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Bildrechte: dpa/pa, Frank May

Mini-Lockdown: Wie lange sollten wir auf die Bremse treten?

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Wie kurze Lockdowns die Corona-Pandemie eindämmen können

Ein Wellenbrecher muss her, um die Corona-Pandemie einzudämmen, darin sind sich alle einig, auch die Politik. Eine Möglichkeit sind zeitlich befristete kurze Lockdowns, sogenannte "Circuit breaker". Was kann ein solcher Kurz-Lockdown bewirken?

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Von
  • Margarete Jall

Mitten in der Diskussion um einen neuen Corona-Lockdown in Deutschland haben sich heute Ärzte und Wissenschaftler zu Wort gemeldet. Eine pauschale Lockdown-Regelung sei weder zielführend noch umsetzbar, sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Nötig seien vielmehr zielgerichtete Maßnahmen zur Eindämmung.

Kurzer, geplanter Lockdown empfohlen

Gassen reagierte damit auf die Empfehlung von Virologen, das öffentliche Leben erneut runterzufahren. "Wenn die Belastung zu groß wird, dann muss man eine Pause einlegen", riet auch der Virologe Christian Drosten diese Woche im Podcast "Das Coronavirus-Update". Er hält einen kurzen, geplanten Lockdown für eine gute Lösung. So könnte das Gesundheitssystem vor Überlastung geschützt werden. Zumal Deutschland noch relativ gut dastehe was die Anzahl der Neuerkrankungen angehe, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.

Ein kurzer Lockdown hätte aus Drostens Sicht vor allem einen Vorteil: "Alle wissen von vorneherein, der ist zeitlich befristet, also man vereinbart, im Prinzip gesellschaftlich, wir machen jetzt einen Lockdown. Aber nur für zwei Wochen oder nur für drei Wochen. Drei Wochen ist wohl eher die maßgeblichere Zeit, weil man braucht etwas mehr als eine Quarantänezeit dafür und da können sich aber dann auch alle darauf einstellen."

Mini-Lockdown wissenschaftlich untersucht

Ausgangspunkt ist eine Modellierungsstudie von Forschern der London School of Medicine. Die britischen Wissenschaftler haben untersucht, was ein Mini-Lockdown bringen könnte. Damit das gesellschaftliche Leben möglichst wenig leidet, haben sie den Lockdown in ihrem Modell auf die Schulferien gelegt.

Ihr Ergebnis: Den größten Gewinn würde so ein kurzer Lockdown bringen, wenn die Wachstumsrate niedrig ist, so lange sich die Infektionszahlen also nur etwa alle zehn Tage verdoppeln. Dann könnten die Zahlen der Infizierten, der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle am effektivsten gedrückt werden.

Die Forscher empfehlen einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen. Sonst könnten Personen, die sich kurz vor dem Lockdown infizieren, immer noch ansteckend sein und das Virus so weitertragen. Die Hoffnung der Forscher: Mit einem kurzen, klar begrenzten Zeitraum wären die Schäden für die Wirtschaft und die psychische Gesundheit der Menschen annehmbar.

Expertin: R-Wert muss wieder unter "1" fallen

Viola Priesemann forscht am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Auch sie findet einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen für einen Lockdown sinnvoll. Dann könnte sich die Reproduktionszahl R, also der Wert, der angibt, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, entsprechend verringern.

"Das R ist derzeit bei rund 1,4 - im Verdeckten, wahrscheinlich noch ein bisschen höher", so Priesemann. "Um die Fallzahlen wieder runter zu bekommen, muss das R deutlich unter eins sein. Wir haben gesehen, dass der harte Lockdown im Frühjahr das auf 0,7 gebracht hat. Das bedeutet, dass sich die Fallzahlen pro Woche halbieren".

Brockmann: "Virus das Futter nehmen"

Ob ein solcher geplanter Mini-Lockdown die Fallzahlen tatsächlich senkt, hängt natürlich davon ab, wann er beginnt, wie streng die Beschränkungen sind und in welchem Ausmaß sich die Bevölkerung daran hält.

Der Physiker Dirk Brockmann berechnet am Robert Koch-Institut wie sich Infektionskrankheiten ausbreiten. Was ein Mini-Lockdown tatsächlich in reinen Zahlen bringt, lässt sich aus seiner Sicht nur schwer sagen: "Aber wir können natürlich auch überlegen, das sagen jedenfalls Modelle, dass so konzertierte Aktion[en], indem wir für sehr kurze Zeit sehr stark reagieren, immer auch einen substanziellen Effekt haben."

Es liege in der Dynamik des Virus, dass es eine Zeitskala von ein bis zwei Wochen gebe, in der es sich bewege und die Menschen infektiös seien. "Wenn wir es schaffen, substanziell und synchron quasi darauf zu reagieren, dass wir für eine kurze Zeit dem Virus diese Möglichkeit nehmen, also das Futter nehmen, die Kontakte nehmen, dann wird sich das auch sofort, jedenfalls zehn Tage später in den Fallzahlen äußern", so Brockmann.

Nur "Verschnaufpause" durch Lockdown?

Ein kurzer Lockdown könnte uns aus Sicht der Forscher jetzt eine Verschnaufpause verschaffen, damit andere Mittel, wie die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter wieder möglich werden. "Wenn man diesen Lockdown nur halb macht, also weniger arg oder eben zu kurz, dann gewinnt man ein bisschen mehr Zeit", sagt Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut. "Aber dann steigen die Fallzahlen fast genauso wieder an wie vorher. Also wenn das Ziel ist, wieder eine Kontrolle zu erlangen, dann ist es aus unserer Sicht am besten, einen kurzen Lockdown zu machen, so kurz wie möglich und dafür so intensiv wie möglich".

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