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Das Kinderschutzhaus in München

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    Häusliche Gewalt gegen Kinder im Lockdown

    Fachleute gehen davon aus, dass häusliche Gewalt gegen Kinder im Corona-Lockdown oft unentdeckt bleibt. Als Problemtreiber gelten die Schließung von Schulen und Kitas und die Überlastung von Familien. Einblicke in die Lage eines Kinderschutzhauses.

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    Von
    • Eckhart Querner

    Es ist ein Hilfeschrei. Andrea Wimmer ist Leiterin des Kinderschutzhauses in München und kümmert sich mit 20 Mitarbeitern um Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Nur drei Kinder leben im Moment hier, Platz aber wäre für neun. Das Kinderschutzhaus ist von der Schließung bedroht.

    "Wir haben normalerweise vor Weihnachten, würde ich mal sagen, in der Woche zwischen 20 und 30 Anfragen wegen Inobhutnahme. Wir haben seit November keine einzige Anfrage mehr." Andrea Wimmer, Leiterin Kinderschutzhaus München

    Ist häusliche Gewalt gegen Kinder während des Lockdowns zurückgegangen? Wohl kaum. Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen, Jugendämter und Justizbehörden befürchten viel Leid hinter verschlossenen Türen - auch Familientherapeutin Wimmer.

    Die Lockdown-Spirale: Isolation, Stress, Gewalt hinter verschlossenen Türen

    Wenn Eltern im Homeoffice oder arbeitslos geworden sind, wenn Kinder im Homeschooling und Kitas geschlossen sind, wenn ohnehin belastete Familien auf sich alleine gestellt sind, dann kann es zu physischer oder psychischer Gewalt kommen. Im Lockdown dringt sie nur noch selten nach draußen. Die normalerweise gut etablierte soziale Kontrolle durch Erzieher, Schulpsychologen und Kinderärzte funktioniert nicht mehr. Wenn dann - sagt Andrea Wimmer - keine Person außerhalb der Familie da ist, die Brandflecken oder ein blaugeschlagenes Auge sieht, beobachtet, wenn ein Kind sich verändert, nicht mehr isst oder spricht - dann sei die Situation eklatant.

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    Andrea Wimmer, Leiterin Kinderschutzhaus München

    Hilferufe, wenn es (fast) zu spät ist

    Auch andere Träger verzeichnen drastische Einbrüche bei der Belegung ihrer Schutzstellen mit gefährdeten Kindern. Johanna Schrembs von der Jugendhilfe Oberbayern beim Diakonischen Werk Rosenheim registriert sinkende Zuweisungen nicht nur aus München, sondern auch aus den umliegenden Landkreisen.

    Zudem rechnet sie damit, dass erst nach dem Lockdown viele Fälle häuslicher Gewalt an Kindern entdeckt werden und die Fallzahlen erst dann wieder deutlich steigen.

    "Wir hatten das ja schon mal erlebt, letztes Jahr, als dann im Juni/Juli die Schulen langsam wieder öffneten und die Notbetreuungsplätze wieder hochgefahren wurden, dass Kinder sich sehr schnell an ihre Lehrer oder an die Schulsozialarbeit gewendet haben und gesagt haben: Leute, ich gehe da nicht mehr zurück, egal was ich gehe, jetzt nicht mehr nach Hause, nehmt mich da raus." Johanna Schrembs, Diakonisches Werk Rosenheim/Jugendhilfe Oberbayern

    Mehr Präsenzunterricht könnte Abhilfe schaffen

    Was können Behörden und Jugendhilfe-Einrichtungen tun, um gefährdete Kinder zu schützen? Die erfahrene Münchner Familienrichterin Ulrike Sachenbacher verlangt nicht nur deutlich mehr Geld für die Jugendhilfe, sondern auch eine rasche Rückkehr zum Präsenzunterricht. Und sie fordert auch, dass die zuständigen Jugendämter viel engeren Kontakt zu jenen belasteten Familien halten, die den Behörden bereits bekannt sind.

    Auch Andrea Wimmer vom Kinderschutzbund appelliert an die Verantwortlichen bei Landeshauptstadt und Regierung von Oberbayern, ihre Mitarbeiter wieder proaktiv zu Familien in sozialen Schwierigkeiten zu schicken, um nach den gefährdeten Kindern zu sehen.

    Münchner Sozialreferat ruft Bevölkerung zur Wachsamkeit auf

    Das Münchner Sozialreferat versichert, Mitarbeiter des Jugendamts ließen den Kontakt zu überforderten Familien nicht abreißen – sei es telefonisch, per Videokonferenz oder durch Treffen vor der Haustür. Doch die Behörden haben ein Problem: sie kennen viele belastete Familien gar nicht, erreichen sie deshalb auch nicht. Das Sozialreferat ruft in seiner Not jetzt die Bevölkerung zur Mithilfe auf.

    "Wenn Sie im Familienkreis, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft irgendwo auch nur den Verdacht haben, dass es zu häuslicher Gewalt kommen könnte: Nutzen Sie die Möglichkeiten, Beratungshotlines zu kontaktieren, die Sozialbürgerhäuser zu kontaktieren, im schlimmsten Fall die Polizei, um hier auch wirklich Unterstützung zu ermöglichen." Dorothee Schiwy, SPD, Sozialreferentin München

    Auch das Kinderschutzhaus ist in Gefahr

    Für das Kinderschutzhaus München hat die derzeitige Situation dramatische Folgen. Weil die Zuweisungen vom Jugendamt fehlen und die Einrichtung entsprechend nicht ausgelastet ist, sind die 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit 1. Februar in Kurzarbeit. Für die drei hier lebenden Kinder sucht das Stadtjugendamt nach einer anderen Unterkunft. Das Kinderhaus muss schließen, der Betrieb ist derzeit unrentabel. Wann und ob es wieder aufmachen kann, hängt davon ab, ob das Jugendamt der Einrichtung wieder Kinder zuweist.

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