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Der Fall Högel: Eine Mordserie und viele Fragen | BR24

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Der wohl größte Serienmordprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte geht zu Ende: 97 Morde wirft die Anklage dem ehemaligen Krankenpfleger Högel vor. Heute soll das Urteil fallen, doch auch am letzten Prozesstag bleiben noch viele Fragen.

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Der Fall Högel: Eine Mordserie und viele Fragen

Der wohl größte Serienmordprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte geht zu Ende: 97 Morde wirft die Anklage dem ehemaligen Krankenpfleger Högel vor. Heute soll das Urteil fallen, doch auch am letzten Prozesstag bleiben noch viele Fragen.

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24 Verhandlungstage, über sieben Monate verteilt, dauerte der Prozess gegen Niels Högel - nun steht er vor dem Abschluss. 97 Todesfälle wirft die Staatsanwaltschaft dem ehemaligen Krankenpfleger vor. Zwischen 34 und 96 Jahre alt waren seine mutmaßlichen Opfer.

43 Tötungen eingestanden

Högel räumt 43 der ihm zur Last gelegten Taten ein, einige wenige bestreitet er vehement, bei Dutzenden weiteren gibt er an, sich nicht erinnern zu können - schließt aber nicht aus, die Patienten getötet zu haben. Weil die Exhumierung feuerbestatteter Leichen nicht möglich ist, könnte die Zahl der Opfer noch höher liegen. Wegen des Todes von sechs Patienten wurde Högel bereits zu lebenslanger Haft verurteilt.

Aber nicht nur, wie viele Menschen er vergiftet hat, ist unklar - sondern ebenso, wie viele dieser Todesfälle hätten verhindert werden können. Auch nach dem letzten Prozesstag werden viele Fragen bleiben. Warum wurde der Krankenpfleger nicht früher gestoppt? Was wussten die Kollegen? Versuchten Vorgesetzte, Verdachtsmomente auszubügeln?

Tödliche Schichten

Ihren Anfang nahm die Mordserie im Juni 1999. Högel begann damals mit seiner Arbeit auf der Station 211 des Klinikums Oldenburg, bis 2002 war er in dem Krankenhaus tätig - dann trennten er und die Klinik sich unter nicht genau geklärten Umständen. Mit einem guten Arbeitszeugnis wurde der Pfleger weggelobt. Ermittlern zufolge gab es schon damals Hinweise, dass ungewöhnlich viele Patienten während seiner Schichten starben.

Von einer Krankenschwester ertappt

Trotzdem konnte er beim nächsten Arbeitgeber zunächst weiter morden, von 2002 bis 2005 arbeitete er auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst. Wieder gab es Gerüchte um die Zahl der Todesfälle während seiner Schichten, doch nichts passierte - bis ihn im Juni 2005 eine Krankenschwester dabei ertappte, wie er einem Patienten ein nicht verordnetes Medikament spritzte. Högel flog auf, zumindest ein bisschen. Das Ausmaß seiner Taten kam erst Jahre später durch die Ermittlungen einer Sonderkommission heraus.

"Schwere seelische Abartigkeit"

Der Pfleger hatte die Patienten mit Medikamenten und Wirkstoffen vergiftet, um sie anschließend zu reanimieren. Die Gründe für die Taten sehen forensische Gutachter und Staatsanwaltschaft in der Geltungssucht des Pflegers. Mit der Rettung der Patienten habe er vor Kollegen und Vorgesetzten glänzen wollen.

Die Gutachter wurden im Prozess deutlich. Der Berliner Rechtspsychologe Professor Max Steller beschrieb Högel als "kompetenten Lügner" mit einer hohen Bereitschaft, zum eigenen Vorteil die Unwahrheit zu sagen. Der forensische Psychiatrieprofessor Henning Saß attestierte dem Angeklagten eine "schwere seelische Abartigkeit". Er sei narzisstisch veranlagt, geltungsbedürftig und habe die Neigung, Regeln zu brechen. Trotzdem sei Högel absolut schuldfähig.

Gerede über den "Sensen-Högel"

Aussagen früherer Kollegen im Prozess legen nahe, dass zumindest einigen Mitarbeitern die Häufung der Todesfälle auffiel. Zwar gaben andere an, nichts bemerkt zu haben, oder verwiesen auf Erinnerungslücken. Aber auch von Spitznamen wie "Sensen-Högel" oder "Todes-Högel" war die Rede. Eine ehemalige Kollegin aus Delmenhorst berichtete, den Vorgesetzten seien Verdachtsmomente mitgeteilt worden - doch die hätten abgewiegelt.

Auch das Verhalten von Mitarbeitern während der Ermittlungen wirft Fragen auf. Beamte der Sonderkommission "Kardio" erhoben laut dem NDR vor Gericht Vorwürfe: Zeugen seien von Kollegen zum Schweigen gebracht worden, Vorgesetzte sollen vor Befragungen Druck ausgeübt haben. Zudem seien die Zeugen mit einem von der Klinik beauftragten und bezahlten Anwalt zu den Vernehmungen bei der Polizei erschienen und unkooperativ gewesen.

Anklage gegen ehemalige Klinik-Mitarbeiter

Mit dem Prozess gegen Högel ist die juristische Aufarbeitung seiner Taten daher noch keineswegs abgeschlossen. Gegen vier ehemalige Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst, die zumindest geahnt haben sollen, dass Högel Patienten tötete, liegt bereits eine Anklage vor. Doch damit Högel als Zeuge aussagen kann, ohne sich selbst weiter zu belasten, muss sein Prozess rechtssicher abgeschlossen sein. Außerdem könnten weitere Anklagen gegen Beschäftigte des Klinikums Oldenburg hinzukommen. Bis zur neuen Prozesseröffnung könnte es noch mehrere Monate dauern.