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Dark Tourism: Ferien, wo andere leiden mussten | BR24

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Für viele ist Urlaub die schönste Zeit des Jahres, und die wollen sie in der Sonne verbringen. Immer mehr zieht es dann aber auch an Orte wie Auschwitz oder Tschernobyl. Dieser Trend heißt "Dark Tourism" und beschäftigt mittlerweile die Wissenschaft.

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Dark Tourism: Ferien, wo andere leiden mussten

Im Urlaub reisen die meisten Menschen an besonders schöne Orte der Welt. Genau das wollen manche nicht - stattdessen zieht es sie an düstere Orte wie Fukushima oder Tschernobyl. "Dark Tourism" - ein Trend mit Schattenseiten.

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Die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Dachau, Ground Zero in New York, wo früher das World Trade-Center stand, oder das Sperrgebiet rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine haben momentan Konjunktur. So genannte "Dark Tourists" besuchen gezielt Orte, an denen Katastrophen passiert sind und posten das Gänsehaut-Erlebnis dann in sozialen Netzwerken.

Christian Eckert hat auch schon viele solche Orte besucht, aber er beschäftigt sich wissenschaftlich mit diesem Phänomen. Der 30-Jährige schreibt am Lehrstuhl für Tourismus und Entrepreneurship der Universität Eichstätt-Ingolstadt gerade seine Doktorarbeit zum Thema "Dark Tourism". "Den Begriff an sich gibt es erst seit 1996", sagt Eckert. "Damals wurde er von zwei britischen Wissenschaftlern eingeführt. Das Phänomen hat keine einheitliche Definition, aber einen einheitlichen Kern: 'Dark Tourism' ist Tourismus, der im Kontext mit menschlichem Leid und dem Thema Tod steht.“

Was zieht Menschen an solche Orte des Schreckens?

Medien spielen eine wichtige Rolle bei dem Hype. In der Netflix-Serie "Dark Tourist“ reist ein Journalist zum Beispiel nach Fukushima und berichtet dort über seine Erfahrungen und wie es den Menschen dort geht, die ihren Heimatort verlassen mussten, weil er jetzt in einem Sperrgebiet liegt. Das Image des "Dark Tourists“ gefällt offenbar einigen und findet Nachahmer.

Auch der Erfolg der HBO-Serie "Chernobyl“, die hierzulande auf Sky läuft, trägt möglicherweise einen Teil zu dem Faszinosum bei. Christian Eckert hält den nonkonformistischen Touch, den das Image erzeugt, für einen Beweggrund der "Dark Tourists“: "Da versuchen eben Leute sich durch ihr Reiseverhalten auch persönlich zum Ausdruck zu bringen. Sie sagen, ich bin jetzt nicht mehr in Südeuropa auf dem Kulturtrip, sondern ich reise ganz gezielt an Orte wie Auschwitz oder Tschernobyl und grenze mich dadurch von der breiten Masse ab.“

Orte für "Dark Tourism" auch in Bayern

Auch in Bayern gibt es viele Plätze, die für "Dark Tourists“ interessant sind. Dazu gehören hauptsächlich Orte die im Kontext mit der Zeit des Nationalsozialismus stehen. Neben den Konzentrationslagern etwa das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder das NS-Doku-Zentrum auf dem Obersalzberg. In München bietet der Verein "Stattreisen“ geführte Touren an, die sich mit den Spuren des Nationalsozialismus in der Landeshauptstadt befassen.

Der Verein will das Geschichtsbewusstsein der Menschen erweitern. Ein Anlaufpunkt der Tour ist zum Beispiel das ehemalige Wittelsbacher Palais, das Gestapo-Hauptquartier, in dem die Geschwister Scholl verhört wurden. Heute steht dort die Bayerische Landesbank. Solche Details kommen bei den Besuchern gut an und die Touren sind seit Jahren sehr gefragt: Etwa 100 Führungen organisiert Geschäftsführerin Eva Strauß pro Jahr.

Dark Tourism - ein zwiespaltiger Trend

Den Begriff "Dark Tourism“ lehnt sie allerdings ab und kritisiert auch den Hype um das Phänomen. "Eigentlich offenbart sich dahinter auch eine menschenverachtende Haltung, weil es dann nur um eine narzisstische Befriedigung von Bedürfnissen geht, nicht um eine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Geschehnissen, die damals passiert sind, und die ja auch viel Leid für die Betroffenen bedeutet haben, " so Strauß.

Bisher ist Dark Tourism noch eine Randerscheinung, kein Massenphänomen Ein zwiespältiger Trend. Zwar führt er im besten Fall zu größerem Geschichtsbewusstsein. Aber die Gefahr besteht, dass Orte, an denen Katastrophen stattgefunden haben, an denen großes menschliches Leid geschehen ist, zur bloßen Bühne verkommen, um das eigene Ego aufzuwerten.