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Countdown Mauerfall: "Sudel-Edes" letzter Auftritt | 30.10.1989 | BR24

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RFT-Fernseher mit dem "Schwarzen Kanal" in einer DDR Schrankwand. Installation im DDR-Museum, Berlin

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Countdown Mauerfall: "Sudel-Edes" letzter Auftritt | 30.10.1989

Immer wieder haben sie auch gegen ihn demonstriert. Jetzt verabschiedet sich Karl-Eduard von Schnitzler, für Jahrzehnte Chefagitator des DDR-Fernsehens, vom Bildschirm. Ironie der Geschichte: am Demonstrationsmontag bekommt das zuerst kaum wer mit.

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30. Oktober 1989. Wieder strömen die Bürger zu den Montagsdemonstrationen in der DDR, und wieder sind es mehr als in der Vorwoche. Dreihunderttausend allein in Leipzig. In Hamburg erscheint der "Spiegel" mit einer weiteren Titelgeschichte zur Wende in der DDR. Überschrift: "Ein Volk ohne Angst".

Zu den Forderungen, die die Demonstranten zunehmend angstfrei stellen, gehört auch die Absetzung von verhassten Vertretern des Systems. Dessen Kopf Erich Honecker ist bereits Geschichte. Heute folgt ihm der bekannteste Fernsehkommentator der DDR ins Archiv.

Es sind noch zehn Tage bis zum Fall der Mauer.

Karl-Eduard von Schnitzler: ein Adeliger im Dienst des Sozialismus

Dieser Herr von Schnitzler ist ein "Hundertprozentiger". Fast 30 Jahre lang hat er seit seiner ersten Sendung am 21. März 1960 den real existierenden Sozialismus in höchsten Tönen gepriesen und den Westen abgrundtief verdammt - was ihm bei Spöttern den Spitznamen "Sudel-Ede" einbringt.

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#BR24Zeitreise: Karl-Eduard von Schnitzler im Porträt

Schnitzlers Herkunft überrascht. Geboren 1918 als Sohn eines Berliner Legationsrates, zählt er den preußischen Kurzzeit-Kaiser Friedrich III. zu seinen Vorfahren. Selbstzeugnissen zufolge hat den Journalisten seine teils im NS-Staat aktive adelige Verwandtschaft in die Arme des Sozialismus getrieben.

Schnitzlers "Schwarzer Kanal": Der Gegen-Sender

Sein Magazin "Der schwarze Kanal" ist eine Art Abwehrreaktion auf das "Westfernsehen". Das nämlich ist auch in weiten Teilen der DDR zu sehen; lediglich in der Gegend von Dresden, dem "Tal der Ahnungslosen", und ganz im Norden empfangen viele nur Päckchen von hüben. Besonders der Tagesschau, die am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1952 kurz nach dem DDR-Pendant "Aktuelle Kamera" erstmals auf Sendung gegangen ist, glauben viele DDR-Bürger bald mehr als den eigenen Medien.

Schnitzler contra Löwenthal: ein deutsches Fern(seh)duell

"Wahlossi" Schnitzler, der vor 1947 für die BBC und den neuen Nordwestrundfunk gearbeitet hat, zeigt von da an ausgewählte TV-Beiträge des Klassenfeinds und kommentiert sie aus seiner Perspektive - einer eigenartigen Mischung aus antiwestlichen Enthüllungen und Propagandabehauptungen, vorgetragen gern in gesprochenen Spiegelstrichen ("Erstens ... Zweiten ...").

Der Westen revanchiert sich, indem er Schnitzlers Zahnarztbesuche in Lübeck und einen angeblichen Ladendiebstahl seiner Frau im Westberliner KaDeWe zu Schlagzeilen verarbeitet. Ab 1969 entwickelt sich ein (zumindest im Nachhinein) recht unterhaltsames Fernduell mit dem offensiv antikommunistischen Westjournalisten Gerhard Löwenthal ("ZDF-Magazin"), der schon 1988 in den Ruhestand geschickt wird. Für Schnitzler einer der letzten Gründe zum Feiern

"In diesem Sinn: Auf Wiederschau'n"

Nach 1.519 Sendungen geht auch für den roten Baron und Schwarze-Kanal-Arbeiter Schnitzler das Licht aus. Am 30. Oktober verabschiedet er sich mit einem hoffnungsfrohen "Auf Wiederschaun" und der Parole „Der Klassenkampf geht weiter."

"In diesem Sinne werde ich meine Arbeit als Kommunist und Journalist für die einzige Alternativer zum unmenschlichen Kapitalismus fortsetzen - als Waffe im Klassenkampf, zur Förderung und Verteidigung meines sozialistischen Vaterlands." Karl Eduard von Schnitzler, "Der schwarze Kanal", Folge 1.519

Nicht frei von historischer Dialektik, wenn nicht gar Ironie ist - erstens: dass davon am Demonstrationsmontag nur wenige etwas mitbekommen. Und zweitens, dass Schnitzler nach dem Mauerfall gegen Westmark-Entschädigung noch ein paar altersmilde Kolumnen verfassen darf. Titel: "Der rote Kanal", publiziert im "endgültigen Satiremagazin Titanic".

…und morgen im Countdown Mauerfall: Eine Ostberliner Schülerin erlebt ihre ganz persönliche Wende.

Der Countdown zur Freiheit: täglich auch im Radio auf BAYERN 1. Montags bis Freitags um 17.40 Uhr, am Wochenende um 14.15 Uhr.

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