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Dealer und vermüllte Häuser: Alltag in Dortmund-Nord | BR24

© BR / Niklas Schenk

Vertreter der Stadt Dortmund bei der Besichtigung des Problemhauses in der Nordstadt.

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Dealer und vermüllte Häuser: Alltag in Dortmund-Nord

Drogen, Arbeitslosigkeit und Prostitution gehören zum Alltag der Dortmunder Nordstadt. Fast 60.000 Menschen aus 150 Nationen leben hier auf engem Raum. Die Kriminalität ist rückläufig, aber das Drogenproblem ist schwer in den Griff zu kriegen.

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Die Schleswiger Straße in der Dortmunder Nordstadt, Hausnummer 44. Die Klingel funktioniert nicht, die Tür steht offen, viele Fenster sind eingeschmissen, es riecht unangenehm. Die Stadt Dortmund bezeichnet dieses Haus als sogenanntes Problemhaus. "Der Hausflur ist fast immer vermüllt bei solchen Häusern", erzählt Petra Stonies vom Dortmunder Ordnungsamt. Im Innenhof liegt überall Müll herum, sogar Teppiche und Kinderspielzeug. In einem Keller des Mehrfamilienhauses sind die Überreste eines Großfeuers zu sehen. Noch immer stapelt sich hier der Sperrmüll. Die Wände des Hauses sind verschmiert und mit Graffiti übersät. Kabel von Leitungen hängen aus den Fenstern.

Stadt kauft "Problemhäuser“

"Das ist eine Immobiliensituation, die so nicht geht. Das ist so ein Problemhaus, wo wir sagen: Da muss sich was tun, da muss was passieren", sagt Susanne Linnebach, die Leiterin des Dortmunder Amtes für Stadterneuerung. 60 dieser Problemhäuser gibt es in der Nordstadt noch, früher waren es mal um die 200. Die Stadt hat einige aufgekauft. Viele Eigentümer haben sich durch die ständigen Kontrollbesuche, aber auch selbstständig dafür entschieden, zu renovieren.

Fast jeder Fünfte ohne Job

Es tut sich was in der Dortmunder Nordstadt – und doch sind die Zahlen noch immer erschreckend. Die Arbeitslosigkeit liegt bei gut 20 Prozent. Die Kriminalitätsrate ist zuletzt zwar stark gesunken, aber noch immer werden mehr als 10.000 Straftaten im Jahr in der Nordstadt ausgeübt.

Anlaufstation für Flüchtlinge

Der Dortmunder Norden war schon immer ein Viertel des Ankommens. Erst für die Bergbaumalocher, später für die Gastarbeiter, zuletzt vor allem für Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge aus Südosteuropa. Der Strukturwandel oder die Wirtschaftskrise warfen den Stadtteil in seiner Entwicklung immer wieder zurück. Die Stadt Dortmund schreibt auf ihrer Homepage selbst von "hohem Handlungsbedarf" und einem "zu verbessernden Image".

Demonstrationen von Rechten und Neonazis in der Nordstadt

Das Problem ist nur: Die Nordstadt schafft es nicht, ihr negatives Image dauerhaft loszuwerden. Fast auf jede positive Entwicklung folgt die nächste Negativ-Schlagzeile. Im Herbst 2019 organisieren Dortmunder Rechte und Neonazis wöchentliche Demonstrationen durch die Nordstadt. An jedem Montag ziehen sie mitten durch das Stadtviertel. Oft nur um die Hundert Rechtsradikale, denen deutlich mehr Gegendemonstranten gegenüberstehen.

Die AfD ist in Dortmund nicht so stark wie in anderen Ruhrgebietsstädten. Bei der Europawahl holte sie 2019 knapp neun Prozent. In der Nordstadt kam die AfD auf acht Prozent – genauso viel wie die CDU oder Die Partei. Stärkste Partei wurde die Grünen vor der SPD. Auch die Linken sind in der Nordstadt sehr beliebt.

Aber: Dortmund hat schon länger ein Problem mit Nazis, die ihre Gesinnung offen zeigen. Bekannt ist ihr Wohnviertel in Dorstfeld. Dort ließ die Stadtverwaltung im Herbst vergangenen Jahres eine symbolträchtige Graffiti-Wand der Nazis übermalen. Diese meldeten anschließend Demonstrationen bis Weihnachten an und wählten als Austragungsort die Nordstadt. Das multikulturelle Viertel, in dem Menschen aus fast 150 Nationen leben, für die Rechten ein idealer Ort zur Provokation.

Schule fast zehn Jahre lang ohne Leitung

Die Anne-Frank-Gesamtschule liegt mitten in der Nordstadt. Vor einigen Jahren stand die Schule kurz vor der Schließung. Es gab kaum Neuanmeldungen, die Schule hatte fast zehn Jahre lang keine Schulleitung, kaum ein Schüler schaffte das Abitur. Dann kam Bernd Bruns als neuer Schulleiter. Mit Bruns und seinem Team änderte sich alles. Die Schule wurde saniert, innovative Projekte ins Leben gerufen, die individuell auf die Schüler zugeschnitten sind. Heute kann sich die Anne-Frank-Schule vor Neuanmeldungen kaum retten.

"Ich pack' das"-Klasse

In einer Holzwerkstatt arbeitet Kübra gerade an einem Holzhaus für ihre Familie. Sie ist 17 Jahre alt. Kübra ist Förderschülerin, besucht die neunte Klasse. Lange dachte Kübra, dass sie nie einen Schulabschluss schaffen würde. Nun steht sie in einer Dortmunder Holzwerkstatt. Kübra ist Teil der "Ich pack das"-Klasse der Anne-Frank-Gesamtschule. Schüler, die Probleme in der achten und neunten Klasse haben, werden in dieser Klasse zusammengelegt. Drei Tage in der Woche geht es in die Schule, an den anderen beiden Tagen ist Praktikumszeit. "Ich finde es irgendwie schön hier, es macht mir Spaß", erzählt die 17-Jährige strahlend. Mit der "Ich-pack-das-Klasse" wagt die Anne-Frank-Schule etwas, was sich die allermeisten Schulen nicht trauen. Förderschulkinder bis zum Hauptschulabschluss zu begleiten, diese mit Nicht-Förderschulkindern in eine Klasse zu stecken. Ob ein Abschluss für sie ein tolles Ziel sei? "Ja, ich habe gedacht, dass ich das nie schaffe. Aber jetzt habe ich Hoffnung in mir", sagt Kübra.

Tränen im Lehrerzimmer

Der Erfolg der Schule zeigt, wie wichtig noch immer der Einsatz Einzelner ist, um etwas zu verändern. Isabelle Spieker, heute Abteilungsleiterin der Klassen acht bis zehn, hatte 2015 die Idee, eine "Ich pack' das"-Klasse einzuführen. Damals stand die Schule kurz vor der Schließung. "Ich war ganz neu an der Schule, in Einarbeitung und war von dem Konferenzergebnis schockiert. Ich habe im Büro gesessen und habe geweint. Und habe gedacht: So will ich das nicht", erinnert sich Spieker. Drei Nächte konnte sie nicht schlafen. Dann kam Bernd Bruns als Schulleiter dazu. "In der zweiten Sitzung sollten wir unsere neuen Ideen vorstellen und ich kam mit dem Ich-pack-das-Projekt" und er meinte sofort: "Ja, zieh durch, das ist genau das, was wir brauchen!"

"Megakrasser" Direktor macht den Unterschied

Bernd Bruns ist seit mehr als drei Jahren Schulleiter. Er spricht die Sprache der Schüler, seine Lieblingswörter sind "mega" und "krass". Zum Jackett trägt Bruns Turnschuhe. Die Schule hatte fast ein Jahrzehnt lang keine Schulleitung. Überall in Deutschland haben Schulen Probleme, einen Direktor zu finden. Bernd Bruns arbeitete vorher für einige Jahre als Schulrat, kümmerte sich auf dem Amt um die Hauptschulen, als er gefragt wurde, ob er nicht die "Anne Frank" übernehmen wolle. Bruns liebt Herausforderungen, sagte sofort zu.

1.000 Schülerinnen aus 39 Ländern

Mehr als 1.000 Schüler gehen auf die Schule, sie kommen aus 39 Nationen. Ungefähr die Hälfte aller Schüler sind sogenannte "BuT"-Kinder. BuT steht für Bildung und Teilhabe. Familien, die wenig Geld haben, werden vom Familienministerium mit BuT finanziell unterstützt, damit ihre Kinder Angebote in der Schule nutzen können. "Wir hatten sonst immer so 25, 30 Abiturienten. Ich rechne damit, dass wir Pi mal Daumen dieses Jahr so 65 bis 70 Schüler haben werden", erzählt Bruns. "Ich bin mächtig stolz drauf. Wenn Schüler aus der Nordstadt es schaffen, einen guten Bildungsabschluss zu machen, egal ob Hauptschulabschluss, mittlere Reife oder gar Abitur, ist das für die Schüler ein riesengroßer Erfolg."

"Gegen das Dealen kann man wohl nichts machen"

Die Buchhandlung Litfass an der Münsterstraße in der Nordstadt besteht seit den 80er-Jahren. Hier gibt es viele Fachbücher, in den Regalen findet sich aber auch Pop- und Jugendliteratur. Vor der Buchhandlung liegt ein kleiner Park. Überwiegend dunkelhäutige, junge Männer sitzen auf Bänken oder stehen in Ecken zusammen. Karsten Schulz ist der Geschäftsführer der Buchhandlung. Vor seiner Buchhandlung würden auch Drogen gedealt. "Das kriegen wir auch mit. Das ist so, da kann man wohl nichts gegenmachen", sagt Schulz. Dass die Polizei das Problem mit mehr Kontrollen lösen kann, glaubt der Buchhändler nicht. "Das würde dann verschoben werden. Das ist ja auch mal verschoben worden", erzählt Schulz. Früher sei die Drogenszene am Nordmarkt gewesen. "Da haben sie es wegbekommen durch massiven Einsatz und Ordnungskräfte. Jetzt sind sie mehr oder weniger hier. Hier werden sie wahrscheinlich auch vertrieben werden, dann wandern die nur weiter, das wird nicht nachhaltig gelöst werden können."

Eigene Ermittlungskommission "Nordstadt"

Die Stadt Dortmund will trotzdem im Frühsommer mit der Videoüberwachung in der Münsterstraße vor der Buchhandlung starten. Eine eigene Ermittlungskommission für die Nordstadt gibt es schon länger, genauso wie speziell für den Stadtteil zuständige Staatsanwälte. Ordnungsamt und Polizei arbeiten bei gemeinsamen Kontrollen zusammen.

Schwierige Ausbildungsplatzsuche wegen Wohnort Nordstadt

Für Schüler aus der Nordstadt ist es schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. "Es gibt Benachteiligungen", erzählt der Vertreter der Beratungsstelle. Wenn die Postleitzahl auf der Bewerbungsmappe auf die Nordstadt hindeutet, werden viele Bewerbungen abgelehnt, heißt es. Diese Vorurteile zu widerlegen, brauche Zeit.

Ruhrtalente aus der Nordstadt

Die Anne-Frank-Gesamtschule kämpft deshalb auch gegen das Image der Nordstadt an. Inzwischen gibt es an der Schule sogar Talentscoutings. Manche Schüler werden vom Land NRW schon als sogenannte Ruhrtalente staatlich gefördert. "Dass diese Schule jetzt mit dem Talentbegriff hausieren geht, das war erstmal ein neuer Gedanke, der sich jetzt aber durchgesetzt hat", sagt die Studien- und Berufskoordinatorin Cordula Bego-Ghina.

Ein Ruhrtalent der Anne-Frank-Gesamtschule – das war für viele Schüler früher unvorstellbar. Eine Erfolgsgeschichte für die Schule – und die Nordstadt. Und die Chance für eine andere Wahrnehmung, findet Studien- und Berufskoordinatorin Bego-Ghina: "Ich denke immer, wir müssen auch mal raus aus der Nordstadt. Nicht, weil die Nordstadt so schlecht wäre. Sondern weil die Gefahr sein könnte, dass unsere Schüler in diesem begrenzten Raum bleiben. Die Welt ist viel größer als die Nordstadt."

© BR

Im Dortmunder Norden ist der Alltag rau. Drogen, Kriminalität und Verwahrlosung stigmatisieren. Doch die Anne-Frank-Gesamtschule hilft mit ganz eigenen Methoden den Jugendlichen, aus dem schwierigen Milieu herauszukommen - Lehrer als Psycho- Coaches.