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Corona und Bundesliga: Geisterspiele, die keiner rief | BR24

© Foto: Christian Charisius/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

HSV-Mundschutz vor dem HSV-Stadion

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    Corona und Bundesliga: Geisterspiele, die keiner rief

    Der Ball in der Bundesliga rollt bald wieder. Grundlage für die Entscheidung der Politik war das Hygienekonzept der DFL, das von vielen scharf kritisiert wird. Die Geisterspiele, die keiner rief, könnten womöglich alle einholen.

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    Kopflos ist DFL-Geschäftsführer Christian Seifert in den letzten Wochen und Monaten gewiss nicht umhergerannt. Im Gegenteil. Der 50-Jährige hat seine Kontakte bis in die Spitzen der Berliner Politikszene geschickt genutzt, um Werbung in eigener Sache zu machen. Seifert hat seinen Ruf als oberster Fußball-Lobbyist alle Ehre gemacht.

    Sein wichtigster Schachzug: Das Hygienekonzept. Entwickelt von einer Taskforce der DFL mit dem Anspruch, das Infektionsrisiko bei den Geisterspielen möglichst klein zu halten. "Was wir tun müssen ist, bestmöglich zu versuchen, denen, die politische Verantwortung tragen, ein Konzept zu präsentieren, das ein angemessenes Maß an Sicherheit und Vorsorge in Verhältnis zu den effektiven gesundheitlichen Risiken von Spielern und Betreuern darstellt."

    Grünes Licht für Bundesliga-Neustart

    Und dieser Plan kam bei der Politik an. Nach der Schaltkonferenz gaben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten einstimmig den Weg für den Bundesliga-Neustart frei.

    Die wesentlichen Eckpunkte des DFL-Hygienekonzeptes sind folgende:

    • Engmaschige und regelmäßige Testung der Spieler
    • Kontaktpersonen der Profis sollen in größeren zeitlichen Abständen getestet werden, wenn auch freiwillig
    • Aufenthalte in den Kabinen sollen auf ein Minimum reduziert werden, Rituale wie das gemeinsame Einlaufen, Maskottchen oder Mannschaftsfotos entfallen
    • Alle anwesenden aktiven Spieler und die Schiedsrichter sind außerhalb des Platzes, also im Stadion, verpflichtet, einen Mund-Nasen Schutz zu tragen
    • Die Spielbälle sollen vor dem Spiel und in Spielpausen desinfiziert werden
    • Die Spieler werden angehalten, sich in eine Quasi-Quarantäne zu begeben, das heißt, sie sollen keine Besuche empfangen und keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen.

    Quarantäneregel sorgte für heftige Debatten

    Ein Punkt sorgte dabei von Anfang an für hitzige Debatten, und zwar der Umgang mit Quarantänefällen. Das DFL-Hygienekonzept sieht vor, dass nicht automatisch die ganze Mannschaft in Quarantäne muss, wenn ein Spieler positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Dabei beruft sich die DFL-Taskforce unter der Leitung von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer auf die unterschiedliche Klassifizierung der sogenannten Kontaktpersonen des Robert-Koch-Instituts. Durch das Bündel der ganzen Maßnahmen ist die DFL der Meinung, dass man Spieler und Betreuer nicht als Hochrisiko-Kontaktpersonen klassifizieren müsse.

    Eine Mannschaft in Quarantäne bedeutet Saisonabbruch

    Dies würde, so Meyer, durchaus rechtfertigen, nicht sofort eine Mannschaft in Quarantäne zu schicken. Denn wäre dies der Fall, wäre das mit einem Saisonabbruch gleichzusetzen. Innen- und somit auch Sportminister Horst Seehofer ist zwar grundsätzlich für den Bundesliga-Neustart, in der von der DFL definierten Quarantäne-Regelung sieht er aber einen klaren Widerspruch zu den Regeln, die außerhalb des Fußballs gelten: "Wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein Spieler positiv getestet wird, kann der Spieler und die Mannschaft nicht anders behandelt werden als Mitarbeiter von mir. Wenn bei mir ein Mitarbeiter infiziert ist, dann müssen diejenigen, die mit ihm in Kontakt waren, 14 Tage zu Hause sein. Jetzt kann ich nicht dem Profisport sagen, da gilt es nicht."

    Gesundheitsexperte Lauterbach bleibt strikt gegen Wiederaufnahme der Bundesliga

    Den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach überzeugt hingegen das gesamte Hygienekonzept nach wie vor nicht. Sein größter Kritikpunkt: Eine mögliche flächendeckende Ausbreitung lässt sich mit dem Konzept nicht zu 100 Prozent verhindern.

    "Sie müssen überlegen, Fußball ist ein Kontaktsport und somit ist es nicht vermeidbar, dass man sich so nahe kommt, dass man eine Covid19-Erkrankung übertragen kann. Somit ist das Infektionsrisiko bei jedem Kontaktsport immer gegeben und daran kann auch das Konzept nichts ändern. Wenn hier vorher getestet wird, dann kann ich bei dem ein oder anderen Spieler ausschließen, dass er zum Zeitpunkt des Spiels, also sage ich mal, infektiös ist. Das kann ich aber auch nicht mit Sicherheit ausschließen." Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte

    Grund ist die, wenn auch geringe, Fehleranfälligkeit der Tests sowie die Tatsache, dass die Spieler auch in einer Teil-Quarantäne Kontakt zur Außenwelt haben. "Die Spieler sind zwischen den Spielen in Kontakt mit ihren Familien. Somit ist also eine Übertragung der Krankheit über die Familien in das Spielerlager hinein zu jeder Zeit möglich", fürchtet Karl Lauterbach.

    "Warum gilt das Wort der Virologen nicht im Fußball?"

    Was den Gesundheitsexperten zusätzlich stört: Bislang habe sich die Politik weitgehend auf das wissenschaftliche Urteil der Virologen verlassen und sei damit außerordentlich gut gefahren. Weshalb man jetzt beim Profifußball diese Ausnahmen mache, sei nicht nachvollziehbar. "Wieso gilt das Wort der Virologen, zu Recht im Übrigen, beim Schutz der Kinder, beim Schutz der Lehrer, beim Schutz des Pflegepersonals, beim Schutz der Bürger und nicht für die Fußballer? Das kann im schlechtesten Fall dazu führen, dass wir dann allgemein kritischer werden gegenüber den Wissenschaftlern und Virologen, denen wir bisher eine so gute Bilanz bei der Bewältigung der Pandemie in Deutschland zu verdanken haben und um die wir im Ausland beneidet werden."

    Lauterbach hält Bundesliga-Neustart für falsches Signal

    Lauterbachs Fazit: Sollte nichts passieren, hat die Liga, beziehungsweise haben die Spieler, Trainer und Betreuer schlicht und einfach Glück gehabt. Das Signal jedoch, das vom Liga-Neustart an den Rest der Bevölkerung ausgeht, ist aus Sicht des SPD-Politikers verheerend: Und zwar, dass das Virus jungen sportlichen Leuten nichts anhaben kann. "Was für die Bundesliga gilt, darf ja dann auch für mich im Privaten gelten", so Lauterbach. Die Folge: Ein zunehmend fahrlässigerer Umgang junger Menschen mit der aus Lauterbachs Sicht nach wie vor vorhandenen Bedrohungslage. Möglich also, dass die Geisterspiele, die niemand rief, alle wieder einholen werden.

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