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Corona-Krise in Italien: Warum Mafiabosse nach Hause dürfen | BR24

© picture-alliance/dpa

Polizeiautos patrouillieren auf einer Straße vor dem Kolosseum.

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    Corona-Krise in Italien: Warum Mafiabosse nach Hause dürfen

    Die Corona-Krise verändert das Leben fast aller Menschen - für einige auch zum Positiven. Zu den Profiteuren gehören in Italien auch Mafiosi im Gefängnis: Sie dürfen jetzt nach Hause.

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    Giuseppe Antoci sitzt in seinem Haus in Santo Stefano di Camastra im Norden Siziliens. Vor vier Jahren war der Anti-Mafia-Aktivist Ziel eines Anschlags der Cosa Nostra, den er mit Glück überlebte. Seine Wut über die aktuelle Entwicklung ist auch durchs Telefon zu spüren: "Der Staat kann diese Schande nicht hinnehmen", schimpft Antoci.

    Der Grund für die Empörung des Ehrenpräsidenten der Antimafia-Stiftung Caponnetto sind rund 30 Mafiosi, die in den vergangenen Wochen in Italien die Gefängnisse verlassen durften. Aufgrund der Coronakrise wurde ihnen Hausarrest zugebilligt: "Diese Sache darf nicht passieren in einem Land, das viele Mafiaopfer zu beklagen hat. Und wir reden hier nicht über kleine Fische der Mafia, wir reden hier von Bossen."

    Bosse im Hausarrest

    Nach Hause durften unter anderem der langjährige Mafiachef von Palermo, Francesco Bonura, der Gründer des Cosa-Nostra-Clans von Caltagirone, Francesco La Rocca, der Mafia-Boss von Avola, Antonio Sudato sowie der `Ndrangheta-Chef von Lamezia, Vincenzo Iannazzo. Auch die Camorra-Größe Pasquale Zagaria, deren Verhaftung 2007 Schlagzeilen machte, durfte aufgrund der Corona-Gefahr das Gefängnis verlassen.

    Staatsanwalt Catello Maresca, lange an der Verfolgung des Camorra-Bosses beteiligt, äußert im Fernsehsender La 7 sein Unverständnis über die derzeitige Entwicklung: "Ich habe ihn mehrfach verhaften lassen, ich habe daran gearbeitet, dass er den besonders strengen Kontaktbeschränkungen unterliegt. Sie können sich also vorstellen, wie ich persönlich betrübt bin von dem, was aktuell passiert."

    Anwälte setzten Entlassung durch

    Zagaria und alle anderen Mafiosi durften nach Hause, weil ihre Anwälte darauf pochten, dass ihre Mandanten durch die Coronavirus-Pandemie im Gefängnis besonders gefährdet sind. Die hygienischen Zustände in vielen italienischen Strafvollzugsanstalten werden unter anderem von Bürgerrechtsinitiativen seit Jahren kritisiert. Auch Staatsanwalt Maresca räumt ein: "Diese Krise hat die Schwäche unseres Strafvollzugssystems deutlich gemacht."

    Auf Gefängnisaufstände in Italien zu Beginn der Coronakrise hatte die nationale Gefängnisverwaltung DAP mit einem Rundschreiben reagiert. Darin werden alle Strafvollzugsleiter angewiesen, wegen der Covid-19-Gefahr ältere Inhaftiere mit Vorerkrankungen zu melden. Unter anderem auf dieser Grundlage erlaubten Strafvollstreckungsrichter Hausarrest für insgesamt mehrere Hundert Inhaftierte in Italien.

    Behandlung ja - aber im Gefängnis

    Mit Mafiosi aber, sagt Antimafia-Aktivist Antoci, könne nicht umgegangen werden wie mit gewöhnlichen Kriminellen: "Sie müssen in Sonderstrukturen behandelt werden. Da gibt es exzellente Gesundheitsstrukturen im Strafvollzug in Viterbo oder in Pisa. Mafiosi haben ein Recht auf gesundheitliche Behandlung wie jeder Mensch - aber innerhalb von Gefängnissen."

    Deswegen, betont Antoci: "Es ist nicht nötig, dass sie nach Haus gehen. Dort fangen sie an, wieder Boss zu sein. Es gibt klare Beispiele von Personen, die aus dem Gefängnis raus sind und dann wieder angefangen haben, Befehle zu erteilen."

    Dekret: Entlassungen künftig überprüfen

    Im Zentrum der Kritik stehen die nationale Gefängnisverwaltung und der für sie verantwortliche Justizminister Alfonso Bonafede von der Fünf-Sterne-Bewegung. Laut "Corriere della Sera" arbeitet er jetzt an einem Eildekret. Danach soll künftig ein Richter, der über einen Hausarrest entscheidet, verpflichtet werden, vorher immer die Meinung der Nationale Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft einholten.