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Corona-Nachverfolgung - Überforderte Gesundheitsämter

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Corona-Nachverfolgung: Sind die Gesundheitsämter überfordert?

Positiv getestet - und jetzt? Dann müssten eigentlich die Gesundheitsämter eine Ansage machen. Doch die sind oftmals zu spät dran oder reagieren nur unzureichend. Bayerns Gesundheitsministerin sieht die Staatsregierung trotzdem gut gerüstet.

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Von
  • Arne Wilsdorff

Samstag vor einer Woche: Student Johannes bekommt einen positiven Coronatest. Drei Tage lang hört der Münchner nichts vom zuständigen Gesundheitsamt, schließlich kommt dann doch ein Anruf: Er solle in Quarantäne. Offen blieb, wie sich seine Mutter und die beiden Brüder verhalten sollen – also die direkten Kontaktpersonen, die mit dem Studenten im selben Haushalt leben. Der Anrufer hatte weder die Namen der anderen abgefragt noch genauere Informationen zum weiteren Vorgehen gegeben. Vor allem schickte er die Mutter und die zwei anderen Brüder nicht in Quarantäne, die Familie tat dies dennoch - aus eigener Initiative.

Mutter Sabine ist von der ersten Kontaktaufnahme des Münchner Gesundheitsamts bei ihrem Sohn enttäuscht. Sie fühlte sich "hilflos" und hätte "einfach gerne gewusst, was passiert mit mir. Unsicherheit, Wut und Ärger stiegen in ihr auf.

Geschlossene Klassen sorgen für extra-viele Kontaktpersonen

Auf BR-Nachfrage beim Münchner Gesundheitsamt (RGU München) will man sich aus Datenschutzgründen nicht zum konkreten Fall äußern. Eine Sprecherin verweist aber auf die hauseigenen Richtlinien. Demnach hätte eigentlich "so rasch als möglich mit der infizierten Person (IP) Kontakt" aufgenommen werden sollen, und Student Johannes hätte Anspruch auf "alle notwendigen Informationen" gehabt. Außerdem hätten bei dem Erstanruf "auch die Kontaktpersonen 1. Kategorie (KP1)" ermittelt werden müssen.

All das ist aber nicht passiert, der Anrufer hat sich etwa keine Emailadressen der Familie von Mutter Sabine und Sohn Johannes geben lassen.

"Nicht so leicht, die Nachverfolgung wirklich hinzubekommen"

Eine Sprecherin des Münchner Gesundheitsamtes erklärte gegenüber dem BR, dass vor allem die Klassenschließungen seit Schulbeginn für einen großen Anstieg der Corona-Kontaktpersonen (KP1) sorgten: Das seien pro Klasse im Schnitt 30, bei ganzen Jahrgängen sogar bis zu 140. Bei der Kontakt-Nachverfolgung arbeiten demnach in München zur Zeit 440 Vollzeitkräfte der städtischen Corona-Sonderorganisation. Unterstützt werden sie seit Freitag (25.9.) von 52 Sanitätssoldaten und -soldatinnen der Bundeswehr.

Wegen des Münchner Ausbruchsgeschehens der letzten Tage, "wo es auch nicht so leicht war, die Nachverfolgung wirklich hinzubekommen", bietet Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) der Stadt München weitere Unterstützung an.

Für FDP-Fraktion kritisiert Sebastian Körber die Nachverfolgung

Der FDP Landtagsabgeordneten Sebastian Körber aus dem oberfränkischen Forchheim kritisiert, es gebe grundsätzlich zu wenig geschultes Personal bei der Corona-Nachverfolgung, dem sogenannten Contact-Tracing. Er sorgt sich um den Ländlichen Raum, wenn man schon in der Großstadt München auf die Amtshilfe der Bundeswehr angewiesen sei.

Körber hat mehrere Anfragen zum Contact-Tracing an die Staatsregierung gestellt. Er kritisiert, dass die Staatsregierung der Selbstverpflichtung bei jedem Landratsamt pro 20.000 Einwohner ein Contact Tracing Team aus je fünf Mitarbeitern einzurichten nicht nachkomme. Schließlich habe die Regierung selbst erklärt, dass momentan nur 288 solcher Teams im Einsatz seien. Eigentlich müssten es bei 13 Millionen Einwohnern in Bayern 650 Teams sein.

Gesundheitsministerin Huml: Bayern für zweite Welle vorbereitet

Bayerns Gesundheitsministerin Huml sieht die Staatsregierung dagegen auch für eine zweite Coronawelle gut gerüstet. Bereits jetzt sei das Personal für 646 Contact Tracing Teams namentlich benannt. Bei Bedarf könnten so gut wie alle der nötigen 650 Teams eingesetzt werden.

Auch erhalte Huml aus Bayern bei der Kontakt-Nachverfolgung "durchaus positive" Rückmeldungen. Schließlich habe man die staatlichen Gesundheitsämter seit Ausbruch der Corona-Pandemie um 775 Kräfte aufgestockt. Bis zum 25. September seien davon bereits 580 Stellen besetzt gewesen. In den nächsten vier Wochen sollen dann alle eingestellt sein.

Sabine sieht die Bemühungen von Politik und Verwaltung. Sie hätte sich aber erwartet, dass sich das Münchner Gesundheitsamt "wirklich möglichst rasch", also schon am letzten Samstag gemeldet und nachgehakt hätte. Dabei hätte es neben dem positiv getesteten Johannes auch der restlichen Familie Quarantäne aussprechen sollen. Inzwischen haben sich bei Sabine und ihren Söhnen Mitarbeiter des Gesundheitsamtes gemeldet und die meisten offenen Fragen geklärt. Ihr Unbehagen über das Vorgehen der Behörde aber bleibt.

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Um Infektionsketten wirkungsvoll zu durchbrechen, bräuchte es eigentlich eine möglichst lückenlose Nachverfolgung und Information der Kontaktpersonen von positiv getesteten Menschen. Aber sind die Gesundheitsämter damit überfordert?

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