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Demonstrieren vom Balkon aus: Der 1. Mai in Frankreich | BR24

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Wie die Menschen in Frankreich zu Corona-Zeiten ihre Mai-Proteste begehen - singend, von Fenstern und Balkonen aus.

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Demonstrieren vom Balkon aus: Der 1. Mai in Frankreich

Die Mai-Demos in Frankreich fallen in diesem Jahr der strikten Ausgangssperre zum Opfer. Trotzdem wollten Gewerkschaften und NGOs den Tag der Arbeit nicht nicht nur online begehen: Sie haben aufgerufen zu Protesten von Fenstern und Balkonen aus.

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Zoe, Cécile und Nicolas haben sich punkt zwölf Uhr auf ihren Balkon in Montreuil bei Paris gestellt und angefangen, das italienische Partisanenlied "Bella Ciao" in Richtung Straße zu schmettern. An der Balkonbrüstung hatten sie ein selbst gemaltes Spruchband befestigt: "Pour le jour après" - Für den Tag danach, nach der Corona-Krise, wo die Aktivisten der alternativen Bewegung Alternatiba auf eine andere Welt mit mehr Solidarität hoffen.

"Bella Ciao", das sei ja das Kampflied schlechthin, sagt Zoe. "Das singen die Leute auf der Straße beim Marschieren, jeder kennt das. Und gerade in der Ausgangssperre ist es wichtig zu zeigen, dass viele auf ihre Balkons gehen, tanzen, singen, ein bisschen Geselligkeit leben und zeigen, dass wir alle an diesem ersten Mai zusammenstehen."

Ausgangssperre: Verständnis und Trauer zugleich

Weil sie eh eine Wohngemeinschaft bilden, stellte die Mini-Demo von Zoe, Cecilie und Nicolas auch keinen Verstoß gegen die Regeln der Ausgangssperre da. Treffen von Leuten, die nicht zusammen wohnen, sind ja derzeit verboten.

Die drei haben volles Verständnis für die staatlich verordneten Einschränkungen, ziemlich traurig sei das aber schon, sagt Cécile: "Denn es ist eine Zeit, wo wir ganz viele Forderungen an die Politik haben, die wir heute gern auf der Straße kundgetan hätten." In Zeiten der Ausgangssperre sei es wirklich schwer, eine soziale Bewegung aufzubauen. "Und so ist es hyperfrustrierend, dass wir an einem ersten Mai, der in Frankreich sonst ganz massiv begangen wird, nichts anderes machen können als Balkonfotos."

Ein paar Straßenzüge weiter wohnt Aurelié Trouvé, die Sprecherin von Attac Frankreich. Sie hat keinen Balkon, deshalb hat sie ihr buntes, selbst bemaltes Transparent vor das Fenster gehängt. "Confinés mais determiné" steht darauf, "in Quaratäne, aber trotzdem entschlossen". Und darunter das, was sie sich von der Welt nach Corona wünscht, denn sie hat in der vergangenen Woche eine Online-Petition gestartet, die schon von 200.000 Leuten unterschrieben wurde - mit mehreren Forderungen: "An vorderster Stelle wollen wir mehr Mittel für die öffentlichen Dienstleistungen, einen großen Entwicklungsplan für die Krankenhäuser und die Bedingungen, das alle korrekt behandelt werden können."

"Macronavirus - wann ist das endlich vorbei?"

Weitere Forderungen: Die Rettung der Betriebe und das Wiederankurbeln der Wirtschaft dürfe nicht auf dem Rücken der Beschäftigten und Umwelt erfolgen, das Steuersystem müsse zu einer gerechten Umverteilung des Reichtums führen, kurz: eine sozial und ökologisch nachhaltige Ordnung.

Dass sie Präsident Emmanuel Macron auf diesem Weg eher für ein Hindernis hält, macht die Attac-Aktivistin sehr deutlich: Auf ein Stück Pappe hat sie "Macronavirus - wann ist das endlich vorbei?" geschrieben; ein Spruch, der gerade in Frankreich ziemliche Karriere macht.

Attac-Aktivistin Aurelie Trouvé erklärt: "Ohne eine gezielte Verabredung hätte ich wohl kaum jemanden gefunden, der Spruchbänder zu seinem Balkon heraushängt. Bei einer kilometerlangen Fahrradfahrt durch Paris ist mir kein einziges weiteres Spruchband aufgefallen."

Vertrauen in die Regierung schwindet

Die Aufrufe von Attac, Alternatiba und etlichen Gewerkschaften hat offensichtlich zumindest nach außen nicht allzu Resonanz gefunden. Aber Aurélie Trouvé verweist auf die vielen Filme, die Leute von sich ihren Wohnungen drehen und auf den sozialen Netzwerken posten. Sozusagen als objektiven Beweis führt sie die Umfragen an: "Das Vertrauen in die Regierung bricht derzeit total zusammen."

In der Tat, den Meinungsforschern zufolge traut nicht einmal jeder zweite Franzose der Regierung noch zu, die Corona-Krise in den Griff zu bekommen. Keine Regierung in Europa kommt auf niedrigere Werte.

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