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Da fehlt doch was! Wenn Stasi-Akten lückenhaft sind | BR24

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Ein Stasi-Opfer aus München auf der Suche nach seiner Vergangenheit. In den Archiven findet er: Wenig. Verschwundene Akten und die Frage: Wird es in Zukunft noch schwerer, die DDR Vergangenheit aufzuklären?

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Da fehlt doch was! Wenn Stasi-Akten lückenhaft sind

Seit der Wende haben bundesweit mehr als zwei Millionen Menschen ihre Stasi-Akten eingesehen. Bernd Horn und Werner Gumpel waren als junge Männer Regimekritiker und flohen. Als sie ihre Akten sehen wollen, erleben sie eine Enttäuschung.

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Das Misstrauen von Stasi-Opfer Werner Gumpel sitzt bis heute tief

"Ich habe nach der Wende die Akteneinsicht beantragt, es dauerte allerdings Jahre. Vielleicht ist das falsch gedacht, aber ich hatte den festen Eindruck, man wolle gar nicht den Zugang zu den Akten haben." Werner Gumpel

Studentischer Widerstand, Gefangenenlager, Flucht

Während seines Studiums an der Karl-Marx-Universität Leipzig schließt sich Werner Gumpel der Belter-Gruppe an, benannt nach dem Studenten und Widerstandskämpfer Herbert Belter, der 1951 hingerichtet wird. Gumpel landet im Gefängnis, verbringt vier Jahre in einem russischen Strafgefangenenlager, Workuta, nördlich des Polarkreises.

"Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Das war meine Devise." Werner Gumpel

Nach seiner Begnadigung flieht er in den Westen, studiert, wird Professor für Wirtschaftswissenschaften.

Schwärzungen in der Stasi-Akte

Was für eine Vita: Widerstand, Strafgefangenenlager, Begnadigung, Flucht. In den Stasi-Akten von Werner Gumpel findet sich zwar einiges dazu, aber wegen der vielen Schwärzungen nicht der "Weg des Verrats", wie er es ausdrückt.

Gumpel hat einen Verdacht: "Es können noch irgendwelche Nachzügler vom SED-Regime gewesen sein, und in der Gauck-Behörde saßen ja auch solche Leute, sie wurde ja nicht alle rausgeschmissen!"

DDR Vergangenheit: Licht ins Dunkel bringen

Auch Bernd Horn hat versucht, Licht ins Dunkel seiner DDR-Vergangenheit zu bringen. Als Schüler und später als Student in Leipzig hatte er rebelliert und war dadurch ins Visier der Staatssicherheit geraten.

Er wird von der Karl-Marx-Universität Leipzig zwangsexmatrikuliert und soll zur Umerziehung in ein Arbeitslager. Das bedeutet: Ende seiner gerade erst begonnenen wissenschaftlichen Laufbahn. Der damals 19-jährige entschließt sich zur Flucht. Am 5. September 1961 steigt er bei Treffurt in Thüringen in die Werra, lässt sich im eiskalten Wasser einige Kilometer flussabwärts treiben und schafft es im hessischen Heldra ans Ufer.

Stasi-Opfer wittert Willkür und Einflussnahme

Neun Jahre nach dem Mauerfall will Bernd Horn seine Akte einsehen und stellt einen Erstantrag in Berlin, später in Leipzig.

"Mein erster Antrag hat mir 15 Papiere gebracht von denen so geschwärzt war, dass insgesamt noch eineinhalb Zeilen lesbar waren. Nämlich mein Name und nichtssagende Sachen, also Leipzig, oder der Ort, wo ich aufgewachsen bin. Das war erschütternd. Bernd Horn, Stasi-Opfer

Horn geht es vor allem darum, diesen Teil seiner Identität sichtbar zu machen – auch für seine Kinder und Enkel. Er wittert Willkür und Einflussnahme ehemaliger Stasi-Leute.

"Dieses ganze Spiel hat so was Aufwühlendes, so was von wer steckt denn da vielleicht dahinter und verhindert die Weitergabe von Informationen, dass ich empört war." Bernd Horn

Aus seinen Unterlagen geht hervor, dass bis 1972 ein Haftbefehl gegen ihn vorlag und er bis in die achtziger Jahre hinein von DDR-Informanten in Westdeutschland beobachtet wurde. Ist sein Misstrauen berechtigt?

Verständnis für Misstrauen

Die Spurensuche beginnt in Leipzig, wo Bernd Horn zuletzt gelebt hat. Die Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde liegt in der Nähe des Bahnhofs. Regina Schild leitet die Außenstelle und ist zu einem Interview bereit.

Willkür bei der Akteneinsicht schließt Regina Schild aus. Alles werde kontrolliert, Beschwerden landeten auf ihrem Tisch und würden nochmals geprüft, versichert sie. Auch eine Klage vor Gericht sei möglich.

Für das Misstrauen von Stasi-Opfern wie Werner Gumpel und Bernd Horn hat die Leiterin der Außenstelle Leipzig aber Verständnis.

"Weil die Vorstellung im Allgemeinen ist: Jeder hat seine Akte und jeder hat ein Personendossier zu sich. So ist es nicht. Es kann viele Akten geben und man kann in vielen Akten sein. Aber es ist in einer Akte eben nicht nur eine Person überwacht, sondern viele. Und diese Vielen sind oft beschrieben bis in die Intimsphäre." Regina Schild, Stasi-Unterlagenbehörde Leipzig

Die Intimsphäre anderer Stasi-Opfer müsse durch Schwärzungen geschützt werden, erklärt Regina Schild.

Spuren verwischt: Tausende Säcke Papierschnipsel

Dazu kommt: Viele Dokumente wurden kurz vor und auch noch nach dem Mauerfall von der Stasi vernichtet. Allein in Leipzig gibt es noch 2.300 Säcke Papierschnipsel, die rekonstruiert werden müssen.

Geduld und Zähigkeit sind also gefragt, Überraschungen und Enttäuschungen sind nicht ausgeschlossen. Und das wird wohl auch so bleiben, wenn die Stasi-Unterlagen im Laufe der kommenden Jahre unter das Dach des Bundesarchivs wandern, wie es der Bundestag kürzlich beschlossen hat.

Die Außenstellen in den ostdeutschen Ländern sollen zwar erhalten bleiben und auch der Zugang zu den Akten. Doch Kritiker sind skeptisch, befürchten Nachteile bei der historischen Aufarbeitung.

Und in all diese Sachfragen mischt sich viel Emotion: Menschen wurden drangsaliert, sind davon geprägt und misstrauisch. Und die friedliche Revolution von 1989 sieht in der Stasiunterlagenbehörde auch ein Denkmal, das verteidigt werden will.

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Ein Stasi-Opfer aus München auf der Suche nach seiner Vergangenheit. In den Archiven findet er: Wenig. Schwärzungen, verschwundene Akten und die Frage: Wird es in Zukunft noch schwerer, die DDR Vergangenheit aufzuklären?