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Das Trauma von Winnenden: Der Polizist und die toten Kinder | BR24

© BR/Hans Fischer

Als Polizist war Ernst Kappel 2009 beim Amoklauf von Winnenden vor Ort. Seit dem Ereignis leidet er an einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

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    Das Trauma von Winnenden: Der Polizist und die toten Kinder

    Ernst Kappel hat nach dem Amoklauf von Winnenden vor elf Jahren die verletzten Kinder vernommen und danach mit Rechtsmedizinern die Toten identifiziert. Was Polizisten angeblich einfach "wegstecken" sollten, konnte er nicht aushalten.

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    Ernst Kappel war – wie er selbst sagt - "ein Vollblutbulle". Hart im Nehmen, hart im Geben – bis zum 11. März 2009. Damals tötete ein 17-jähriger Amokläufer an der Albertville-Realschule in Winnenden, einem Psychatriezentrum und im nahegelegenen Wendlingen 15 Menschen, darunter neun Kinder und eine Lehrerin.

    Der Amoklauf brachte den harten Polizisten an seine Grenzen

    Im Dauereinsatz vor Ort war damals auch der Kriminalbeamte Ernst Kappel. Er fahndete in der Umgebung nach dem bewaffneten Täter, vernahm die verletzten Kinder im Krankenhaus und musste dann – als er schon längst nicht mehr konnte – mit den Rechtsmedizinern die Toten identifizieren und untersuchen. Wie geht man mit einem solchen Geschehen um? Verarbeiten? Verdrängen? "Man lernt mit Strategien zu leben - mit Vermeidungsstrategien", sagt Kappel. "Aber es ist nicht mehr so, wie es früher war."

    Ernst Kappel ist der einzige Polizist, der offen darüber spricht, wie ihn der Amoklauf aus der Bahn geworfen hat und wie sehr er sich von der Polizeiführung im Stich gelassen fühlt. Ausgerechnet ihn, den Karatemeister, den harten Hund. Als Kriminalbeamter jagte er Skinheads, Mörder und Drogendealer. Und wenn es auf seiner Dienststelle um brisante Festnahmen ging, holte man ihn, den Starken, "den Verlässlichen".

    Vorgesetze nahmen Traumatisierung nicht ernst

    Doch was er in den Stunden nach dem Amoklauf von Winnenden erlebte, warf den zweifachen Familienvater völlig aus der Bahn – beruflich und privat. Er war es, der die tödlichen Verletzungen der ermordeten Kinder in der Gerichtsmedizin dokumentieren musste: "Ich kann mich noch gut erinnern. Da ist aus dem Körper eines Mädchens, aus den Schusslöchern, unheimlich viel Blut geflossen", erzählt Kappel. "Und eine junge Studentin wurde angehalten, das abzutupfen. (...) Das geht nicht! Während der Leichensachbearbeitung habe ich das für eine Weile unterbrochen. Ich musste einfach rausgehen und frische Luft atmen. Ich war nervlich (...) völlig am Ende. Ich bin dann aber wieder rein und habe sie zu Ende gemacht – meine Arbeit."

    Die Bilder im Kopf verschwinden nicht mehr. Nicht nach Tagen und auch nicht nach Wochen und Monaten. Manchmal kann Kappel das Geschehen verdrängen. Doch das funktioniert zunehmend immer schlechter. Er wird krank – leidet unter dem, was Psychologen eine posttraumatische Belastungsstörung – PTBS – nennen. Vorgesetzte und Polizeiärzte nehmen sein seelisches Leiden nicht ernst. Jahrelang zermürbende Auseinandersetzungen folgen. Immer wieder die Frage: Kann ein Schaden an der Seele, die Folge eines Dienstunfalls, "wie ihn die Polizei definiert", sein?

    Psychotherapeut: PTBS ist bei Polizei ein Tabuthema

    Erst gut drei Jahre nach dem Amoklauf wurde ihm eine Therapie bei einem Traumatherapeuten bewilligt. Der Stuttgarter Psychotherapeut Harald Requardt stellt bei dem inzwischen nicht mehr dienstfähigen Polizisten eine posttraumatische Belastungsstörung fest. Betroffen, so der Therapeut, seien oft sogenannte "alte Hasen". "Je länger wir in einem Beruf sind, je länger wir stressige Lebensereignisse erlebt haben, umso riskanter wird es für uns", so Requardt. "Irgendwann bricht die Seele. Es sind eigentlich diejenigen, die viele Einsätze gehabt haben, die oft angegriffen wurden oder irgendwelche riskanten Einsätze hatten."

    Der Therapeut spricht von "verletzten Seelen" und sagt, bei der Polizei sei das bis heute nicht selten ein Tabuthema. Requardt nennt es einen Systemfehler. Eine Reihe von Polizisten würde unter solchen Störungen leiden. Die würden sich aber hüten, dies preiszugeben. Nach Requardts Einschätzung hätten diese Polizisten schlicht Angst, dass ihre Karriere dann vorbei sei.

    Kappel beklagt das "System Polizei"

    Nach dem Amoklauf von Winnenden klagten elf betroffene Polizistinnen und Polizisten über psychische Probleme. Dazu stellt das Innenministerium von Baden-Württemberg bis heute fest, "dass die nachgeordneten Dienststellen alle möglichen Anstrengungen im Sinne einer Wiedereingliederung in den Beruf unternommen hätten."

    Und auch Ernst Kappel kämpfte: Erst um die Wiedereingliederung in seinen Beruf, dann um seine Pension als "im Dienst zu Schaden gekommener Polizist". Kurz bevor es nach Jahren zu einer Einigung um die Anerkennung kommt, stellen die Ärzte bei ihm einen Hirntumor fest. Er verliert sein linkes Auge. Den Kampf gegen die Vorgesetzten und die Bürokratie hat er gewonnen. Doch den Kampf gegen den Krebs wird Ernst Kappel verlieren. Sein Vermächtnis ist ein Buch. Der Titel: "System Polizei".

    "Da sind die Verletzungen und die Narben auf der Seele. Sie sind tief", sagt Kappel. "Mein Dienstherr hat sie immer wieder aufgerissen. Jetzt wo ich mich mit dem Thema Krankheit und Sterben beschäftigen muss, werden sie unweigerlich wieder wach. Die Bilder, die sich in meine Seele eingebrannt haben, werden mich bis in den Tod begleiten.“

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