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Corona-Krise: Wenn Berührungen fehlen | BR24

© Bildagentur-online/dpa/Tetra-Images

Menschliche Nähe könne man zumindest teilweise durch schwere Decken oder Kissen simulieren, sagen Experten.

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    Corona-Krise: Wenn Berührungen fehlen

    Ein Kuss auf die Wange, ein fester Händedruck, eine Umarmung: Viele vermissen in der Corona-Krise den Körperkontakt im Alltag. Wie wichtig sind Berührungen – und hilft es, einfach mal einen Baum zu umarmen?

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    Vermissen Sie es auch, umarmt zu werden? In der Corona-Krise ist es zwar inzwischen wieder möglich, Familie und Freunde zu sehen – doch auf Körperkontakt sollten wir trotzdem so gut wie möglich verzichten. Abstand von lieben Menschen zu halten geht eigentlich gegen unseren Instinkt, sagt Martin Grunwald vom Haptik-Forschungslabor in Leipzig: "Der menschliche Organismus kann nicht gut ohne ein ausreichendes Maß an Körperinteraktion gedeihen", sagt er, "diese Grunderfahrung begleitet uns ein Leben lang."

    Berührungen sind ein wichtiger Teil unserer Kommunikation

    Wie für alle Säugetiere sind Berührungsreize für uns Menschen wichtig – schon in frühester Kindheit. "Das neugeborene Baby kann noch nicht so richtig gut sehen oder hören, aber es kann schon Berührungen spüren", sagt die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme. Im Lauf der Evolution diente Körperkontakt oft dazu, Beziehungen herzustellen. Das löst Gefühle der Nähe und Unterstützung in uns aus.

    "Es ist dieses Gefühl, da ist jemand da und der steht mir nah, und das ist jemand, der mir hilft. Genau wie bei den Affen, die sich lausen und wissen: Dieser andere Affe wird mir helfen, wenn ich Ärger kriege oder mich jemand angreift. Das ist noch mal was ganz anderes, als jemand, der sagt: Hey, ich bin für dich da", so Böhme.

    Gut gegen Stress, gut für die Stimmung

    Mit Berührung verbinden wir Nähe, Geborgenheit, Trost. Das hat auch mit den Abläufen in unserem Körper zu tun: Wenn uns jemand fest drückt, findet in uns ein komplizierter biochemischer Prozess statt. Zum Beispiel wird Dopamin ausgeschüttet, das die Stimmung aufhellt, oder das "Kuschel-Hormon" Oxytocin. Es stärkt die Bindung zwischen zwei Menschen, etwa beim Sex oder bei der Geburt. Diese Reaktion kann aber auch ganz anders ausfallen – etwa, wenn uns ein Mensch nahe kommt, den wir nicht mögen.

    "Bei angenehmen Berührungen sinkt auf der körperlichen Ebene der Blutdruck, die Muskulatur entspannt, der Atem wird flacher", sagt Martin Grunwald. Körperkontakt kann Schmerzen lindern und Angst nehmen. Auch das Immunsystem kann profitieren: So zeigte sich in einer Studie von 2014, dass Menschen mit viel sozialer Unterstützung weniger anfällig für eine Erkältung waren. Wer viel umarmt wurde, fühlte sich öfter sozial unterstützt.

    Wie lange kommen wir ohne Berührung aus?

    Das Coronavirus wird unseren Umgang miteinander auf lange Zeit verändern. Der Immunologe und amerikanische Regierungsberater Anthony Fauci meinte sogar, man solle das Händeschütteln auch nach der Pandemie gleich ganz lassen.

    Wie lange man es ohne menschliche Berührung aushält, ist schwer zu sagen. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe. Das hat etwa mit frühkindlichen Erfahrungen zu tun, aber auch mit der Genetik. In der Corona-Krise leiden deshalb nicht alle gleich unter dem Berührungsmangel, sagt der Haptikforscher Grunwald. Eine Zeit lang kann man sicherlich ohne allzu viel Körperkontakt auskommen. "Aber bei körperbedürftigen Menschen kann das schon ganz dramatische Reaktionen hervorrufen – bis hin zu psychischen Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen."

    Die Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme glaubt, dass wir uns bei fehlenden Berührungen langfristig körperlich und seelisch schlechter fühlen – auch, wenn wir den Zustand selbst oft nicht auf die Berührung zurückführen. "Das baut sich oft langsam auf. Es ist kein Bedürfnis wie Hunger oder Durst, bei dem man intensiv im Körper spürt: Das brauche ich jetzt." Vielleicht fühlt man sich einfach allein und bedrückt.

    Plastikanzüge und Baum-Umarmungen

    Wer in der Corona-Krise nach Berührungen hungert, kann sich leider nicht selbst umarmen und auf die gleichen Effekte vertrauen. Das funktioniert genauso wenig, wie sich selbst zu kitzeln. "Unser Gehirn merkt, dass wir das selbst sind und dann werden bestimmte Signale zum Hirn gehemmt", sagt Grunwald. Besser: bewusst die Menschen im eigenen Haushalt oder ein Haustier fest zu drücken. Oder versuchen, den eigenen Körper auszutricksen.

    "Durch den menschlichen Körper kommt ganz viel Wärme zu uns. Das können wir insofern kompensieren, indem wir eine warme Dusche nehmen oder uns draußen in der Sonne aufwärmen. Dann gibt es den Effekt des Drucks, der ganz angenehm ist – da kann man sich zum Beispiel beschwerte Decken kaufen oder sich auf der Couch richtig schön einkuscheln. Aber es ist nie ein richtiger Ersatz", so Böhme.

    Wie dringend manche Menschen ein Bedürfnis nach Nähe haben, zeigt sich auch in kreativen Ideen. Im Internet kursieren Videos von "Kuschel-Vorhängen" oder "Umarmungs-Handschuhen": Ganzkörper-Anzügen aus Plastik, um die eigene Mutter oder Oma zumindest mit geringerem Risiko umarmen zu können. Und in Island ermutigt die Forstverwaltung Menschen dazu, in der Corona-Krise Bäume zu umarmen. Ein richtiger Körper-Ersatz ist das leider nicht: Schließlich merken wir eben, dass der Empfänger eine Birke ist und nicht der beste Freund.

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