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Corona-Krise In New York: Erst das Virus, dann die Armut | BR24

© Peter Mücke

Corona-Krise stürzt New Yorker ins Elend

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Corona-Krise In New York: Erst das Virus, dann die Armut

In New York wächst die Angst vor der Armut: Eine halbe Million Menschen haben in der Corona-Krise schon den Job verloren, viele können die Miete nicht mehr zahlen - und die Ämter versinken im Chaos.

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An einem sonnigen New Yorker Nachmittag zieht Alexandria Ocasio-Cortez mit einem Handwagen durch ihren Wahlkreis in der Bronx und verteilt Essen. Die 30-Jährige ist die jüngste Abgeordnete im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten - und Hoffnungsträgerin der Demokratischen Partei.

"Im reichsten Land der Erde muss eine Kongressabgeordnete Spenden sammeln, damit unsere Familien etwas zu essen haben, weil sich die Regierung in Washington nicht darum kümmert", sagt sie. "Die sagen nur: Bleibt zu Hause. Aber die Leute können keine Miete mehr zahlen und haben nichts zu essen. Also müssen wir uns darum kümmern."

In den Krankenhäusern der Stadt hat sich die Lage in den vergangenen Tagen etwas entspannt. Dafür bekommen viele andere New Yorker jetzt die Folgen der Corona-Pandemie zu spüren. Eine halbe Million Menschen haben in den vergangenen Wochen ihren Job verloren. Und keiner wisse, wann es mit der Wirtschaft wieder aufwärts gehe, sagt Bürgermeister Bill De Blasio: "Das ist ein Szenario, das nur mit der Großen Depression vergleichbar ist. Und allein das auszusprechen, macht mir Todesangst."

Kein Einkommen, kein Geld für die Miete

Die Angst geht um - und das ist längst nicht mehr nur die Angst vor dem Virus selbst. Schon im April konnten nach Schätzungen 40 Prozent der New Yorker, die ohnehin ein Großteil ihres Einkommens fürs Wohnen brauchen, ihre Miete nicht mehr zahlen. Im Mai dürften es noch mehr sein. Vielen geht es so wie Danet Levert in Brooklyn: Da brauche er gar nicht groß zu rechnen, sagt er. "Ich kann keine Miete zahlen, solange ich arbeitslos bin."

Aktivisten haben Anfang Mai bereits zum Mietstreik aufgerufen. Sie fordern staatliche Unterstützung, denn schließlich habe ja auch die Politik entschieden, das öffentliche Leben so stark einzuschränken, dass viele ihren Job verloren haben. Der Gouverneur des Bundesstaates New York, Andrew Coumo, hat jedoch ein nur dreimonatiges Mietmoratorium in Kraft gesetzt. "Das ist die für mich die Antwort" sagte er. "Wer eine Kaution bezahlt hat, da darf für drei Monate nicht auf die Straße gesetzt werden, auch wenn er keine Miete zahlt. Punkt."

Probleme für Obdachlose verschlimmern sich

Allerdings ist das kaum mehr als Symbolik, denn die für Räumungsklagen zuständigen Gerichte haben sowieso bis Mitte Juni geschlossen. Wichtiger wäre es da, dass die ohnehin nicht besonders üppige Unterstützung für Arbeitslose zuverlässig ausgezahlt würde.

Doch die Ämter versinken im Chaos. Unter dem großen Ansturm brachen die Server zusammen, telefonisch war tagelang niemand erreichbar. Seit Wochen werden Antragsteller vertröstet. Und die vielen illegalen Arbeiter fallen ohnehin hinten runter und landen bald auf der Straße, fürchtet John Sheehan, der für ein Obdachlosenprojekt einer Kirchengemeinde arbeitet: "Die Menschen auf der Straße sind in einer verzweifelten Lage. Früher haben sie zumindest in Manhattan von Passanten Geld oder Essen bekommen. Aber das ist jetzt eine Geisterstadt. Dazu kommt: Diese Menschen haben kein Wasser, um sich zu waschen, und keine Toiletten, weil alles geschlossen hat. Die Probleme, die wir schon vorher hatten, sind durch Corona noch zehnmal schlimmer geworden."

Neue Regeln für die U-Bahn

Viele der Obdachlosen haben sich in den vergangenen Wochen in die U-Bahnen der Stadt geflüchtet und leben mit ihren Habseligkeiten in den Haltestellen oder den mittlerweile ziemlich leeren Waggons. Doch auch damit soll jetzt Schluss sein. Zum ersten Mal seit 50 Jahren stellt die New Yorker U-Bahn nachts ihren Betrieb ein, um die Züge zu desinfizieren. Und auch sonst herrschen jetzt strenge Regeln.

"Erstens: Niemand darf sich länger als eine Stunde in einer Haltestelle aufhalten", zählt die Präsidentin des Verkehrsverbunds MTA, Sarah Feinberg, auf. "Zweitens: Niemand darf sich mehr an einer Endhaltestelle in einem Zug oder auf dem Bahnsteig aufhalten. Und drittens: Karren und Einkaufswagen sind ab sofort im gesamten U-Bahn-System verboten."