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Ein neunjähriger Junge verdient sein Taschengeld durch Sammeln von Pfandflaschen
© dpa / pa / Walter G. Allgöwer
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Ein neunjähriger Junge verdient sein Taschengeld durch Sammeln von Pfandflaschen

Thomas Krüger ist die Empörung anzumerken. Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, bei der der sogenannte Datenreport erschienen ist. Und er ist zugleich auch Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks. Nach der aktuellen Datensammlung ist fast jedes sechste Kind in Deutschland von Armut bedroht. "Gerade für eine reiche Volkswirtschaft wie Deutschland, deren wirtschaftliche Performance immer wieder gepriesen wird, ist das ein mehr als beschämender und niederschmetternder Befund", sagt Krüger.

Alle zwei Jahre wird der Sozialbericht vom Statistischen Bundesamt, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht. In diesem Jahr legten die Wissenschaftler den Schwerpunkt auf die Situation von Kindern.

"Beschämender Befund"

In den vergangenen Jahren seien in Deutschland kaum Fortschritte gemacht worden, sagt Krüger. Die Konjunktur wachse, doch "die strukturelle Armut von Kindern und Jugendlichen bleibt bestehen."

Kinder und Jugendliche in Haushalten mit Alleinerziehenden seien am stärksten betroffen, so Krüger. Ähnlich sieht es bei Kindern mit Migrationshintergrund aus. Hier liegt das Armutsrisiko fast dreimal höher als bei Kindern ohne Migrationshintergrund, heißt es im Datenreport. Bei Kindern ohne deutschen Pass ist demnach sogar mehr als jedes zweite Kind armutsgefährdet.

Von sozialer Herkunft geprägt

Doch warum leben so viele Kinder unverändert in Armut? Aufschluss geben die Daten. "Die Zahlen im Datenreport zeigen auch, dass Klassenposition quasi immer noch 'vererbt' werden, was gerade Menschen am unteren Rand der sozioökonomischen Leiter im schlimmsten Fall lebenslang auf eine bestimmte soziale Klasse festlegt", sagt Krüger.

Laut Sibylle von Oppeln-Bronikowski vom Statistischen Bundesamt hängt das vor allem mit der Bildung zusammen. "In Deutschland sind die Bildungschancen von Kindern noch stark von ihrer sozialen Herkunft geprägt", sagt sie. "So wird zum Beispiel die Schulwahl nach wie vor vom familiären Hintergrund bestimmt."

In Zahlen: Zwei von drei Schülern an Gymnasien haben Eltern mit Abitur oder Fachhochschulreife - über die Hälfte der Hauptschüler lebt hingegen in Familien, in denen die Eltern einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Abschluss haben.

Der Datenreport erfasst auch, wie viel Geld in Erziehung und Bildung fließen. Bei Kindertageseinrichtungen werden mehr Mittel als noch vor gut zehn Jahren in die Hand genommen. Der Anteil der Ausgaben im schulischen Bereich ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt allerdings gesunken.

Mehr Investitionen gefordert

Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung sagt: "Im 21. Jahrhundert, wo Bildung die Schlüsselressource ist, kommt eigentlich alles darauf an, in das Bildungssystem insgesamt mehr als bisher zu investieren." Ein zurückgehender Anteil am Bruttoinlandsprodukt sei hier ein Alarmzeichen.

Deshalb fordert Krüger mehr Investitionen, etwa in die frühkindliche Bildung. Die Bildungsforschung zeige immer wieder, dass die Weichen für das spätere Leben bereits sehr früh gestellt werden.