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Organspendeausweis
© dpa-Bildfunk/Daniel Maurer
© dpa-Bildfunk/Daniel Maurer

Organspendeausweis

Rund 10.000 Menschen stehen aktuell in Deutschland auf der Warteliste für ein neues Organ, rund 1.400 davon in Bayern. Bis zu zehn Jahre wartet man auf eine neue Niere, dabei verstirbt aber rund ein Fünftel der Patienten noch auf der Warteliste.

Bayern hat Deutschlandweit die wenigsten Organspender

Nach vorläufigen Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation gab es in Bayern im vergangenen Jahr 128 postmortale Organspender. Das sind 15 weniger als 2017. Im Jahr 2017 war die Zahl im Vergleich zum Vorjahr gestiegen - und zwar von 121 im Jahr 2016 auf 143.

In allen anderen EU-Ländern habe man in den letzten Jahren die Organspendequote erhöhen können, sagt Professor Banas vom Transplantationszentrum Regensburg, in Deutschland sei sie zwischen 2010 und 2018 hingegen um 30 Prozent zurückgegangen.

Für die Patienten eine Katastrophe

Zwar steht eine große Mehrheit der Bevölkerung der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber, aber es besitzt nur rund ein Drittel der Deutschen einen Organspendeausweis.Die Gründe: Vergangene Skandale, Ängste, Fehlinformationen. Transplantationsmediziner sprechen von einer humanitären Katastrophe.

"Das ist natürlich ein Waterloo. Sie haben einen Patienten jahrelang auf der Warteliste betreut, haben mit ihm viele Untersuchungen überstanden, für Herz, für Gefäße, für Infektsuche und immer gehofft, dass das lebensrettende Organ kommt. Und dann ist der Zeitpunkt da, wo sie sagen müssen, der Gesundheitszustand hat sich so verschlechtert, dass man das nicht mehr empfehlen kann." Prof. Dr. Bernhard Banas, Leiter Transplantationszentrum Regensburg

Allein am Transplantationszentrum Regensburg warten derzeit 400 Patienten auf eine Nierentransplantation. Die Chancen stehen nicht gut.

"Wir haben nur ungefähr 25% an Organspendern von dem, was woanders üblich ist. Das heißt, unsere Patienten warten viermal länger, als es woanders üblich ist." Prof. Dr. Bernhard Banas, Leiter Transplantationszentrum Regensburg

Immer noch wirkt der Organspendeskandal in den Menschen nach

Nach dem Organspendeskandal 2011 gingen die Spenderzahlen zurück, danach wurde das Transplantationsgesetz verschärft. Seitdem müssen nach den Richtlinien der Bundesärztekammer unter anderem zwei Mediziner unabhängig von einander den Hirntod diagnostizieren. Doch das Vertrauen sei noch nicht wieder hergestellt, bedauert Prof. Banas, Leiter des Transplantationszentrums Regensburg. Tragisch, denn die Wartezeiten auf ein neues Organ wurden seitdem immer länger und dadurch verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Patienten häufig dramatisch.

Momentan wird die sogenannte Widerspruchslösung debattiert. Die Idee: Jeder ist erst Mal automatisch Organspender und muss sich aktiv dagegen entscheiden. Eine Altersgrenze existiert nicht, maßgeblich ist nur die Qualität des Organs. Natürlich dürfe jeder auch ablehnen, sagen die Ärzte, aber keinen Willen zu haben, das sei eine Katastrophe und für die Mediziner eine Belastung.

Spende als Trost für die Angehörigen

Sandra Zumpfe ist erst vierzig Jahre alt, doch sie hat bereits ein neues Herz und eine neue Niere. Spender der Niere war ihr Ehemann Matthias. Trotz vieler Bedenken hat sie sich von ihm überzeugen lassen. Bis zu 15 Tabletten muss sie am Tag einnehmen, aber sie hat wieder ein Stückchen Normalität zurück. All ihre Erfahrungen teilt Sandra in ihrem Blog "Zwei Herzen, ein Körper" - um anderen Mut zu machen, so Zumpfe, und zu verdeutlichen, wie wichtig eine Organspende ist.

"Es ist vielleicht auch ein Trost für die Hinterbliebenen. Ich weiß nicht, wer mir das Herz gespendet hat, aber wenn sie wissen, dass ihr verstorbener Verwandter, der ein Organ gespendet hat und der ist nicht mehr da, dass das Organ in einem anderen Menschen weiterlebt und derjenige ein gutes Leben hat, ist das vielleicht ein Trost, das weiß ich nicht. Aber, ich stell es mir gern vor, dass es so ist." Sandra Zumpfe

Ohne Ausweis stehen die Hinterbliebenen vor der Entscheidung

Prof. Dr. Thomas Bein, Leiter der Intensivmedizin vom Uniklinikum Regensburg, ist täglich mit Hinterbliebenen und der Frage nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen konfrontiert. Organspendeausweise habe er in seiner Laufbahn nur sehr selten gesehen, so der Mediziner. Und ohne den dokumentierten Willen des verstorbenen Patienten würden die Angehörigen nach ihrer Einschätzung gefragt. Eine Entscheidung, die innerhalb weniger Stunden getroffen werden muss und schon zu echten Familienkonflikten in seinem Arztzimmer geführt hat. Dazu kommen oft Zweifel der Angehörigen, dass dem verstorbenen hirntoten Patienten wirklich nicht mehr zu helfen ist.

"Da muss man sich Zeit nehmen, behutsam das schildern, dass eben ohne das Gehirn der Mensch nicht lebensfähig ist und das alles, was passiert, eigentlich nur durch Maschine und Technik-Medizin aufrecht erhalten wird." Prof. Dr. Bein, Leiter Intensivmedizin Uniklinikum Regensburg

Um solch schwierige Gespräche nach dem Tod eines Angehörigen zu vermeiden, wäre es eine große Hilfe, wenn jeder einen Organspendeausweis hätte - auch wenn man das NEIN ankreuzt.