BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Coronavirus: Medikamentenengpässe drohen sich zu verschärfen | BR24

© BR / Kontrovers 2020

Der Coronavirus legt in China vielerorts die Medikamenten-Produktion lahm. Die Folgen werden voraussichtlich auch in Bayern zu spüren sein. Bereits bestehende Lieferengpässe können sich verschärfen und sogar zu ernsthaften Versorgungsengpässe werden.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Coronavirus: Medikamentenengpässe drohen sich zu verschärfen

Der Coronavirus legt in China vielerorts die Medikamenten-Produktion lahm. Die Folgen werden voraussichtlich auch in Bayern zu spüren sein. Bereits bestehende Lieferengpässe können sich verschärfen und sogar zu ernsthaften Versorgungsengpässe werden.

Per Mail sharen

Mehrmals am Tag muss Apotheker Peter Sandmann Kunden ohne die gewünschten Medikamente nach Hause schicken. Der Grund: Lieferengpässe, vor allem bei Schmerzmitteln, Blutdrucksenkern und Antidepressiva.

"Es ist zunehmend für uns ärgerlich, weil wir das Gefühl haben, dass es immer mehr Medikamente betrifft und eine immer größere Anzahl von Wirkstoffen." Peter Sandmann, Bayerischer Apothekerverband

Gesundheitsexperten wie Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen schätzen jetzt, dass die Coronavirus-Krise die Lage verschärft. Denn ein Großteil unserer Medikamente wird außerhalb Europas produziert, viele in Indien oder China. Gerade in der Provinz Hubei, die besonders vom Coronavirus betroffen ist, stehen viele Produktionsbetriebe. Hier herrscht weitgehend Produktions- und Lieferstopp.

Aus Lieferengpässen kann ein Versorgungsengpass werden

Apotheker und Ärzte hierzulande befürchten einen Versorgungsengpass. Es reicht dann nicht mehr, auf andere Medikamente umzustellen oder durch die Auflösung von Lagerbeständen den Engpass zu überbrücken. Denn bei einem Versorgungsengpass fehlen nicht nur einzelne Medikamente, sondern die Substanzen für die Wirkstoffe. Einen anderen Wirkstoff zu wählen, geht allerdings nicht immer.

"Gerade in der Uniklinik mit sehr speziellen oder sehr kranken Patienten ist manchmal die eine Substanz die einzige Möglichkeit." Monika Andarschko, Chefapothekerin Klinikum Großhadern LMU

Gefährlich wird es, wenn Ärzte gezwungen sind, bei Operationen auf ihnen unbekannte Medikamente auszuweichen. Prof. Bernhard Zwißler, Chef der Anästhesie im Klinikum Großhadern, fürchtet, dass so etwas in der Zukunft durchaus bei kurzfristigen Medikamentenumstellungen passieren kann.

"Wenn man das jetzt umstellt, dann hat das mehrere Aspekte: Das eine ist, das die Ärzte mit Substanzen umgehen, mit den sie nicht mehr umgehen, oder lange nicht mehr umgegangen sind. Das hat mit Sicherheit zu tun." Prof. Bernhard Zwißler

Politik will reagieren

Das Problem scheint in der Politik angekommen. Auf eine BR-Anfrage antwortet der Bundesgesundheitsminister: "Arzneimittelversorgung ist Grundversorgung. Hier muss der Staat funktionieren. (…) Deswegen wird der Bund bei der Verteilung von Medikamenten stärker eingreifen als bisher."

Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz

Um Engpässe zu verhindern, will der Bundestag ein Gesetz mit Meldepflichten verabschieden, das Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz. Pharmaunternehmen und Großhändler sollen demnach Lagerbestände, Warenflüsse und drohenden Lieferengpässe offiziell melden. Bundesbehörden sollen künftig klare Vorgaben zur Lagerhaltung für kritische Arzneimittel machen können.

Kritiker: Maßnahmen gehen nicht weit genug

Sanktionen gegen die Pharmaindustrie, falls sie die Vorgaben nicht einhalten, fehlen im Gesetz. Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen kritisiert außerdem, dass im Gesetz vor allem Soll- und Kann-Vorschriften stehen, keine Muss-Vorschriften.

CSU: Medikamenten-Produktion muss wieder nach Europa

Kritik am Gesetzesentwurf kommt auch aus Bayern. Die CSU fordert, dass die Produktion von Medikamenten wieder nach Deutschland oder zumindest nach Europa zurückgeholt wird. Bis es aber tatsächlich soweit ist, wird es wohl noch viele Verhandlungen brauchen.