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Corona-Lage im Elsass: Was Deutschland daraus lernen kann | BR24

© dpa/Elyxandro Cegarra

Patientenaufnahme im Straßburg

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Corona-Lage im Elsass: Was Deutschland daraus lernen kann

Fehlende Beatmungsgeräte, fortwährende Neuaufnahmen, bakterielle Superinfektionen: Das Deutsche Institut für Katastrophenmedizin hat die Lage am Universitätsklinikum Straßburg im Detail skizziert und fordert für Deutschland entsprechende Maßnahmen.

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Die Coronakrise im Elsass weitet sich immer mehr aus. Wie die Mediziner, Pfleger und Sanitäter dort versuchen, der Situation Herr zu werden - das hat das Deutsche Institut für Katastrophenmedizin (DIFKM) in einem Lagebericht an die Landesregierung von Baden-Württemberg zusammengefasst.

Institut fordert schnelle und gute Prävention

Der Bericht schildert eindrücklich die Probleme vor Ort. Die deutschen Behörden und Kliniken könnten aus diesen Erfahrungen Rückschlüsse für eigene Arbeit ziehen. Und geht es nach dem DIFKM, dann sollten sie das auch dringend und schnell tun:

"Unter der Annahme, dass sich die Entwicklung ... auch bald in Deutschland einstellen wird, ist eine optimale Vorbereitung von allerhöchster Dringlichkeit". Aus dem DIFKM-Bericht nach der Visite des Straßburger Uniklinikums

Wie aber ist die konkrete Situation in Straßburg und im Elsass? Anfang dieser Woche hatten Mitarbeiter des Instituts in Tübingen das Straßburger Uniklinikum besucht und ihre Erfahrungen im Detail festgehalten. BR24 hat diesen Bericht analysiert. Dabei stechen folgende Vorkehrungen und Maßnahmen des Krankenhauses besonders ins Auge:

  • Das ganze Krankenhaus wurde auf die Behandlung von Covid 19 umgestellt. Operationen finden nicht mehr statt, Ausnahme sind lebensnotwendige Bypass-OPs (eine pro Tag)
  • Alle Nicht-Corona-Patienten wurden - soweit gehfähig und/oder medizinisch vertretbar - entlassen
  • Private Kliniken wurden im Elsass geschlossen. Freigewordenes Personal unterstützt in Straßburg
  • ...ebenso wie Studenten und in der Klinik derzeit nicht belastete Mediziner (Zahnärzte, Neurologen etc.)
  • Die Bettenkapazitäten wurden um ein Vielfaches erweitert

Stündlich ein neuer Beatmungspatient

Trotz dieser und vieler weiterer Sicherheitsvorkehrungen war die Klinik am Montag (23.3.) beim Besuch der deutschen Experten offenbar am Limit. Das zeigen folgende Daten und Fakten:

  • Im Schnitt musste pro Stunde ein neuer Beatmungspatient aufgenommen werden
  • Die Beatmung von Patienten über 80 Jahren wurde eingestellt (laut DIFKM bereits seit 21.3.)
  • ...gleiches gilt laut DIFKM für beatmungsbedürftige Ü-80-Patienten in Pflegeheimen
  • Ärzte arbeiten entsprechend geschützt weiter mit Corona-Patienten, auch wenn sie selbst infiziert sind. Nur bei bestätigter Infektion UND eigenen Symptomen wird die Arbeit "wenige Tage unterbrochen".
  • Protokolle zum Umgang mit Beatmungsgeräten wurden erstellt, um den damit nicht vertrauten Pflegern und Medizinern diese Arbeit zu ermöglichen. Für Schulungen hatte die Zeit aber nicht mehr gereicht
  • Die Entwöhnung der Patienten von Beatmungsgeräten ist schwierig
  • Ein weiteres Problem sind sogenannte bakterielle Superinfektionen

Die Lage im Klinikum dürfte sich seit dem Besuch der deutschen Fachleute in den vergangenen Tagen noch weiter erschwert haben. Allerdings widerspricht man in Straßburg dem Eindruck einer Überlastung.

Außerdem weist das Krankenhaus die Vorwürfe zurück, dass das Alter das einzige Kriterium für Intensiv-Maßnahmen sei. Die an der Universitätsklinik geltenden Praktiken entsprächen den Empfehlungen der gängigen Fachgesellschaften, hieß es in einer Mitteilung. Zuvor hatten auch Patientenschützer aus Deutschland das (vermeintliche) französische Vorgehen nach Alter scharf kritisiert.

Kommen Beatmungsgeräte aus der Tiermedizin zum Einsatz?

Geht man wie viele Experten davon aus, dass die derzeit besonders betroffenen Regionen im Elsass (aber auch in Spanien und Italien) Deutschland zeitlich etwas "voraus sind", könnten die Vor-Ort-Erkenntnisse des Instituts für Katastrophenmedizin der Politik und den Kliniken hierzulande hilfreich seien. Zu diesen Schlussfolgerungen und Empfehlungen zählen laut DIFKM:

  • Patienten profitieren von Notärzten, die vor Ort - unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen -Beatmungen einleiten
  • Bauchlage von Patienten bringt bei der Beatmung einen entscheidenden Vorteil
  • Rettungsdienst und Intensivmedizin spielen jetzt eine Schlüsselrolle
  • ...entsprechend dazu sollten die Landesregierungen klare Kriterien erstellen, nach denen Nebentätigkeiten dieser Berufsgruppen (etwa in "Corona-Virus-Zentren") erlaubt werden sollen
  • Die Gefahr durch das Virus erfordert generell weitere konsequente Maßnahmen der Landesregierungen, der Krankenhäuser und der Rettungsdienste in Deutschland
  • Der Einsatz von Beatmungsgeräten aus der Tiermedizin ist "generell möglich"
  • Und: Auch andere medizinische Notfälle müssen weiterhin gut versorgt werden

Anknüpfend an den letzten Punkt schließt das Institut, dessen Mitarbeiter massiv in der Krisenbekämpfung eingebunden sind und das deshalb zurzeit keine Interviews gibt, mit einem eindringlichen Appell: Man müsse "medizinische Kollateralschäden" dringend vermeiden und dürfe nicht andere Patienten etwa mit einem Herzinfarkt "verlieren, nur um alle Covid-19-Patienten gerettet zu haben".

DIFKM spricht von großer Herausforderung

Selbst wenn es wie in Straßburg "im schlimmsten Fall" auch bei uns Kliniken geben sollte, die sich ausschließlich auf die Corona-Bekämpfung konzentrieren müssen, sollten andere Krankenhäuser die "maximale Regelversorgung aller sonstigen Notfälle gewährleisten." Das wiederum, so räumen die Experten ein, werde in der Fläche sicherlich mehr als herausfordernd.

© ARD

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