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Abtransport und Verbrennung von Corona-Toten in Indien

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    Corona: Wie sinnvoll ist die Abschottung gegen Indien?

    Indien gilt als Virusvarianten-Gebiet. Der Reiseverkehr nach Deutschland ist eingeschränkt, um zu verhindern, dass die Mutation nach Deutschland kommt. Abschottung ist allerdings keine Einbahnstraße.

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    Von
    • Barbara Kostolnik

    Solidarität ist in Corona-Zeiten ein gern bemühtes Wort und scheint oft nationalen Eigeninteressen entgegenzustehen. Bundeskanzlerin Merkel sieht das – wie man weiß – nicht so: "Ich finde es absolut richtig, dass Europa gemeinsam Impfstoff bestellt hat. Wir erleben jetzt ja schon, wenn wir das weltweit nicht hinkriegen mit dem Impfen, werden uns immer wieder neue Mutationen erreichen, und wir werden keine Freude an unserem eigenen Impfen haben."

    Solidarität mit Indien

    Weltweit gibt es neue Mutationen wie die sogenannte indische Variante B 1.617, die das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land in die Knie zwingt. Die Bundesregierung hat auch hier Solidarität angekündigt, die Kanzlerin ließ ihren Regierungssprecher mitteilen: "In der Tat hat die Bundeskanzlerin gegenüber der indischen Bevölkerung angesichts der sehr kritischen Lage im Land, der sehr hohen steigenden Infektionszahlen, ihr Mitgefühl ausgedrückt für das schreckliche Leid, das diese Welle über Indien bringt."

    Mitgefühl ist das eine. Solidarische Hilfe das andere. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zählt auf, was die Bundesregierung an Unterstützung nach Indien schickt: "Zum Hilfspaket der Bundesregierung trägt das Bundesgesundheitsministerium Waren im Wert von etwa 50 Millionen Euro bei, das sind 120 Beatmungsgeräte, Medikamente, Remdesivir und Schutzmasken, die wir auf Vorrat haben und die helfen sollen, die Not in Indien zu lindern."

    Angst vor indischer Virus-Variante

    Gleichzeitig wird alles versucht, die neue Variante außerhalb der deutschen Landesgrenzen zu halten – die Einreise aus Indien ist stark erschwert. Der Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler verteidigt diese Abschottungs-Maßnahmen; noch sei B 1.617 in Deutschland nicht weit verbreitet, aber das könnte sich ändern, so Wieler:

    "Es ist aus meiner Sicht nach wie vor richtig, dass wir lieber vorsichtiger sind, als dass wir zugucken. In England ist Ausreise illegal: Briten dürfen nicht ins Ausland reisen, das ist officially illegal." RKI-Chef Lothar Wieler

    Wer in England ins Ausland reisen will, muss einen triftigen Grund haben, sonst zahlt er eine hohe Strafe. "Also die Engländer haben ihre Zahlen nicht nur der Impfung zu verdanken, sondern sie haben einen extrem harten Lockdown gemacht", so Wieler. "Die fahren einen sehr harten Kurs, um die Zahlen so günstig zu halten, wie sie sind."

    Wieler gilt seit jeher als Befürworter eines strikten Corona-Kurses, auch Jens Spahn will unbedingt vermeiden, dass nach Deutschland kommt, was die Sicherheit des Landes gefährdet. Das Problem nur: Durch die pandemische Lage in Indien gelangt etwas anderes ebenfalls nur erschwert nach Deutschland wie Kanzlerin Merkel feststellt: "Wir haben jetzt im Zusammenhang mit Indien eine Situation, wo angesichts der Notlage der Pandemie wir immer Sorge haben, ob die pharmazeutischen Produkte aus Indien noch zu uns kommen."

    Wirkstoffe werden in Indien produziert

    Indien ist neben China für die Medikamentenversorgung von größter Bedeutung: Rund 41 Prozent der in Deutschland benötigten Wirkstoffe kommen aus Indien. Rund 18 Prozent der weltweiten Wirkstoff-Herstellung für die Pharmaindustrie liegt in indischer Hand. Dabei besitzt das Land selbst kaum Unternehmen, die patentgeschützte Arzneimittel produzieren. Hauptsächlich werden in Indien sogenannte Generika hergestellt, also Nachahmer-Produkte, Medikamente, deren Patentrecht ausgelaufen ist und die quasi Kopien der Originalpräparate sind. Und zudem überaus kostengünstig.

    Diese Verlagerung der Produktion in das billigere EU-Ausland hat nicht nur finanzielle, sondern auch rechtliche Gründe: Denn das europäische Patentrecht hat es bis vor kurzem verboten, Generika herzustellen, solange der Patentschutz der Original-Medikamente nicht ausgelaufen ist. Und dieser Patentschutz erstreckt sich über 20 Jahre. Ein Hauptargument ist aber natürlich der Preis: Die Krankenkassen kaufen in der Regel die billigsten Medikamente, die von ein oder zwei Generika-Herstellern gestemmt werden können, weil nur die so billig produzieren können.

    Merkel warnt Indien

    Preistechnisch kann kaum ein Unternehmen in der EU mit dem asiatischen Markt mithalten. Nun drohen Lieferengpässe, weil die EU eben auf Indien angewiesen ist. Die Bundeskanzlerin reagierte auf dieses Szenario mit einer für sie ungewöhnlich deutlichen Gegen-Drohung:

    "Wir haben natürlich Indien überhaupt nur zu einem so großen Pharmaproduzenten von europäischer Seite werden lassen, in der Erwartung, dass Zusagen auch eingehalten werden", so Merkel.

    "Sollte das jetzt nicht der Fall sein, werden wir umdenken müssen, das wird dann aber auch nicht nur zum Vorteil von unseren Handelspartnern sein." Bundeskanzlerin Angela Merkel

    Bereits in der ersten Corona-Welle im März hatte Indien einen Exportstopp für diverse Wirkstoffe verhängt, der mit Verzögerung auch den deutschen Markt erreichte. Solidarität wird weltweit eben sehr häufig nach Lage interpretiert.

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