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Countdown Mauerfall: Es geht um Kopf und Kragen|8.11.1989 | BR24

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8.11.1989: Egon Krenz und Günter Schabowski vor Demonstranten am Palast der Republik

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Countdown Mauerfall: Es geht um Kopf und Kragen|8.11.1989

Die SED versucht zu retten, was zu retten ist - und die Stasi, zu vernichten, was immer sie an Belastendem noch vernichten kann. Der populärste TV-Star der DDR feiert Geburtstag und Matthias Sammer schießt sein letztes Traumtor vor dem Mauerfall.

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8. November 1989 – ein Mittwoch. In der DDR-Oberliga gelingt Matthias Sammer an diesem Spieltag ein Traumtor. Er trifft aus 30 Metern genau in den Winkel und bringt damit Dynamo Dresden gegen Magdeburg mit 2:0 in Führung.

Am nächsten Tag fällt die Mauer.

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Auch einen Monat zuvor, am 10. Oktober, ist Matthias Sammer ein zentraler Akteur: Beim 2:1 der DDR-Auswahl gegen die UdSSR in Karl-Marx-Stadt.

Krenz geht, Modrow kommt

Weniger klaren Zug zum Tor zeigt das politische Geschehen in der DDR. Selbst Insidern fällt es zunehmend schwer, den Überblick zu behalten. Nach dem gestrigen Rücktritt der Regierung wird an diesem 8. November nun auch das Politbüro umbesetzt. Als neuer Regierungschef ist Hans Modrow nominiert - er sei offen für Reformen, heißt es.

Wie man in Bonn die Sache sieht

Im Bundestag warnt Kanzler Helmut Kohl, die Menschen in der DDR würden sich "mit dem bloßen Austausch von Personen" nicht zufrieden geben. Es gehe um nichts weniger als die Einführung der demokratischen Grundrechte in der DDR. Oppositionsführer Hans-Jochen Vogel (SPD) prophezeit, die DDR werde nur überleben, "wenn die Menschen in absehbarer Zeit in Freiheit und dem Wohlstand leben können, den sie aufgrund ihrer Anstrengungen und ihrer Leistungen erwarten können."

© #BR24Zeitreise: Helmut Kohl und Hans-Jochen Vogel im Bundestag

#BR24Zeitreise: Helmut Kohl und Hans-Jochen Vogel im Bundestag

Die Stasi füttert den Reißwolf

Während Krenz und Co. versuchen, durch halbherzige Reisegesetze und die Ankündigung freier Wahlen zu retten, was zu retten ist, läuft im Verborgenen schon das große Spurenverwischen einer untergehenden Diktatur. In der Ostberliner Stasi-Zentrale machen die Reißwölfe Überstunden: Auf Anweisung von Stasi-Chef Erich Mielke werden jetzt Tag und Nacht systematisch Unterlagen vernichtet - bis aufgebrachte DDR-Bürger am 15. Januar 1990 die Zentrale der Stasi stürmen und der Geschichtsauslöschung ein Ende bereiten.

Vieles muss nach der Wende mühsam wieder zusammengepuzzelt werden – nur so bleiben die mehr als 100 Kilometer langen Aktenreihen für die Nachwelt erhalten. Noch immer warten 15.500 Säcke mit je 3.000 Papierfetzen darauf, ihre Geheimnisse der Nachwelt preiszugeben.

Wieviel davon noch rekonstruiert wird, ist fraglich. Die Fristen laufen Ende 2019 aus. Immerhin hat der Bundestag Ende September beschlossen, dass Menschen in "politisch oder gesellschaftlich herausgehobenen Positionen" bei Bewilligung eines entsprechenden Antrags noch bis Ende 2030 auf eine hauptamtliche oder inoffizielle Stasi-Tätigkeit überprüft werden dürfen.

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Berüchtigt: Die Stasizentrale in der Berliner Normannenstraße, heute Sitz der Deutschen Bahn

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100 Regalkilometer haben die mehr als 250.000 offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi über die Menschen in der DDR gesammelt.

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Ein beträchtlicher Teil davon wurde Ende 1989 geschreddert. Von den 16.000 Säcken mit Aktenschnipseln wurden bisher nur rund 500 rekonstruiert.

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Januar 1989: Bis zu 100.000 Demonstranten belagern das Stasi-Hauptquartier in Berlin und diverse Nebenstellen.

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Er steht da bereits unter Hausarrest: Erich Mielke, über Jahrzehnte absoluter Herrscher im Reich des staatlich verordneten Misstrauens.

Marktredwitz: Todmüde ins Notbett

Auch am Tag vor dem Fall der Mauer verlassen wieder tausende Bürger die DDR in Richtung Bayern. So groß der Strom der Neuankömmlinge ist, so groß ist auch die Hilfsbereitschaft im Westen. Die Tagesschau berichtet aus Marktredwitz, wo in den sechs Turnhallen des Schulzentrums seit gestern 750 Notbetten stehen, die vor allem für übermüdete Grenzwanderer und Trabbifahrer gedacht sind. Die Stadt hat Telefonverbindungen eingerichtet, damit der Kontakt der Übersiedler zu ihren Familien nicht abreißt.

Auf die nächsten 30: das Sandmännchen feiert Geburtstag

Nicht der beste Termin für eine rauschende Geburtstagsparty. Das Sandmännchen und sein Team feiert trotzdem. Im November 1959 hat der Bühnenbildner und Kabarettist Gerhard Behrendt den (zumindest im Verhältnis zur Körpergröße) populärsten TV-Unterhalter der DDR erfunden; neun Tage danach ging sein West-Pendant erstmals auf Sendung. Am 8. November 1989 sitzt ein Teil der insgesamt 50 Mitarbeiter des Trickfilmstudios des DDR-Fernsehens in Berlin-Mahlsdorf zusammen, um das Sandmännchen zu feiern, das den ostdeutschen Kindern insgesamt 18.600 mal Gute Nacht gewünscht hat.

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Sandmännchen und sein Papa

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Sandmännchens Geburtstagsfeier am 8.11.1989

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Heute ebenfalls Kult: Das DDR-Ampelmänchen. Im Westen kann sich der Hutträger aber nicht durchsetzen.

Anders als sein zehn Jahre jüngerer Verwandter, das Ampelmännchen, und viele andere DDR-Erfindungen setzt sich das rote Sandmännchen Ost danach gegen den grünen Bruder im Westen durch und geht bis heute gesamtdeutsch auf Sendung. Die Spielzeugversion kommt freilich aus dem fränkischen Neustadt (respektive aus Asien).

Von all dem weiß der Jubilar an diesem Tag noch nichts. Allenfalls ahnt er, dass kurz nach der Berliner Sandmännchen-Party in der DDR die Lichter ausgehen.

…und morgen: Nach 28 Jahren fällt die Mauer.

Der Countdown zur Freiheit: täglich auch im Radio auf BAYERN 1. Montags bis Freitags um 17.40 Uhr, am Wochenende um 14.15 Uhr.

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