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Corona-Sonderweg: Kritik an Schwedens Altenpflege | BR24

© pa / dpa

Gedenken an Corona-Opfer vor dem Parlament in Stockholm

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    Corona-Sonderweg: Kritik an Schwedens Altenpflege

    Schweden hat deutlich weniger Corona-Restriktionen verhängt als die Nachbarländer - aber auch höhere Todeszahlen. Viele Menschen starben in Pflegeheimen. Jetzt wird nach Ursachen und Schuldigen gesucht.

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    Der "schwedische Weg" wird nicht nur weltweit als Alternative zum strikten Lockdown diskutiert - im Land selbst gibt es ebenfalls viele Stimmen dazu, auch kritische.

    Denn vor allem in einem Bereich passen Versprechen und Zahlen nicht zueinander. Darüber berichtet unter anderem der öffentliche Sender SVT: Es geht um die Älteren, die größte Corona-Risikogruppe.

    Ihre besondere Schutzbedürftigkeit ist von Regierung und Institutionen immer besonders betont worden. Und trotzdem waren knapp 2.900 der inzwischen mehr als 3.200 Corona-Toten in Schweden über 70 Jahre alt, die meisten zwischen 80 und 90, viele davon in häuslicher oder stationärer Pflege.

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    Fehlt die Kompetenz?

    Das schwedische System der seit Jahren zunehmend privatisierten Altenpflege steht jetzt in der Kritik. Dazu Johan Carlsson, Chef der Gesundheitsbehörde:

    "Dass dieser Sektor schwächer ist als das Gesundheitssystem, haben wohl alle gesehen. Ich bin aber überrascht, wie groß der Unterschied zwischen den verschiedenen Altersheimen ist. Mancherorts fehlt es an der richtigen Leitung und Kompetenz, auch wenn das Personal sein Bestes tut." Johan Carlsson, Chef der Gesundheitsbehörde

    Angeschlagen und ohne Schutz

    Das Personal wird tatsächlich kaum kritisiert. Stattdessen sind es die Betreiber der Heime und mobilen Pflegedienste, die Pflegekräfte oft ohne feste Arbeitsverträge beschäftigen. Ein Grund dafür, dass gerade die in den ersten Tagen und Wochen der Pandemie noch zur Arbeit gegangen waren, obwohl sie sich längst ein bisschen krank gefühlt hatten. Das gilt als einer der Gründe für die unverhältnismäßig intensive Ausbreitung des Virus in diesem Bereich, plus der anhaltende Mangel an wirksamer Schutzausrüstung und -kleidung.

    Man habe es nicht geschafft, die Älteren hinreichend zu schützen, räumte Regierungschef Stefan Löfven von den Sozialdemokraten ein. Seine Sozialministerin Lena Hallengren zog jetzt nach:

    "Wir als Gesellschaft tragen gemeinsam die Verantwortung dafür, dass dieser Sektor nicht besser gerüstet war. Wir haben zu wenig auf die Mitarbeiter geschaut, auf ihre Arbeitsbedingungen und das Ansehen ihrer Arbeit. Aber man muss schon auch die Verantwortung der Arbeitgeber betonen, was die mangelnde Krisenbereitschaft angeht. Wen stellt man ein, unter welchen Bedingungen und mit welcher Ausbildung?" Lena Hallengren, Sozialministerin Schweden

    In der Krise zurückhaltend

    Die Altenpflege muss besser werden. Damit aber eben auch die staatliche Kontrolle - und für die ist nun einmal die Regierung verantwortlich. Ihr Versuch, den Arbeitgebern jetzt einen Großteil der Schuld am Tod so vieler älterer Menschen zu geben, kommt zumindest bei deren Hinterbliebenen nicht gut an.

    Für viele Schweden gehört es sich einfach nicht, in Krisenzeiten allzu laute Kritik am Staat und seinen Institutionen zu üben. Das passiert nicht einmal in den Medien. Da sind klare Worte wie die des Journalisten Björn Hygstedt die Ausnahme. Er hat seinen 92 Jahre alten Vater verloren:

    "Die Schuld liegt keineswegs beim Personal, das sind Helden. Die Schuld liegt bei ahnungslosen Politikern. Als Schutzausrüstung dringend benötigt wurde, gab es sie nicht. Das ist Fakt. Ich hoffe, dass jetzt untersucht wird, was alles falsch gelaufen ist." Björn Hygstedt, Journalist

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