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Mit Hashtags versucht "Fridays for Future", die Massen auch online zu mobilisieren.

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    Demos im Netz: Können Bürgerproteste online erfolgreich sein?

    In Hamburg gab es noch heftige Proteste gegen den G20-Gipfel, in Riad fielen sie heuer aus: Saudi-Arabien hatte sie verboten, doch ohnehin fand der Gipfel wegen Corona nur online statt. Eben dort werden Protestbewegungen aber zunehmend ausgetragen.

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    Von
    • Thies Marsen

    Physische Präsenz auf der Straße - das ist für Protestbewegungen elementar, sagt Daniel Staemmler vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin: "Dieses Gemeinschaftsgefühl und auch der spontane Austausch, der läuft bei der Co-Präsenz auf der Straße ganz anders. Ich glaube, darauf sind Protestbewegung angewiesen, um auf Dauer bestehen zu können."

    Was aber, wenn kein Protest auf der Straße möglich ist – etwa, weil Demonstrationen gegen ein Gipfeltreffen in einer Diktatur wie Saudi-Arabien lebensgefährlich sind, oder weil eine Pandemie Massendemonstrationen unmöglich macht? "Fridays for Future", die derzeit größte globale Protestbewegung, musste wegen der Corona-Beschränkungen in diesem Frühjahr quasi in voller Fahrt eine Vollbremsung hinlegen: keine Demos mehr, keine Mahnwachen, keine Vernetzungstreffen; ein geplanter Schulstreik im März wurde abgesagt.

    "Fridays for Future" setzt auf "Tweet-Storms"

    Seitdem setzt man verstärkt auf Online-Protest. "Wir haben zum Beispiel ein E-Mail-Tool, das wir an die Bundestagsabgeordneten richten können, wenn eine Entscheidung ansteht", sagt Nick Heubeck, zuständig für die digitale Kommunikation bei "Fridays for Future". Die Organisation nutze etwa "Tweet-Storms", seitdem die Leute zu Hause sitzen. "Am Ende ist das Ziel, dass man mit Hashtag in den deutschlandweiten Trends landet, zum Beispiel 'Klimastreik' oder 'Fridays for Future'", erklärt Heubeck. So versuche man, seine Botschaft auf Twitter zu verbreiten, vor allem bei Journalisten und Meinungsmachern.

    Protestmöglichkeiten im Netz vielfältig

    E-Mails, Tweetstorms, Petitionen – im Netz gibt es für Protestbewegungen viele Möglichkeiten, ihre Anliegen vorzubringen, sagt der Sozialwissenschaftler Daniel Staemmler: "Die Bandbreite, die wir so unter digitalen Aktivismus fassen, ist dann doch ziemlich breit, kann sowohl von einzelnen Leuten ausgehen, die beispielsweise wie der Youtuber Rezo so ein Video veröffentlichen und damit versuchen, in die mediale Öffentlichkeit zu gelangen."

    Aber auch NGOs fahren ihre klassischen Kampagnen digital. Staemmler verweist außerdem auf "technikversierte Formen des digitalen Aktivismus", wo digitale Technologien nicht nur Mittel, sondern selber schon Zweck seien: "Leute, die sich dabei engagieren, Beteiligungsplattform zu schreiben oder auch bei den Hacktivisten. Zum Beispiel kann versucht werden, eine Webseite offline zu nehmen oder wenn Sachen veröffentlicht werden, die eigentlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten."

    Digitale Sitzblockaden keine neue Erfindung

    Neu sind diese Phänomene nicht. Fast 20 Jahre ist es her, dass es in Deutschland zum ersten Mal eine angemeldete Online-Demonstration gab – gegen Abschiebungen von Flüchtlingen in Flugzeugen der Lufthansa. Während der Hauptversammlung der Lufthansa sollte die Homepage der Airline durch eine möglichst hohe Anzahl von Zugriffen lahmgelegt werden. Distributed-denial-of-service-attack heißt das im Fachjargon – quasi eine Art digitaler Sitzblockade.

    Christian Winter aus Berlin hat damals die Software mitprogrammiert. Die Programme seien damals unter der Voraussetzung entwickelt worden, nicht in Rechner einzudringen und Daten zu zerstören oder irgendwelche Schäden anzurichten, erklärt Winter. "Sondern die Software hat genau das nachvollzogen, was jeder und jede auch mit einem Browser selbst hätte bewerkstelligen können, nur schneller. Wir wollten, dass die Leute sich wie bei einer Demo auch zeigen."

    Online-Sitzblockade laut Richterspruch legitim

    Trotzdem ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Nötigung und Aufruf zu Straftaten. Nach fünf Jahren Rechtsstreit bekamen die Demonstranten recht: Die Online-Sitzblockade war legitim. Trotzdem wird sie kaum noch angewandt. Wohl auch weil Unternehmens-Homepages heutzutage viel zu gut geschützt sind. Der Effekt wäre gleich null – und damit auch die mediale Aufmerksamkeit.

    Eben darauf komme es bei Online-Protesten aber an, sagt Daniel Staemmler vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung: "Es entsteht kein Handlungsdruck, solange das Thema nicht auf der Carta der klassischen Massenmedien und der klassischen Tageszeitungen steht. Und darauf bleibt der digitale Aktivismus schon immer noch angewiesen."

    Massenmedien oder Menschenmassen?

    Das bestätigt auch Nick Heubeck von "Fridays for Future": "Wir haben gelernt, dass man gar nicht immer diese großen Menschenmassen braucht, um medienwirksamen und öffentlichkeitswirksamen Protest an in der physischen Welt zu organisieren. Manchmal reicht es schon, dass man zum Beispiel ein Kohlekraftwerk mit einem Beamer anstrahlt und seine Botschaft dort platziert und dann gute Fotos und Videos dazu macht."

    Trotzdem hofft er, dass irgendwann wieder Proteste auf der Straße möglich sind, denn dort könne die gesamte Breite der Gesellschaft erreicht werden, die im Netz nicht so breit und vielfältig repräsentiert ist.

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