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Corona-Tests in Gütersloh: Infektionen auch in Bevölkerung | BR24

© dpa/pa/Guido Kirchner

Corona-Abstrichstelle in Oelde

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    Corona-Tests in Gütersloh: Infektionen auch in Bevölkerung

    Beim Fleischbetrieb Tönnies hatten sich mehr als 1.500 Mitarbeiter mit Corona infiziert. Nun gibt es auch außerhalb der Belegschaft einen deutlichen Anstieg neuer Fälle. Unterdessen fordert Arbeitsminister Heil ein Verbot von Werksverträgen.

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    Im Landkreis Gütersloh steigt nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischbetrieb Tönnies die Zahl der Sars-CoV-2-Infektionen in der übrigen Bevölkerung. Binnen einer Woche - vom 20. bis 26. Juni - wurden 75 Menschen positiv auf das neuartige Coronavirus getestet, die keinen Bezug zum Unternehmen haben, wie der Landkreis Gütersloh mitteilte. Die Mehrzahl der Betroffenen habe aber offenbar keine Krankheitszeichen. Im Kreis Gütersloh wurden demnach seit Beginn der Pandemie bis Samstagfrüh 2.203 Corona-Infektionen durch Labore bestätigt. 1.434 Menschen gelten derzeit als infiziert, von ihnen werden 29 Menschen stationär behandelt, fünf von ihnen liegen auf der Intensivstation, zwei müssen beatmet werden.

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    Tests in der Bevölkerung

    Freiwillige Tests sollen Klarheit darüber bringen, in welchem Umfang der Corona-Ausbruch bei einer Vielzahl von Tönnies-Mitarbeitern auf die Bevölkerung im Kreis Gütersloh übergegriffen hat. In den Kreisen Gütersloh und Warendorf war nach dem Ausbruch des Coronavirus in dem Tönnies-Werk bis zum 30. Juni ein eingeschränkter Lockdown verkündet worden. Die wichtige Kennziffer der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage war in den beiden Kreisen, in denen viele Tönnies-Mitarbeiter wohnen, über den Wert von 50 gestiegen. Im Kreis Warendorf liegt er inzwischen aber schon wieder sehr deutlich unter dieser Marke.

    Heil will Verbot von Werksverträgen

    Angesichts des Skandals um die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) noch im Juli ein Gesetz zum Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit im Kernbereich der Branche vorlegen. Das sei "juristisch anspruchsvoll, aber machbar", sagte er der "Welt am Sonntag". Er wolle das Thema auch im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft auf die Tagesordnung setzen, die am 1. Juli beginnt, kündigte Heil an. Denn der Skandal beschädige auch Deutschlands Beziehungen in der EU, erklärte er: "Das schadet uns auch außenpolitisch". Es gebe "in Europa erhebliche Diskussionen darüber, wie schlecht wir mit den rumänischen Landsleuten umgehen. Gleiches gilt in Bulgarien. Das müssen wir dringend ändern", sagte der Minister. In der Debatte gehe es nicht nur um den westfälischen Fleischproduzenten Tönnies.

    Politiker fordern mehr Frischluft in Werken

    Mehrere Politiker forderten, die Fleischindustrie müsse zu Schutzmaßnahmen gezwungen werden. Durch neue Vorschriften und Gesetze soll die Branche verpflichtet werden, mehr Frischluft in ihre Hallen zu leiten und bessere Filter einzubauen. Aus den Reihen der CDU verlangten mehrere Fachpolitiker in Gesprächen mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (F.A.S.) schnelle Maßnahmen.

    Der Chef der Arbeitnehmergruppe der Unionsfraktion im Bundestag, Uwe Schummer, sagte, die Erkenntnisse aus deutschen Schlachthöfen müssten "Konsequenzen haben, wenn wir im Herbst das Arbeitsschutzgesetz reformieren". Man müsse "weg von den bloßen Umluftanlagen und hin zu Anlagen mit Luftaustausch". Peter Weiß, der Vorsitzende der Fraktions-Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales fügte an, wenn sich erweise, dass "die reinen Umlufter in manchen deutschen Unternehmen tatsächlich nichts anderes als Virenverteiler sind", dann müsse man das "über die Vorschriften zu Arbeitsschutz stoppen".

    Umluft verteilt Aerosole

    Laut dem Bonner Hygiene-Experten Martin Exner wird die Luft im Zerlegebereich bei Tönnies auf 6 bis 10 Grad Celsius heruntergekühlt. Um die Luft zu kühlen, würde diese aus dem Raum gezogen, gekühlt und zurück in den Raum gebracht, hatte der Wissenschaftler kürzlich auf einer Pressekonferenz im Kreishaus in Gütersloh erklärt. "Umluft kann ein Aerosol in Bewegung halten." Das Problem mit der Belüftung betreffe die gesamte Fleischbranche und sei bislang nicht im Blick der Wissenschaft gewesen.

    Neue Vorschriften in NRW

    Derweil hat der Massenausbruch bei Tönnies erste Konsequenzen - es gibt neue Vorschriften für die Fleischindustrie in Nordrhein-Westfalen: Die Beschäftigten müssen künftig mindestens zweimal pro Woche auf das Coronavirus getestet werden. Das schreibt eine Allgemeinverfügung des Landesarbeitsministeriums vor. Die neuen Vorgaben gelten vom 1. Juli an für Schlachthöfe, Zerlegebetriebe und überwiegend fleischverarbeitende Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Mitarbeiter direkt bei dem Unternehmen angestellt oder über Werkverträge beschäftigt sind. Die Betriebe werden nach Angaben des Ministeriums zudem verpflichtet, die Namen und Wohn- oder Aufenthaltsadressen sämtlicher auf dem Betriebsgelände anwesenden Personen zu erheben und für vier Wochen aufzubewahren.

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