BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Wie ein Stalin-Kritiker in Russland diffamiert wird | BR24

© BR
Bildrechte: picture alliance / AP Photo

Ende Juli 2020 wurde in Russland der Menschenrechtler und Historiker Jurij Dmitrijew zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Ansicht von Regimekritikern in Russland ist der Prozess ein klarer Fall von Diffamierung und Geschichtsklitterung.

9
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie ein Stalin-Kritiker in Russland diffamiert wird

Ende Juli 2020 wurde in Russland der Menschenrechtler und Historiker Jurij Dmitrijew zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Ansicht von Regimekritikern in Russland ist der Prozess ein klarer Fall von Diffamierung und Geschichtsklitterung.

9
Per Mail sharen
Von
  • Christine Hamel
  • Henryk Jarczyk

Jurij Dmitrijew ist ein Aufklärer der Verbrechen des Geheimdienstes unter Stalin. Jahrzehntelang hat er nach Opfern der Massenerschießungen des Innenministerium der UdSSR (NKWD) gesucht - ohne zu merken, dass er selbst immer mehr ins Visier einer korrupten Obrigkeit geriet.

Am 22. Juli ist der Historiker von einem Gericht in Petrosawodsk in der nordwestrussischen Teilrepublik Karelien an der Grenze zu Finnland schuldig gesprochen und zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Da er schon seit drei Jahren in Untersuchungshaft sitzt, kommt Dmitrijew im November dieses Jahres frei. Vorausgesetzt, er übersteht nun die monatelange Lagerhaft gut.

Kritiker sehen staatlich gelenkte Justiz

Es ist schon der zweite Prozess, der gegen den Historiker geführt wird. Jurij Dmitrijew wurde zunächst vorgeworfen, pornografische Aufnahmen von seiner minderjährigen Adoptivtochter hergestellt und verbreitet zu haben. Nachdem diese haltlose Anklage vor aller Augen zerbröselt war - die Richterin des ersten Prozesses sprach Jurij Dmitrijew frei – legte der zweite Prozess an Gewicht zu.

Die Anklage: Missbrauch und unerlaubter Waffenbesitz. Der Staatsanwalt hatte 15 Jahre Straflager gefordert. Aleksej Wenediktow, einflussreicher Chefredakteur des Radiosenders "Echo Moskwe" und schillernde Figur des öffentlichen Lebens in Russland, stuft den Fall Jurij Dmitrijews als Justizspektakel ein.

"Meiner Meinung nach handelt es sich hier um eine ganz einfache Sache. Der Fall ist konstruiert, und zwar alles andere als gekonnt. Die ganze Sache ist ein Fake, denn man konnte zusehen, wie die Anschuldigungen vor Gericht und während der Untersuchungen ständig wechselten. Erst Paragraph eins, dann drei und dann wieder ein anderer. Jurij Dmitrijew ist unschuldig und ich fordere seine schnelle Freilassung." Aleksej Wenediktow, Chefredakteur des Radiosenders 'Echo Moskwe'

Zwangsarbeit und Lagerhaft

Seit Ende der 1980er Jahre beschäftigt sich Jurij Dmitrijew mit den Opfern des stalinistischen Terrors in Karelien. Die Region ist ein Hot-Spot der Ausbeutung von Zwangsarbeitern und willkürlicher Repressionen: Auf dem Archipel der Solowetzkij Inseln im Weißen Meer ließ Lenin bald nach Gründung der Sowjetunion 1922 das erste Arbeitslager Sowjetrusslands einrichten.

Nicht mal zehn Jahre später, 1931, waren hier schon knapp 72.000 Priester, Intellektuelle, Kritiker der Sowjetunion, Adelige, Offiziere, Schriftsteller und Wissenschaftler inhaftiert – die Elite des Landes. In diesem Jahr begannen auch die Bauarbeiten am Belomor-Kanal, dem Weißmeer-Ostseekanal, der eine unfassbare Bauleistung bedeutete und mit einem ebenso unfassbaren Vernichtungsfuror einherging.

Hunderttausende Menschen wurden über Nacht aus den Städten und Dörfern deportiert und im Sumpf und Morast der Onegawälder zu höllischer Knochenarbeit gezwungen.

Eine verwirrende Erinnerungspolitik

Vieles läuft derzeit in Russland verwirrend gleichzeitig: So weiht Präsident Putin im Herbst 2017 in Moskau eine sogenannte "Mauer der Trauer" ein, die an die Opfer politischer Repression erinnert. Dann wiederum wird derjenige, der den Opfern ihre Namen zurückgibt, die Tatorte ausfindig macht und die Täter benennt, von den Behörden verfolgt.

Verwirrend ist das nur auf den ersten Blick: Die "Mauer der Trauer" erinnert beispielsweise nicht konkret an die Opfer der Verbrechen des NKWD, sondern fordert - zudem in vielen Sprachen - dazu auf, zu erinnern: Es ist ein allgemeines Gedenken, das niemandem zu nahe tritt und den stalinistischen Terror einreiht in weltweites Unrecht.

Die Journalistin Viktoria Ivleva vermutet hinter der verdrehten Erinnerungspolitik ein persönliches Anliegen Putins.

"Ich glaube, dass Putin das Land seiner Kindheit wieder errichten will - diese Sowjetunion, die er als Kind schön, gemütlich und nett erlebt hat. Er versucht so ein Märchenland zu etablieren, das Sowjetunion heißt. Und in Märchenländern darf es nichts Schlechtes geben. Alles, was an das Schlechte der Sowjetunion erinnert, alles was schrecklich war - vergessen!" Viktoria Ivleva, Journalistin

Kritik an systematischer Geschichtsklitterung

Die Verbrechen, die sich aber nicht mehr aus der Geschichte wegretuschierten lassen, weil es so viele Massengräber gibt und andere Nationen betroffen sind, versuchen die Machthabenden aus Sicht der Kritiker vorsätzlich zu schmälern und zu relativieren. Eine Strategie der Verharmlosung.

Die Weste des Geheimdienstes müsse sauber bleiben, schließlich steht Putin als Ex-KGBler selbst in dessen Tradition. Die "exzessive Dämonisierung Stalins" diene dazu, "die Sowjetunion und Russland anzugreifen", präzisierte Putin unlängst seine Idee einer Erinnerungspolitik.

Der politische Häftling

Diese Verklärung totalitärer Gewaltherrschaft ist mit Jurij Dmitrijew nicht zu machen. Er hat Menschen aus dem Vergessen gerettet, das Schweigen gebrochen, der Erinnerung Orte gegeben, an der sie sich historisch gesichert festmachen lässt und internationale Friedensarbeit geleistet.

Die Machthabenden indes haben versucht, seine Arbeit zu diskreditieren. Das ist ihnen nicht gelungen. Über die Erfahrung, unschuldig hinter Gittern zu sitzen, sagte Jurij Dmitrijew einmal:

"Jetzt habe ich allmählich verstanden, was sie gefühlt haben, wenn sie auf diese Wände schauten, durch diese Gänge liefen, das Klappern der Metalltüren hörten." Jurij Dmitrijew, verurteilter Menschenrechtler

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!