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Datendiebstahl: "'0rbit' will mit Erfolgen prahlen" | BR24

© dpa/pa

Zwischen dem Binärcode auf einem Laptopmonitor ist Wort "gehackt" zu sehen

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    Datendiebstahl: "'0rbit' will mit Erfolgen prahlen"

    Der Hacker, der die persönlichen Daten von Politikern und Prominenten veröffentlicht hat, nennt sich "0rbit". Eine Spur führt zu Jan S., der vorgibt, "0rbit" gut zu kennen - und Sicherheit im Internet verkauft.

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    Der Angreifer kam mit zahlreichen Namen daher, aber stets mit demselben Ziel: Maximale Aufmerksamkeit. Als "Nullr0uter" soll er bereits seit Jahren private Daten von YouTube-Stars veröffentlicht haben, als "0rbit" stellte er die Daten von fast 1.000 Politikern und Prominenten ins Netz. Bei den meisten wurden nur die E-Mail-Adresse oder die Handynummer veröffentlicht, bei rund 50 Betroffenen allerdings auch Ausweis-Kopien, private Fotos, Verträge und Videos gegen ihren Willen.

    Geltungssucht als Motiv

    Warum macht "0rbit" das? Reporter von NDR und "Süddeutscher Zeitung" haben mit mehreren Menschen gesprochen, die sagen, den Hacker durch gemeinsame Chats und Internet-Gespräche zu kennen. Sie alle behaupten: Dieser Hacker möchte zeigen, was er kann. "Er will mit seinen Erfolgen prahlen", sagte etwa Thomas Hackner, der auf YouTube unter dem Pseudonym HerrNewstime eine erfolgreiche Video-Kolumne betreibt. Hackner kennt "0rbit" nach eigenen Angaben seit vier Jahren. "Er wirkte auf mich zurückhaltend und sehr jung."

    Sich selbst beschrieb "0rbit", der sich gelegentlich auch "0rbiter" nennt, als "unverhaftbar" und "unzurückverfolgbar", als er im Jahr 2015 das Konto der Youtuber-Gruppe "PietSmiet" übernommen hatte. Bereits damals veröffentlichte er die erbeuteten Informationen auf ähnliche Weise wie bei dem Angriff jetzt auf Politiker und Prominente.

    Schon seit Jahren berüchtigt

    Unter deutschen YouTube-Künstlern ist der Hacker schon seit einigen Jahren berüchtigt. Doch mit der jüngsten Bloßstellung geraten auch Politiker in sein Visier. Ein Wegbegleiter, der vorgibt, "0rbit" schon lange zu kennen, sagte: "Zuletzt hat er sich in eine immer rechtsradikalere Richtung entwickelt und sich immer stärker politisiert." Er habe dann nur noch Opfer ausgesucht, "gegen die er selbst eine Abneigung entwickelt hat".

    Reporter von NDR und SZ konnten mit einem Opfer des jüngsten Hacking-Angriffs ausführlich über die Vorgehensweise des Hackers sprechen. Bereits im Dezember 2017 hatte sich der Hacker zunächst Zugang zu dem E-Mail-Konto des Opfers bei einem Webmail-Anbieter verschafft, indem er das offenbar zu einfache Passwort mutmaßlich durch automatisches Ausprobieren erraten hat.

    Gehacktes E-Mail-Konto als Schlüssel

    Nachdem der Hacker einmal Zugang zu dem E-Mail-Konto hatte, hat er von dort aus im Namen des Opfers E-Mails verschickt - zum Beispiel an den Kundendienst von Twitter, mit der Bitte, das Passwort für das Konto des Opfers zurückzusetzen, weil er es vergessen habe.

    Da der Angreifer Kopien persönlicher Dokumente des Opfers in den E-Mails gefunden hatte, konnte er gegenüber Twitter glaubhaft auftreten: "Ich kann meinen Personalausweis und oder meinen Reisepass einsenden um mich zu bestätigen." Auch an den Arbeitgeber des Opfers hat er in dessen Namen eine E-Mail geschickt, mit der Bitte, das Passwort für das Twitter-Konto des Arbeitgebers noch einmal zu schicken: "Hey, ich bräuchte mal das Twitter Passwort^^ ich habe es nicht mehr", heißt es salopp im Wortlaut in der E-Mail.

    Technisch nicht sonderlich raffiniert

    Das Vorgehen ist technisch nicht besonders ausgeklügelt, es benötigt vor allem Zeit und Geduld. So erklärt sich womöglich auch die Zusammensetzung seiner jüngsten Veröffentlichung, in der sich zum Teil sehr alte Informationen von wenig bekannten Personen der Netzszene neben privaten Details und Gesprächsprotokollen von Spitzenpolitikern finden. Der Angreifer hat dabei auch Informationen verwendet, die er über Jahre hinweg gesammelt hat - entweder aus eigenen Angriffen, oder aus den Veröffentlichungen anderer Hacker.

    Der RBB berichtete, dass das Bundeskriminalamt die Wohnräume von Jan S. einem jungen Mann in Heilbronn, durchsucht hat. Auf Twitter teilte Jan S. mit: "Das BKA hat gestern in einer mehrstündigen Razzia meine Wohnung durchsucht." Der Mann werde von den Ermittlern bisher als Zeuge geführt, der Tatverdacht richte sich gegen einen oder mehrere andere Täter, erklärte Georg Ungefuk, Sprecher der zuständigen Schwerpunktstaatsanwaltschaft Gießen. Einen Teil von Jan S.s Computern und Handys haben die Ermittler beschlagnahmt.

    Jan S. weist Vorwürfe zurück

    Jan S. selbst hat stets dementiert, etwas mit dem Ausspähen der Daten zu tun zu haben. In sozialen Netzwerken wettert er gegen die "zurückgebliebenen Vollidioten", die ihn für den Angreifer halten. Recherchen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" zeigen allerdings, wie eng Jan S. mit dem unbekannten "0rbit" zusammenhängt.

    Demnach hat S. eine Webseite mit der Adresse dox.sx im März 2015 registriert. Das geht aus einer alten Eigentümer-Abfrage der Adresse hervor, die NDR und SZ vorliegt. Später löschte Jan S. alle Informationen wieder, die seinen Namen mit der Webseite in Verbindung bringen. Die Seite selbst ist mittlerweile gelöscht worden.

    Dementis nicht ganz glaubwürdig

    Im Februar 2018 hatte "0rbit" sie jedoch als eigene Homepage in seinem Twitter-Profil eingetragen. Im Sommer 2018 setzte "0rbit" zwei Twitter-Nachrichten ab, die auf die Seite verlinkten. Er nutzte offenbar die von Jan S. betriebene Webseite, um private Informationen aus seinen Beutezügen zu verbreiten. Ein Teil der damals auf dox.sx abrufbaren Privat-Daten findet sich nun auch in dem jüngsten Leak des Hackers wieder. Am Samstag behauptete Jan S., dass sich "0rbit" mit einer verschlüsselten Nachricht bei ihm gemeldet habe und "die Vernichtung von Hardware (PC, usw.) bestätigt" habe.

    Verfahren wegen Erpressung gegen Jan S.

    Nach Informationen von NDR und SZ musste sich Jan S. außerdem vor zwei Jahren wegen versuchter Erpressung nach einem Hacker-Angriff vor dem Amtsgericht Heilbronn verantworten. Der damals noch minderjährige S. erhielt offenbar unter anderem die Auflage, seine Webseiten abzumelden und sich "aus der Computerszene fernzuhalten". Das legen Dokumente nahe, die dazu im Internet kursieren. S. sagte auf Anfrage, das Verfahren sei damals eingestellt worden und mit dox.sx habe er nichts zu tun.

    Sein Geld verdient Jan S. übrigens als Entwickler. Er betreibt in Heilbronn eine Firma, die "Sicherheit" im Internet verspricht. Dort wirbt die Firma mit dem Satz: "Die Wahrung der Privatsphäre bei Personen des öffentlichen Lebens wird oftmals eingeschränkt. Gerne beraten wir Sie, um Ihnen bestmöglichen Schutz zu bieten."

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    Autoren
    • Jan Strozyk
    • Svea Eckert
    • Peter Hornung
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