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Coronavirus in Italien: Reportage vom Rand der "Roten Zone" | BR24

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Am Sonntag steckte am Brenner über Stunden ein Zug fest: Verdacht auf Passagiere mit Coronavirus. Am Tag danach liegt in Italien eine ganze Region lahm und wurde zur Sperrzone erklärt. Wer hier reingeht, kommt erst mal nicht wieder raus.

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Coronavirus in Italien: Reportage vom Rand der "Roten Zone"

Am Sonntag steckte am Brenner über Stunden ein Zug fest: Verdacht auf Passagiere mit Coronavirus. Am Tag danach liegt in Italien eine ganze Region lahm und wurde zur Sperrzone erklärt. Wer hier reingeht, kommt erst mal nicht wieder raus.

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Zwei Polizisten mit Uniform und Mundschutz halten jedes Auto auf, das hier in den Kreisverkehr bei Casalpusterlengo fahren möchte. Sie schicken die Fahrer zurück auf die Autobahn und erklären geduldig Ausweichrouten. Denn egal, ob man im Kreisverkehr nach links, rechts oder geradeaus fährt – überall ist "zona rossa" - die "Rote Zone". Wer hier reingeht, kommt erst mal nicht wieder raus: Denn die Menschen, die in zehn Orten hier in der Gegend wohnen, stehen unter Quarantäne. Rund 50.000 Leute sind betroffen.

Hier sind besonders viele Corona-Fälle aufgetreten, weshalb die Behörden versuchen, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Ein Auto nach dem anderen fertigen die Polizisten ab. Am Straßenrand steht währenddessen ein großer Lastwagen. Der Fahrer öffnet das Fenster. Er wohne nicht in der Roten Zone, aber er müsse unbedingt durch das Sperrgebiet, sagt er.

"Ich komme nicht nach Hause, die einzige Straße, die ich mit dem Lastwagen nehmen kann, ist die hier. Jetzt schauen die Polizisten, was sich machen lässt." Lastwagenfahrer

Coronavirus-Sperrgebiet: Ausnahmesituation ohne Ausnahmen

Sie, das sind die Polizisten – früh am Morgen hätten sie ihn noch durchfahren lassen, sagt der Lastwagenfahrer. Doch hier ändert sich momentan vieles innerhalb weniger Stunden. Er wolle einfach nur nach Hause, sagt der Mann. Er fügt aber auch hinzu: Eigentlich mache die Quarantäne ja schon Sinn, die Behörden hätten Recht. Inzwischen hat sich eine lange Schlange von Autos gebildet. Einige Fahrer ziehen eine Art Sondererlaubnis aus der Tasche, viele versuchen, die Polizisten zu überzeugen, dass sie weiterfahren dürfen. Ganz hinten steht ein weißes Auto. Der Fahrer Massimo kommt aus einem Ort ganz in der Nähe. Auch er will unbedingt rein ins Sperrgebiet.

"Ich versuche meinen Sohn rauszuholen, wenn sie mich reinlassen. Aber sie lassen mich sicher nicht rein. Meinem Vater geht es nicht so gut, mein Sohn ist bei ihm. Ich will ihn jetzt nach Hause holen. Aber die da haben das heute Morgen nicht zugelassen. Ich versuche es jetzt wieder." besorgter Vater

Er verstehe die Maßnahmen, sagt auch Massimo. Aber seinen Sohn will er trotzdem lieber bei sich haben. Deswegen versucht er wieder sein Glück, hofft auf eine Ausnahme.

"Rote Zone": Kein Reinkommen - und auch kein Weg nach draußen

Nur ein paar Meter weiter, direkt hinter den Polizisten, warten zwei Männer. Vinicio ist einer von ihnen, er trägt Mundschutz, wohnt in Castalpusterlengo. So wie die Autos nicht reindürfen, darf er nicht raus, nur ein Gespräch aus weiter Entfernung ist möglich.

"Wir dürfen diese Linie nicht überschreiten und deswegen warten wir auf unsere Kollegen, die in einer nicht kontaminierten Zone wohnen. Sie bringen uns Computer, damit wir von zuhause aus arbeiten können." Vinicio, Bewohner von Castalpusterlengo

Zwei Wochen Quarantäne im eigenen Ort

Am Anfang gab es viel Aufregung bei ihm im Ort, erinnert sich Vinicio. Mittlerweile sei die Notsituation Alltag geworden. Zwei Wochen lang werden sie hier mehr oder weniger gefangen sein. Er hoffe nur, dass die Supermärkte rechtzeitig aufgefüllt werden, sagt er. Die Quarantäne kann er verstehen, auch er kennt Leute in seinem Ort, die positiv auf das Virus getestet wurden. Die Behörden sagen, sie sollen das Haus nur verlassen, wenn es unbedingt nötig ist, häufig Händewaschen, eine Maske tragen, zählt Vinicio auf. Er sei vorsichtig, ja.

"Angst – nein. Wir versuchen, so wenig wie möglich raus zu gehen, bis auf Sonderfälle, so wie jetzt. Ich bin ein bisschen besorgt wegen meiner Eltern, die schon älter sind. Ich kaufe für sie ein, sage ihnen, sie sollen möglichst nicht rausgehen. Denn das Virus trifft ältere Menschen schlimmer." Vinicio

Am Kontrollpunkt ist mittlerweile Massimo an der Reihe. Man kann nicht genau verstehen, was er zu den Polizisten sagt – aber schnell wird klar. Er hat keinen Erfolg, muss ohne seinen Sohn umdrehen. Wieder einmal. Kurze Zeit später winken die Polizisten den Lastwagenfahrer, der so dringend nach Hause will, heran. Für ihn wird eine Ausnahme gemacht, er darf durch die Rote Zone fahren, weil es anders nicht geht. Die Polizisten drücken ihm noch einen Mundschutz in die Hand, den muss er aufsetzen. Und dann geht es los. "Vado – grazie – benissimo, ciao …"

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