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Corona-Krise: Psychische Hilfe für Studierende | BR24

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Seit der Bologna-Reform klagen Studierende über zunehmenden Leistungsdruck. Durch die Corona-Maßnahmen kann sich die Überforderung im Studium um ein Vielfaches verstärken. Campus Magazin stellt Hilfsangebote vor.

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Corona-Krise: Psychische Hilfe für Studierende

Seit der Bologna-Reform klagen viele junge Menschen über zunehmenden Leistungsdruck im Studium. Nun befinden sich wegen Corona noch viele Studenten in der Homeoffice-Isolation - die Gefahr einer psychischen Krise wächst. Wer bietet Hilfe?

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Von
  • Anna-Louise Bath

Angesichts der sozialen Einschränkungen und existenziellen Unsicherheiten in der Corona-Zeit sind Studentinnen und Studenten jetzt noch viel gefährdeter. Denn sie sind per se eine besonders vulnerable Gruppe. Psychische Krisen können entstehen, wenn die eigene Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt ist – wie jetzt im Lockdown.

Studierende stellen sich viele Fragen

Viele Studentenjobs fallen wegen der Corona-Maßnahmen weg, der Erhalt mancher präsenzbasierter Studienabschlüsse ist plötzlich unsicher, der Zugang zu nicht-digitalem Wissen erheblich erschwert und durch die Kontaktbeschränkungen befinden sich Studenten in der Homeoffice-Isolation.

Wer unter Bedingungen wie diesen noch unter Leistungsdruck reibungslos funktioniert, ist oft nicht mehr weit entfernt vom Burn-Out, der psychischen Krise. Nicht zuletzt auch, weil sie noch am Anfang ihrer Lebensplanung und -entwicklung stehen, gelten Studierende als besonders gefährdet. Den Studierenden fehlen Antworten auf viele Fragen. Sie wissen nicht: Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Länge des Studiums? Was ist, wenn man selbst krank wird, allein in der Studentenbude? Und: Kann ich mich mit Kommilitonen treffen?

"Bin ich dann eine Gefahr für meine Familienmitglieder, wenn ich die doch mal besuchen möchte?", sagt Petra Brandmaier, stellvertretende ärztliche Leiterin beim Krisendienst der Psychiatrie. Daran zu arbeiten, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, sei eine besonders schwere Leistung für junge Leute, "deren ganzes soziales Leben sich ja nochmal ganz anders abspielt als vielleicht für Familien, die sowieso ihre sozialen Kontakte und ihre Einheit zu Hause haben", so die Ärztin.

Persönliche Kontakte fehlen

Auch Jonathan Holst, 22 Jahre, leidet unter der Situation: Er studiert Geschichte in München und muss in wenigen Wochen seine Bachelor-Arbeit abgeben. Der präsenzlose Unterricht und die Kontaktbeschränkungen machen ihm psychisch zu schaffen. Er kann nicht wie gewohnt in der Bibliothek lernen, hat aber zu Hause starke Konzentrationsprobleme, da er sich leicht ablenken lässt. Und ihm fehlt der persönliche Austausch mit Kommilitonen:

"Nur dieses kleine Bild auf einem Bildschirm zu haben – man ist immer distanziert. Es klappt nicht so richtig gut, sich wirklich drauf einzulassen und einfach mal, wie es sonst ja ist, wenn man jemandem wirklich körperlich sich gegenüber sieht, einfach loszulassen auch im Gespräch und einfach da zu sein." Jonathan Holst, Bachelor-Student aus München

Individuelle, persönliche Voraussetzungen spielen bei psychischen Problemen zwar auch eine große Rolle, doch genau diese müssen den Betroffenen erst bewusst sein, damit sie sich effektiv vor Überforderung schützen können.

Studentische Beratungseinrichtungen arbeiten mit Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Sozialarbeitskräften, Psychologinnen und Psychologen zusammen, die Studierende dabei coachen, auf ihre jeweilige Persönlichkeitsstruktur zugeschnittene Zielvorstellungen zu entwickeln und diese auch umzusetzen. Und sie bieten schnelle, professionelle Hilfe in seelischen Krisen. Die Nachfrage ist seit Corona stark gestiegen.

Beratungsnetzwerk des Studentenwerks München

Im Beratungsnetzwerk des Studentenwerks München arbeiten insgesamt 21 Beraterinnen und Berater, davon sieben in der psychotherapeutischen und psychosozialen Beratung. Viele sind in Teilzeit tätig. Von Januar bis September 2020 fanden im gesamten Beratungsnetzwerk 10.400 Beratungen statt.

Hilfesuchende Studierende erreichen die psychosoziale und soziale Beratungsstelle des Studentenwerks München zur Zeit nur telefonisch. Alle Gespräche können auf Wunsch auch anonym stattfinden, damit die Hemmschwelle für psychisch belastete Studierende, Hilfe in Anspruch zu nehmen, möglichst gering ist.

"Die Beraterinnen und Berater beim Studentenwerk hören bei jeglichen Problemen oder Themen zu. Dafür sind sie da. Da ist kein Thema zu klein oder zu unwichtig, die Beraterinnen und Berater haben immer ein offenes Ohr." Sophie Plessing, Studentenwerk München

Ärztin: Hilfe annehmen ist eine Stärke

Psychiaterin Petra Brandmaier von der Leitstelle des telefonischen Krisendienstes "Psychatrie für Oberbayern" versichert zwar, dass sich in den letzten Jahren viel getan habe, um Vorurteile gegenüber professioneller psychischer oder psychiatrischer Hilfe abzubauen, doch Studenten hätten oft noch zu viele Hemmungen, sich diese Hilfe auch zu holen.

"Hilfe in Anspruch zu nehmen wird auch in unseren gesellschaftlichen Bezügen oft als Schwäche interpretiert", erklärt Brandmaier. Doch das Annehmen von Hilfe stelle im Grunde eine Stärke dar, findet sie. Viele junge Leute würden irrtümlich denken, andere bräuchten den Beratungsplatz viel dringender und notwendiger - und trauten sich dann nicht anzurufen.

Bitte melden, je früher desto besser

Unter der Rufnummer 0180-6553000 erhalten Menschen in seelischen Krisen, Mitbetroffene und Angehörige qualifizierte Beratung und Unterstützung. Wer möchte, kann als Anrufer anonym bleiben. Brandmaier versichert, dass kein subjektives Leid zu gering sei, um nicht professionellen Rat zu suchen, und dass die Mitarbeiter des Krisendienstes erfolgreicher helfen können, wenn sich Betroffene frühzeitig bei ihnen melden.

"Wenn jemand nicht mehr schlafen kann, wenn er jeden Abend im Bett sitzt und grübelt: wie schaffe ich das Studium? Wie mache ich weiter? Die Bachelorarbeit - ich werde den Termin nicht einhalten können. All diese Dinge also, wenn die Erholung nicht mehr funktioniert. - Das ist auch ein Warnsignal, dann bitte unbedingt melden! Dann geht es darum: finden wir irgendeine Art von Lösung, können wir die Situation, in der jemand gerade steckt, deeskalieren?" Petra Brandmaier, Psychiaterin

Oft helfe es schon, gemeinsam ein Problem anzuschauen, so die Ärztin, und die verschiedenen Aspekte einer Situation gemeinsam zu sehen: "Das kennt ja jeder, jede von uns, dass man, wenn man nur noch auf Eines schaut, links und rechts einfach nicht mehr erkennt, was doch alles noch gut klappt und was noch geht und wo man auch Dinge bewältigt hat und gut geschafft hat."

Tipps in der Corona-Krise

Selbst wenn keine akute persönliche Krise vorliegt – die Corona-Krise, die nicht nur soziale Kontakte stark einschränkt und zu Vereinsamung führen kann, sondern auch gewohnte Lebensweisen verändert, ist keine geringe psychische Herausforderung, die es zu meistern gilt. Studenten unter Prüfungsdruck, die auf wenigen Quadratmetern isoliert leben, lernen, essen, bangen und schlafen, sollten deshalb jetzt bestimmte Maßnahmen unbedingt einhalten. Die Therapeutinnen vom Studentenwerk empfehlen , Kontakt zu Freunden oder Verwandten zu halten und sich, wenn möglich, zu treffen, sich aber keinesfalls total zu isolieren. "Und auch regelmäßig rausgehen, gut schlafen, ausreichend schlafen, sich gesund ernähren und auch so eine gewisse Tagesstruktur versuchen einzuhalten, zum Beispiel auch im Homeoffice", sagt Sophie Plessing vom Studentenwerk München.

Betroffene brauchen Struktur

Wichtig sei, sich selbst Tagesordnungspunkte zu setzen – fürs Lernen, aber auch für die Freizeit: ab einer bestimmten Uhrzeit Feierabend zu machen, und sich dann mit anderen Dingen als dem Studium zu beschäftigen, gehöre auch dazu. Auch sollte man sich in dieser Ausnahme-Situation nicht selbst zu sehr unter Druck setzen:

"Da geht es vielleicht eher drum, so für sich seinen guten Weg dadurch zu finden und vielleicht nicht primär daran zu denken, welche Leistungen man unbedingt erbringen möchte, sondern zu schauen: Ok, mit meinen Mitteln, mit meinem Weg schaue ich halt, dass es so gut wie möglich wird und so, wie es wird, so wird's", so Petra Brandmaier. Welche Bedingungen die Hochschulen vorgäben und ob sie noch einmal mehr Zeitraum lassen würden, das könne man selbst vielleicht durch Anfragen in der Fakultät oder einem Fachschaftsrat verändern und verbessern.

Warum wir zu selten über Gefühle sprechen

Das Barometer für die eigene, seelische Gesundheit ist die Stimmung. Wenn die – beispielsweise bei anhaltender Überforderung – längerfristig fällt, können Psychotherapeuten im gemeinsamen Gespräch die psychologischen Hintergründe erforschen, die dem Betroffenen selbst oft völlig unbewusst sind. Erst wenn diese betrachtet werden, können entsprechende Maßnahmen eine Verbesserung der allgemeinen Lebenslage bewirken. Hierbei spielt der Umgang mit Gefühlen eine große Rolle:

"Ich glaube, es hat schon auch mit dem zu tun, wie wir aufwachsen, was quasi in unserer westlichen Gesellschaft auch Werte sind. Dass auch die Anforderungen an junge Menschen, an Menschen überhaupt, eben Leistung zu erbringen, sachlich zu sein, Emotionen eher auszusparen, sondern sich an den Sachfakten zu orientieren, dass das Dinge sind, die da mit eine Rolle spielen. Und dann die Modelle, die wir als Kinder von unseren Eltern vorgelebt bekommen haben: Wenn dort Emotionen zu zeigen erwünscht war und verstärkt wurde, dann ist es natürlich für diese Menschen auch leichter, das zu tun. Und wo es eher sanktioniert wurde und immer darauf beharrt wurde, dass das nicht adäquat ist und dass das eben nicht erwünschtes Verhalten ist, da tun sich Menschen natürlich dann auch schwerer, über ihre Emotionen zu reden, oder auch Emotionen einzuordnen und zu erkennen." Petra Brandmaier

Anlaufstellen sind etwa die Psychotherapeutische und Psychosoziale Beratung des Studentenwerks München, das "Nightline"-Sorgentelefon für Studierende, das Studierendencoaching oder die Psychotherapeutische Hochschulambulanz der Universität der Bundeswehr München.

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