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Verschwörungen - Wenn Freunde und Familien abdriften | BR24

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Verschwörungen - Wenn Freunde und Familien abdriften

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    Verschwörungen - Wenn Freunde und Familien abdriften

    Von Corona-Leugnern und Querdenkern hört man einige Verschwörungsmythen. Aber was macht es mit Freundschaften, wenn der eine denkt, man lebt in einer Diktatur? Wie hört man Menschen zu, die die Realität in Frage stellen oder sogar leugnen?

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    Von
    • Jonathan Schulenburg

    In der Familie, im Freundeskreis, auf Social Media, überall kursieren Falschmeldungen und Lügen, angefeuert von Coronaleugnern oder Querdenkern. Freundschaften stehen auf dem Prüfstand oder zerbrechen – dieser Mikrokosmos ist exemplarisch für die gesellschaftspolitische Lage in Deutschland.

    Corona wird geleugnet

    Jacob Dermühl lebt in München. Er ist viel online unterwegs und sagt dort auch gerne seine Meinung. Mit Verschwörungen hat er dort vor allem im Bekanntenkreis, aber auch bei der Arbeit zu tun. Gerade mit Corona ging es richtig los, sagt er: "Je mehr Erkenntnisse dann gekommen sind, desto mehr sind die Meinungen auseinander gegangen. Weil dann eben Corona geleugnet wurde. Wenn sie denn als Pandemie akzeptiert wird, dann ist es eben eine Pandemie, die irgendwie zu bestimmten Zwecken instrumentalisiert wird. Es wird die Diktatur hervorgerufen, und es werden irgendwelche seltsamen Vergleiche gezogen zu unserer Geschichte."

    Jacob erzählt, wie bei einigen in seinem Bekanntenkreis eine eigene Realität entsteht. Wenn Leute bezweifeln, dass es Corona gibt, fehle einfach die gemeinsame Grundlage für eine Diskussion. Er hat schon einige Freundschaften und Bekanntschaften überdacht: "Die Hoffnung darauf, dass dann jemand irgendwie darauf wirklich eingeht und dann irgendwie sozusagen vielleicht von seiner verschwörerischen Ansicht abkommt, die ist nicht wirklich groß. Aber aufhören würde ich deswegen damit auch nicht."

    Widersprechen aber nicht konfrontativ

    Ingrid Brodnig ist eine österreichische Journalistin und Buchautorin. Ihr letzte Buch hieß: "Einspruch! Verschwörungsmythen und Fake News kontern - in der Familie, im Freundeskreis und online". Sie hat mit vielen Menschen gesprochen und Studien gelesen. Sie rät: "Wenn ich in meinem Freundes- oder Bekanntenkreis Leute habe, die auch nachweisbar Falsches glauben, ist trotzdem wichtig, in der Sache zu widersprechen. Aber in einer Weise, die möglichst nicht als Angriff auf die Person gedeutet wird. Da geht es vielleicht nicht immer darum, dass sie die Person erreichen, das wäre schon schön. Aber manchmal geht es auch darum, Kollateralschäden zu verringern. Also, dass nicht andere noch darauf einsteigen."

    Wolf Siegert aus Berlin machte ähnliche Erfahrungen. Er sagt, bei ihm sind es drei Freunde, bei denen er Veränderungen festgestellt hat. Von einer Freundin, einer Ärztin, bekam er immer seltsamere Links geschickt. Die anderen beiden weigern sich, eine Maske zu tragen. Die größte Herausforderung sieht er jetzt darin, diesen kleinen Dialog nicht abbrechen zu lassen: "Natürlich gehen bei dir auch die Scheuklappen runter, und du denkst sofort Gottes willen, hier darf man nicht mehr miteinander die Kommunikation weiterführen, weil sie führt nur noch in ein mentales Nirvana, was man im Grunde nicht vertreten kann."

    Dem Gegenüber zuhören

    Er bemühte sich dennoch um Gespräche - und nicht zu sehr auf Konfrontation zu gehen. Wolf Siegert findet es wichtig, den Kontakt nicht total abbrechen zu lassen: "Also ich komme mir vor wie ein Therapeut. Aber ich glaube, es ist erst einmal ganz wichtig, überhaupt noch eine Ebene zu finden, zuhören zu können, weil, wenn du deinen Gegner zuhörst. Hast du vielleicht eine Chance, dass er dir auch zugehört?"

    Zweifel an falschen Erzählungen aufzeigen

    Für Ingrid Brodnig ist das genau die richtige Verhaltensweise. Zu konfrontativ darf man nicht sein. Ihr erster Tipp: Ganz niederschwellig anfangen. Man sollte fragen: "Wie meinst du das? Wenn sie etwas Komisches oder Falsches hören? Weil dann hört man oft schon heraus, dass jemand sagt: 'Nein, ich habe das gelesen, und das klingt irgendwie interessant.' Das kann aber sein, dass die Person noch nicht überzeugt ist, sondern, dass sie das nun mal spannend findet. Und da haben sie durchaus bessere Karten in vielen Fällen, dass sie auch wieder Zweifel an solchen Erzählungen aufbringen. Und da ist es sinnvoll, nicht gleich in den Gegenangriff zu gehen."

    Also nicht gleich in Abwehrhaltung gehen und mit Argumenten kontern, sondern zuhören. Brodnig erklärt: "Sie können den Spieß umdrehen, und sie können mit Fragen antworten, nämlich, 'Woher hast du das?' 'Warum vertraust du gerade dieser Quelle?' Ich würde auch empfehlen, die Person direkt anzuschreiben, und zu sagen: 'Du, ich habe gesehen, was du da gerade gepostet hast. Neulich bin ich auch darüber gestolpert und habe dann gemerkt, das ist falsch. Hier findest du weitere Informationen dazu'."

    Professionelle Hilfe suchen

    Aber was tun, wenn jemand schon soweit abgedriftet ist, dass man ihn nicht mehr erreichen kann? Wenn es immer extremer wird. Ingrid Brodnig rät: "Wenn sie merken, dass jemand schon wirklich ins extremistische Potenzial geht, oder wenn sie diese Warnsignale heraushören, dann sollten Sie nicht alleine bleiben. Dann gibt es professionelle Beratung, zum Beispiel Beratungseinrichtungen wie die Sekten-Info in manchen Bundesländern oder Zebra in Baden-Württemberg. Die bieten für Personen, für Angehörige Tipps und Hilfe. Sie müssen nicht immer den Kontakt abbrechen."

    Sie sagt selbst, dass man das wohl nur mit Menschen macht, die einem wirklich wichtig sind. Es ist keine Verpflichtung jeden Unsinn, der auf der Welt kursiert zu kontern.

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