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Tschechien leidet seit Monaten sehr stark unter der Corona-Pandemie

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    Darum explodieren die Corona-Zahlen in Tschechien

    Corona hat Tschechien immer noch fest im Griff. Um die Pandemie einzudämmen, hat die Regierung den Lockdown nun noch einmal verschärft. Doch viel Vertrauen ist bereits verspielt und die Menschen sind der Einschränkungen mittlerweile müde.

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    Von
    • Peter Lange
    • BR24 Redaktion

    Als die tschechische Regierung am 21. Oktober vergangenen Jahres den zweiten Lockdown beschlossen hatte, stimmte Gesundheitsminister Roman Prymula hinterher die Bevölkerung auf harte Zeiten ein. Die nächsten drei Woche, so der Epidemiologe, würden für die Tschechen kompliziert und alles andere als fröhlich. Der Mann irrte gewaltig. Aus drei Wochen sind inzwischen mehr als fünf Monate geworden und ein Ende ist nicht abzusehen.

    Aktuell hat Tschechien laut den Zahlen der John Hopkins Universität die höchste 7-Tage-Inzidenz weltweit, mit 768. Deutschland steht aktuell bei 65,8. Und die Infektionsrate im Nachbarland liegt bereits bei 11,5 Prozent.

    Prymula sorgte wiederholt für Empörung

    Prymula ist längst nicht mehr Gesundheitsminister. Nur Tage nach diesem Statement zeigt ihn ein Zeitungsfoto, wie er ein Lokal in Prag verließ, wo doch alle Lokale schließen mussten. Ministerpräsident Andrej Babis forderte ihn auf, seinen Rücktritt einzureichen. Vor zwei Wochen wurde Prymula als Zuschauer bei einem Fußballspiel auf der Tribüne gesehen, wo doch Zuschauer wegen Corona nicht erlaubt waren. "Ihm fehle einfach die soziale Intelligenz", meinte daraufhin Andrej Babis und trennte sich vollends von dem Mediziner, den er noch als Berater an seiner Seite hatte.

    Vertrauensverlust in der Bevölkerung

    Roman Prymla, und das hat er selbst so ähnlich formuliert, ist die Personifizierung des Vertrauensverlustes, den die tschechische Regierung in den letzten Monaten hinnehmen musste, und der auf das ganze Corona-Management mit fatalen Folgen zurückschlägt. "Zu viele Leute befolgen nicht mehr die Corona-Einschränkungen", meinte vor Wochen etwas resigniert Prymulas Nachfolger, Gesundheitsminister Jan Blatny. Deshalb zeige der Lockdown nicht den erhofften Effekt. Ein Befund, der inzwischen auch wissenschaftlich belegt ist. Das Forschungsprojekt "Nationaler Pandemie-Alarm" (NPA) hat das ganze Jahr die Haltung der Bevölkerung zum Staatsapparat abgefragt.

    Der wichtigste Befund: Vor einem Jahr, kurz nach Beginn der Pandemie, erreichte der Staat, also Regierung und Behörden, auf einer Vertrauensskala von 1 bis 100 den Wert von 65. Im Februar diesen Jahres waren es nur noch 35. Werden einzelne Politikerinnen und Politiker abgefragt, liegen die Werte noch deutlich darunter. Babis kommt nur auf sieben Punkte. Der Regierungschef selbst weiß um das Problem. Es brauche einen neuen Kopf, der den Leuten die Lage erkläre, meinte er unlängst. Der Premier sei dafür nicht der Richtige.

    Corona-Politik in Tschechien wenig erfolgreich

    Der Vertrauensverlust rührt nicht nur aus Beobachtungen jener Art, dass die Oberen Wasser predigen und Wein trinken. Er hat zu tun mit Fehleinschätzungen, halbherzigen und verspäteten Entscheidungen der Regierung und einer Bürokratie, die Entscheidungen dann nur halbherzig und nicht gerade bürgerfreundlich umsetzt. Das trifft dann auf eine traditionelle Mentalität in Tschechien, die als Überlebensstrategie in Kriegs- und Krisenzeiten erprobt ist: Man duckt sich weg, die Ansagen von oben werden ignoriert oder listig umgangen. Es ist dieses schwejk’sche Moment, natürlich ein Klischee, aber wie alle Klischees mit einem Körnchen Wahrheit behaftet. Aber diese Überlebensstrategie, das ist die Erfahrung, die die Tschechen gerade leidvoll machen, funktioniert nicht in einer Pandemie.

    Viele gingen mit Symptomen zur Arbeit und hielten Kontakte zurück

    Hinzu kommen handfeste materielle Aspekte, die auch wiederum auf Versäumnisse der Regierung hinweisen. Wer sich in Quarantäne begeben musste, wurde krankgeschrieben und erhielt bis vor kurzem nur 60 Prozent seines Einkommens. Gerade in den wirtschaftlich schwächeren Randgebieten, wo die Löhne ohnehin schon unter dem eh schon niedrigen Landesdurchschnitt liegen, können sich das viele Leute nicht leisten. Also gehen sie auch mit Symptomen zur Arbeit. Und müssen sie in Isolation, dann behalten sie das oft für sich. Sie wollen ja Verwandte und Freunde nicht mit reinreißen, mit denen sie sich untersagterweise und häufig ohne Mundschutz getroffen haben.

    Erst vor kurzem hat die Regierung beschlossen, dass Menschen in Quarantäne pro Tag einen Zuschuss von umgerechnet 14 Euro bekommen sollen. Und wenn der Senatspräsident, der honorige Milos Vystrcil von der ODS, auf die famose Idee kommt, dass Leute, die das Privileg des Homeoffice haben, doch aus Solidarität auf 20 Prozent ihres Einkommens verzichten sollten (er hat das gleich wieder kassiert!), dann trägt das weder zur Popularisierung des Homeoffice noch zur Vertrauensbildung bei. Wobei an dieser Stelle anzumerken ist, dass unter dem Vertrauensverlust auch das Parlament als Ganzes und die Opposition zu leiden hat.

    Menschen in Tschechien sind der Einschränkungen müde

    Andrej Babis, der Ministerpräsident, hat am Freitag in ungewohnt selbstkritischer Weise Fehler seiner Regierung eingestanden und um eine letzte Chance gebeten. Es braucht schon sehr viel Optimismus um anzunehmen, dass sich die Menschen in Tschechien jetzt einen Ruck geben und die Pandemie gemeinsam so beherzt und so konsequent angehen wie vor einem Jahr. Im vergangenen Herbst hätte das vielleicht funktioniert. Jetzt sind sie viel zu erschöpft.

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