade. An den 24. März 1999 erinnert er sich sehr gut:

"In der fraglichen Nacht befanden wir uns in der Nähe der Grenze zwischen Kosovo und Albanien und bereiteten uns auf einen Angriff auf Koshare vor. Die Nachricht vom Angriff der NATO wurde aus vielen Gründen erst nicht geglaubt, da wir wussten, dass es im Kosovo Massaker gab, aber früher (auch) in Bosnien und Kroatien. Als sie aber begannen, waren wir sehr glücklich, weil wir erkannten, dass wir nicht allein sind und die Unterstützung der NATO und der europäischen Staaten haben." Agim Haziri

Die tief verwurzelte Dankbarkeit der Kosovo-Albaner, gleich welchen Lebensalters oder Herkunft, gegenüber der NATO und vor allem den USA basiert auf dem kollektiven Erlebnis, dass sie ohne das militärische Eingreifen der westlichen Allianz aus dem Kosovo endgültig vertrieben worden wären:

"Der Kampf hätte angedauert, wir hätten sogar eine Weile weiterkämpfen können und wären vielleicht sogar getötet worden. Seit dem Beginn des Angriffs und der Deportation der Zivilbevölkerung durch Serbien und Milosevic glaubte ich, dass es ohne das Eingreifen der NATO keinen Kosovo-Albaner mehr gegeben hätte." Agim Haziri

Der Ex-Minister erhebt Vorwürfe gegen die USA

"Ich möchte zunächst einmal sagen, dass wir immer Frieden wollten, Stabilität und Entwicklung", sagt Zivadin Jovanovic, von 1998 bis zum Sturz des damaligen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic im Oktober 2000 Außenminister der früheren Bundesrepublik Jugoslawien:

"Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass Serbien - damals Bundesrepublik Jugoslawien - und vor allem Präsident Slobodan Milosevic für seine Rolle gelobt wurde, die er in Dayton und bei der Vorbereitung von Dayton spielte." Ex-Außenminister Zivadin Jovanovic

Der heute 82-jährige Ex-Außenminister - während und nach dem Kosovo-Krieg Belgrads Chefdiplomat - sitzt an einem großen Besprechungstisch in seinem Büro. Kurz nach der politischen Wende in Serbien im Oktober 2000 und dem Sturz Milosevics gründete Jovanovic das "Belgrader Forum für die Welt der Gleichberechtigten", um den politisch-akademischen Kampf um sein Lebenswerk fortzusetzen: Der Verbreitung seiner These, wonach Washington nach dem Daytoner Abkommen zur Beendigung des Kriegs in Bosnien-Herzegowina 1995 das strategische Ziel verfolgt habe, Serbien geopolitisch auf dem Balkan zu schwächen, Montenegro und den Kosovo von der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien abzutrennen und Milosevic abzusetzen.

Die damaligen US-Akteure, wie Chefunterhändler Richard Holbrooke, Außenministerin Madelaine Albright und Präsident Clinton sind ihm noch so vertraut wie vor 20 Jahren. 1998 habe sich die US-Regierung entschieden, die kosovarische Befreiungsarmee UCK, die bis dahin als Terrororganisation gegolten habe, anzuerkennen und mit deren Hilfe Serbien auf Dauer zu schwächen:

"Im Mai 1998 hatten Richard Holbrooke, Madelaine Albright und Präsident Clinton entschieden, Milosevic zu stürzen und sie betrachteten die UCK als einen hilfreichen Faktor bei dieser Operation. Ab diesem Zeitpunkt war es egal, was ich oder irgendjemand sonst in der Welt über die UCK dachten, ob es eine Terror- oder Befreiungsorganisation war. Das wurde total gleichgültig. Es wurde ein Instrument, um Milosevic zu stürzen." Ex-Außenminister Zivadin Jovanovic

Der Abschuss des unsichtbaren Bombers

Die Dorfstraße durch Skorenovac liegt verlassen da: Hier im Banat, rund 45 Kilometer nordöstlich von Belgrad entfernt, lebt Oberst a.D. Zoltan Dani. Vor 20 Jahren war er Kommandeur des 3. Bataillons der serbischen Raketen-Brigade 250 – derjenigen Raketenabwehr-Einheit, die am 27. März 1999 einen US-Tarnkappenbomber abschloss - damals ein Schock für die NATO und vor allem die amerikanische Luftwaffe, galten doch die Stealth-Bomber vom Typ F 117A als buchstäblich unsichtbar für das gegnerische Radar.

Einen großen Raum seines Wohnhauses an der Straßenfront hat Zoltan Dani zu einer Art Museum umgestaltet: An einer Wandseite sind Teile des abgeschossenen Tarnkappenbombers ausgestellt, an den übrigen Wänden große Fotos, die seine damalige Raketeneinheit zeigen, das Abfeuern einer Luftabwehrrakete, den "Night Hawk" genannten Stealth-Bomber.

Bereits vor dem Kosovo-Krieg hatte sich der naturwissenschaftlich begabte Offizier mit dem Phänomen beschäftigt, wie man selbst einen Tarnkappenbomber auf dem Radarschirm sichtbar machen könnte. Jedes Objekt in der Natur könne in Resonanz mit der elektromagnetischen Energie kommen. Entscheidend sei dabei, auf welcher Wellenlänge sich das Objekt befinde. Da das Aufklärungsradar die Luftkörper in Wellenlängen erfasst, suchte Zoltan Dani solange das Wellenband ab, bis er die einzige Wellenlänge fand, auf dem ein Stealth-Bomber zu entdecken war:

"Dann habe ich herausgefunden, dass dies etwa 139,6 Megahertz sein sollte." Zoltan Dani

Seinen Vorgesetzten habe er nicht viel über seine Entdeckung mitgeteilt, sie glaubten ihm nicht, nur seiner Raketenabwehr-Einheit. Am 27. März 1999, drei Tage nach Beginn des NATO-Einsatzes, erhielt Oberst Dani um 18 Uhr vom Luftverteidigungskommando den Befehl, sein Bataillon sofort in die höchste Alarmstufe zu versetzen.

"Schalte auf unsere Frequenz"

Zoltan Dani schaltete zunächst auf die normale Radareinstellung, auf der nichts zu erkennen war, und befahl dann seinem Untergebenen: "Schalte auf unsere Frequenz um!":

"Ich sagte dem von der Luftabwehr: 'Ja, ja, wir haben 4,5 Ziele, sie nähern sich.' Er: 'Wieso habt ihr sie auf dem Radar und wir nicht?' Ich: 'Ich weiß nicht, wie euer Radar ist, aber unser Radar zeigt sie'.“ Zoltan Dani

Eines der vier Kampfflugzeuge habe sich seiner Stellung, rund 50 Kilometer westlich von Belgrad, genähert. Die Luftabwehr-Raketen verfügten über eine Reichweite von 18 Kilometern.

"Als es auf 15 Km Entfernung heran kam, bekamen der Raketenleitoffizier und der Operateur der manuellen Zielverfolgung den Befehl, das Ziel zu entdecken. Und sie haben das gemacht. Als es dann in unserer Zone war, habe ich nur den Feuerbefehl gegeben. 'Feuer', 'Vatra'. Das Flugzeug war zu dem Zeitpunkt etwa 14,5 Kilometer entfernt. Mein Team war sehr schnell, sehr eingeübt. Wären sie nicht so gut eingespielt gewesen, hätten sie es sicherlich nicht geschafft. Denn bei einer so kleinen Entfernung ist es schwierig, das Ziel zu erspähen und die Arbeit zu erledigen." Zoltan Dani

Insgesamt seien nur 18 Sekunden verstrichen, vom Aktivieren des Zielradars und dem Abschuss des Flugzeugs, Oberst Danis Männer wussten aber nicht, um was für eine Maschine es sich handelte. Kurz darauf sei ein Offizier aus dem Hauptquartier bei ihnen in der Reservestellung erschienen, in die die Einheit unmittelbar nach dem Abschuss verlegt worden war:

"Er fragte: 'Wisst ihr, was ihr abgeschossen habt?' Ich: "Keine Ahnung. Irgendein Flugzeug." Er: "Ihr habt diese Stealth-Maschine runtergeholt." Ich: "Wow, Bingo!" Wir haben dann offiziell von diesem Ereignis erfahren. Ich habe die ganze Einheit um mich versammelt und gratuliert. Ich sagte ihnen aber, dass dies erst der Anfang ist und dass wir unsere Arbeit fortsetzen. Das war's." Zoltan Dani

Am Morgen kamen die Paramilitärs

Fahrije Hoti wohnt in "Krusha e Madhe", wie das kleine Dorf rund 15 Kilometer nordwestlich von Prizren, tief im Süden des Kosovo, auf Albanisch genannt wird. Am frühen Morgen des 25. März 1999 rückten schwer bewaffnete Einheiten der jugoslawischen Armee, der serbischen Polizei und Paramilitärs in den Ort ein.

"Am 25. März um 5 Uhr morgens begannen serbische Paramilitärs, auf unsere Häuser zu schießen. Ich war wach, nahm die Kinder und verließ das Haus. Als ich an den Dorfrand kam, sah ich einen serbischen Paramilitär. An diesem Tag wurde unser Dorf den ganzen Tag beschossen. Wir waren im Dorf, ich mit meinen beiden Kindern zusammen und wir blieben bis 16 Uhr am Nachmittag." Fahrije Hoti

Fahrije mit ihrem Mann, dem dreimonatigen Sohn und der dreijährigen Tochter suchten, wie nahezu alle Dorfbewohner, zunächst Schutz in den umliegenden, bewaldeten Hügeln. Als es in der Nacht zu kalt für die Kleinkinder wurde, schlichen sie sich in abgelegene Häuser in der Nähe ihres Dorfes – bis sie entdeckt wurden:

"Am 26. März um 5 Uhr morgens umzingelten serbische Paramilitärs unsere Häuser. Die Männer wurden von den Frauen getrennt. Sie durchsuchten uns. Es waren ungefähr 65 unserer Männer und sie mussten an der Hauswand stehen. Uns Frauen nahmen sie uns das ganze Gold und den Schmuck. Es dauerte drei bis vier Stunden. Danach wurden wir in der Moschee des Dorfes bis 14 Uhr eingesperrt." Fahrije Hoti

In einer langen Kolonne, jeweils zu zweit nebeneinander, wurden die Frauen und Kinder unter Schlägen und Beschimpfungen von den Paramilitärs und Polizisten aus der Moschee geführt. Man werde sie im Nachbardorf alle umbringen, hörte Fahrije, die ihr nahezu lebloses Baby im Arm trug.

"Als wir in Rogove angekommen waren, haben wir eine Tafel gesehen, in kyrillischer Schrift, dass dieser Ort eine "Freie Zone" sei. Sie haben es uns nicht erlaubt, in Richtung Gjakova zu laufen. Als wir die Brücke überquerten, begannen sie, auf uns zu schießen. Sie wollten mich töten, da ich meinen kleinen Jungen an der Hand hatte. Ein serbischer Paramilitär kam auf mich zu, forderte von mir Geld oder Gold, damit ich mich selbst retten könne. In diesem Moment nahm er meinen kleinen Jungen mit. Aber die anderen Menschen (in unserer Gruppe, Anm. d. Red.) haben mir geholfen, etwas Geld zu sammeln, um das Kind wieder zurückzubekommen. Sie warfen meinen Sohn auf den Beton und nicht ins Wasser. Heute geht es meinem Sohn sehr gut." Fahrije Hoti

Fahrije und ihre Kinder konnten nach Albanien fliehen, warteten dort das Ende des Krieges ab, kehrten mit den überlebenden Dorfbewohnerinnen in ihre vollständig zerstörte Ortschaft zurück. Alle hatten ihre Männer verloren.

Fahrije gründete später in ihrem Dorf eine Frauen-Kooperative, um vom Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Paprika und Kohl zu überleben. Heute ernährt die landwirtschaftliche Initiative von Fahrije Hoti 200 Familien in der Umgebung. Ihr Sohn studiert inzwischen Ernährungswissenschaft und ihre Tochter arbeitet, zusammen mit den übrigen Frauen, in der inzwischen erfolgreichen Bäuerinnen-Kooperative.

Fahrije kann wieder frei atmen

Wenn sie heute auf den Folgen der NATO-Operation auf ihr eigenes Leben zurückblickt – was ist das Wichtigste für sie?

"Heute ist das Gefühl ganz besonders, frei zu atmen. Damals, zu der Zeit vor 20 Jahren, hatte ich sehr kleine Kinder. Wenn sie krank waren, musste ich sie nach Prizren bringen, und ich hatte so große Angst, ob wir hier oder auf dem Weg dorthin erschossen werden würden. Wenn ich jetzt um 12 Uhr nachts einen Kaffee trinken will, fahre ich mit meinem Auto nach Prizren, ohne Angst zu haben. Heute atme und arbeite ich ohne Angst!" Fahrije Hoti

Dabei liegt Prizren, die von den derzeit noch schneebedeckten Bergen Mazedoniens und Albaniens umgebene Großstadt mit ihren Moscheen, Cafes und Restaurants, nur ganze 15 Kilometer von ihrem Dorf entfernt.