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Schnelltest für daheim: Das Problem der deutschen Gründlichkeit | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Arne Dedert

Selbsttests: Kritik an Verpackungsvorschriften

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Schnelltest für daheim: Das Problem der deutschen Gründlichkeit

Der Run auf die ersten Schnelltests für zuhause war immens. Innerhalb weniger Stunden waren sie bei Aldi und Lidl ausverkauft. Gerade vor Ostern steigt nun die Nachfrage wieder, doch es gibt Lieferengpässe. Das liegt auch an der deutschen Bürokratie.

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Von
  • Claudia Grimmer

Die Liste für "Tests zur Eigenanwendung durch Laien" auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM, wird immer länger. Mittlerweile sind dort 20 Anbieter (Stand: 25.03.) gelistet.

Noch immer gibt es Lieferengpässe bei Corona-Selbsttests

Durch die Behörde wurden diese Schnelltests für zuhause nicht durch Studien untersucht. Sie entsprechen lediglich den Mindestkriterien des Paul-Ehrlich-Instituts und des Robert Koch-Instituts. Das gilt übrigens auch für Schnelltests, die durch medizinisches Personal durchgeführt werden.

In Europa können solche sogenannten "In-vitro-Diagnostika" unter Veröffentlichung von durch die Hersteller selbst generierten Validierungsdaten vertrieben werden. Das heißt, ein Hersteller muss garantieren, dass das Produkt für den vorgesehenen Einsatz tauglich ist. Eine unabhängige Untersuchung muss nicht durchlaufen werden. "Eine 'Zulassung' im engeren Sinne ist Medizinprodukte-rechtlich damit nicht vorgesehen", schreibt das BfArM.

Schnelltests für Laien: Sonderzulassung durch BfArM

Alle auf der BfArM-Liste aufgeführten Schnelltests für Laien haben durch die Behörde eine Sonderzulassung erhalten. Das erschwert den Verkauf, denn der ist damit an bestimmte Auflagen geknüpft, unter anderem, dass Großpackungen nicht aufgemacht und die Selbsttests einzeln verkauft werden dürfen. "Vereinzelungsverbot" nennt sich das. Damit soll das Risiko von unvollständigen oder auch falsch zusammengestellten Selbsttests vermieden werden.

Da es aber extreme Lieferengpässe bei kleinen Einheiten gibt, klemmt der Verkauf sowohl in den Apotheken als auch bei den Discountern und Supermärkten. Und wenn Pharmakonzerne und der Großhandel die Apotheken beliefern, dann meist mit Großgebinden.

Österreich fährt Bürokratiehürden zurück

In Österreich ist das kein Problem. Bereits im Februar hat die Regierung dort erlassen, dass Apotheken monatlich fünf sogenannte Wohnzimmertests für alle ab 15 Jahren kostenlos verteilen dürfen. Verschickt als Großgebinde werden sie in den Apotheken in Fünferpacks "ausgeeinzelt" und mit einer Gebrauchsanweisung versehen. Die darf auch kopiert sein.

Auch im Nachbarland hat das Gesundheitsministerium mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen, doch die wurden durch das Aussetzen der Umverpackungsvorschrift einfach ausgesetzt. Das heißt, den Apothekern wird zugetraut, dass sie die Großgebinde unter hygienischen Bedingungen öffnen und jeden Test vollständig und vollzählig als Einzelpackung eintüten können. Am Anfang gab es Schwierigkeiten bei der Leserlichkeit der Kopien der Gebrauchsanweisungen. Das hat sich geändert und zusätzlich gibt es die Anleitung mittlerweile auf vielen Plattformen online. Alles schnell und ohne neue Verordnungsänderungen.

Marburger Apothekerin zeigt sich selbst an

Natürlich gibt es den kostenlosen PCR-Test, den Schnelltest in Apotheken, den Test bei Hausärzten. Gerade an Ostern jedoch sind die Wohnzimmertests auch in Deutschland besonders gefragt, wenn es darum geht, auf Nummer Sicher zu gehen kurz vor einem Besuch bei Verwandten an den Feiertagen. Doch gerade da haben eben die meisten Hausärzte und Apotheken dicht. Der Schnelltest für zuhause ist vielleicht nicht so sicher wie ein Schnelltest durch angelernte Kräfte, aber mittlerweile schrecken viele vor dem Wattestäbchen tief im Rachen oder in der Nase zurück und wollen lieber selbst das Stäbchen im Nasenflügel ein paarmal drehen, um ein Minimum an Sicherheit vor dem Besuch der Oma oder der Eltern zu haben.

Die Schnelltests gibt es für Apotheken im Großgebinde, in 25er, 50er oder 100er-Packungen. Einzelpackungen sind derzeit nicht so einfach zu bestellen. Großgebinde dürfen aber in Deutschland nicht aufgebrochen und einzeln verkauft werden. Eine Apothekerin in Marburg macht es nach Angaben der Deutschen Apothekerzeitung trotzdem und hat sich deshalb schon einmal vorsorglich selbst angezeigt. Eine Gefährdung durch die Einzelabgabe schließt sie aus. Das Zusammenfügen von vier Einzelteilen und das Beilegen einer Gebrauchsanweisung sieht sie als durchaus machbar an für gut ausgebildetes Apothekenpersonal, schreibt sie in ihrer Begründung an das BfArM. Es sei eine "überschaubare Herausforderung“.

Kunden verstehen den Engpass nicht

Dr. Ralf Schabik, ein Apotheker aus Altdorf bei Nürnberg, beklagt ebenfalls die zunehmende und oft überflüssige Bürokratie gerade in der Pandemie-Zeit. Ein Hin und Her der Politik sei er mittlerweile gewohnt, erklärt Schabik. Unverständlich sei ihm jedoch, dass einerseits ausgegeben werde, die Pandemie lasse sich unter anderem nur durch eine durchdachte Teststrategie bewältigen, vor allem aber mit viel Testungen und auf der anderen Seite nicht genug Tests, egal welche, überhaupt vorhanden seien. "Nachdem ich ohnehin die Rechtsauffassung des BfArM zum Auseinzelverbot nicht nachvollziehen kann, wünsche ich mir eine Nachprüfung beispielsweise durch Dienststellen in Bayern", fordert der Apotheker.

Er verkauft Einzeltests, denn seinen Kunden könne er mittlerweile nicht mehr erklären, dass die Discounter zwar solche Tests anbieten, er als Apotheker jedoch nicht. Dabei kontrolliere er die "ausgeeinzelten" Packungen doppelt und lege sie zusätzlich noch einmal auf eine Laborwaage, um anhand des Gewichts zu kontrollieren, ob alle nötigen Bestandteile enthalten seien. "Hochkomplexe Rezepturen stellen wir tagtäglich her und bei Schnelltests grätschen Bundesbehörden dazwischen", beklagt Schabik.

Discounter bieten Corona-Einzeltests bald im Sortiment an

Eigentlich wollten Edeka, Kaufland, Rewe, dm, Lidl, Aldi und Co. bereits Mitte März Schnelltests für zuhause ins Sortiment aufnehmen. Doch daraus wurde nichts. Der Drogeriemarkt dm und der Discounter Lidl bieten sie im Online-Shop an, doch auch da läuft nicht alles glatt, wie Lidl auf Nachfrage des BR erklärt.

"Aufgrund der aktuell hohen Nachfrage kann es dazu kommen, dass der Artikel kurzzeitig online nicht erhältlich ist. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Selbsttests dauerhaft im Onlineshop und darüber hinaus in den Filialen anbieten zu können." Pressestelle Lidl Deutschland

Und auch bei der Pressestelle von Rewe erfahren wir, dass der Verkauf wahrscheinlich bald - pünktlich vor Ostern beginnen soll.

"Rewe hat vergangene Woche erste Selbsttest bundesweit erhalten und bietet diese seinen Kunden an. Penny hat diese Woche erste Lieferungen erhalten. Generell werden in den nächsten Wochen für Rewe und Penny weitere Lieferungen sukzessive eintreffen." Rewe-Pressestelle

Der Markt wird es richten, besser spät als nie. Doch dass die Discounter und Supermärkte demnächst genug Schnelltests im Sortiment haben werden, ist bis jetzt lediglich eine Ankündigung.

"In Edeka-Märkten bieten wir aktuell bereits Selbsttests an. Dieses Angebot kann jedoch aufgrund noch reduzierter Verfügbarkeit noch nicht flächendeckend gewährleistet werden." Edeka Pressestelle

Die Apotheker hätten die Wohnzimmertests im Lager liegen und könnten sie verkaufen, wenn die Politik pragmatisch auch den Einzelverkauf aus Großgebinden in Apotheken zulassen würde.

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