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Impfungen im Iran gehen nur schleppend voran

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    Corona-Krise im Iran: Zum Impfen nach Armenien

    Der Iran steckt mitten in der fünften Welle der Pandemie – und weniger als drei Prozent der Iraner sind vollständig geimpft. Wer es sich leisten kann, sucht nach Alternativen im Nachbarland.

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    Von
    • Katharina Willinger

    Vor zwei Wochen brach Reza zu einem Roadtrip auf, der ihm wohl lange in Erinnerungen bleiben wird. Der 36-jährige Architekt aus Teheran machte sich mit zwei Freunden auf den Weg ins Nachbarland Armenien, um sich gegen Covid impfen zu lassen. "Die Vorbereitungen waren sehr einfach, alles hat nur einen Tag gedauert, dann sind wir auch schon los", erzählt er. "Zwei Tage lang waren wir unterwegs, bis wir in Eriwan ankamen." Seit etwa einem Monat ist die Grenze zwischen den beiden Ländern wieder geöffnet. Ein Visum brauchen Iraner nicht.

    In der armenischen Hauptstadt sei er in ein mobiles Impfzentrum gegangen - ein umfunktionierter Krankenwagen, erzählt Reza. Die Schlange sei voller Iraner gewesen. In der vergangenen Woche sollen etwa 400 Iraner pro Tag nach Armenien gereist sein, berichtet eine iranische Tageszeitung. "Wir wollen wie der Rest der Welt ein wenig zur Normalität zurück", erklärt Reza. "Aber es scheint, als würde sich unser Staat mehr um den politischen Machtkampf kümmern als um die Impfungen."

    Verzögerungen mit Folgen

    Auch die 35-jährige Restaurantbesitzerin Elnaz hat sich für die Impfung im Nachbarland entschieden und ärgert sich über das langsame Tempo zu Hause: "Die Beschleunigung der Impfungen in anderen Ländern hat dazu geführt, dass deren Wirtschaft wieder wächst. Mein Geschäft hingegen ist im Moment aufgrund neuer Beschränkungen wieder geschlossen und 35 meiner Mitarbeiter sind derzeit arbeitslos", klagt sie.

    Die Impfkampagne der Islamischen Republik geht nur langsam voran. Bis Mitte der Woche waren nur etwa 2,2 Millionen Iraner vollständig geimpft, das entspricht nur 2,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Rund sechs Prozent haben die erste Dosis erhalten. Die Impfungen beschränken sich bisher auf Bürger über 65 Jahre und medizinisches Personal. Viele Iraner werfen der Regierung grobes Versagen im Corona-Management vor. Vakzine seien zu spät bestellt worden, einige westliche, wie Moderna oder Biontech, im Vorfeld vom Religionsführer ganz abgelehnt worden.

    Stattdessen setzte die Regierung früh auf einen eigenen Impfstoff und gab zahlreiche Forschungsprojekte in Auftrag. Einer davon erhielt nun eine Notfallzulassung, unabhängige Erkenntnisse über seine Wirksamkeit gibt es nicht. Überwiegend impft der Iran bisher mit dem chinesischen Vakzin Sinopharm und dem russischen Sputnik V. Laut Regierung soll in den kommenden Tagen Astrazeneca aus Japan importiert werden.

    Die nächste Welle ist da

    Zeitgleich gerät die Corona-Situation im Iran erneut außer Kontrolle. Die Rede ist von der fünften Welle, die Delta-Variante soll in den meisten Teilen des Landes angekommen sein, etwa 170 Städte und Provinzen sind als rot eingestuft – also als Gebiete mit sehr hoher Inzidenz. Zuletzt stieg die Zahl der Neuinfektionen laut iranischem Gesundheitsministerium auf mehr als 23.000 pro Tag, 184 Menschen starben. Krankenhäuser in der Hauptstadt Teheran sind laut Augenzeugen am Limit.

    Architekt Reza wollte daher nicht länger warten. Er hat nun in Armenien die erste Dosis Astrazeneca bekommen, in wenigen Wochen will er für die zweite Dosis erneut hinfahren. "Unsere Regierung verspricht den Menschen, dass wir bald genügend Impfstoff selbst produzieren, aber keiner glaubt dem Staat", meint er: "Jeder muss sich um sich selbst kümmern - jeder, der das kann." Gekostet hat ihn die Impfung nichts, für Fahrt, Hotel und Verpflegung habe er aber umgerechnet 500 Euro bezahlt. Fast viermal soviel wie der iranische Mindestlohn. Leisten können sich den Impf-Trip ins Nachbarland daher nur Besserverdiener.

    Auch die 43-jährige Nahid ist bei ihrer Arbeit von vielen Menschen umgeben: Sie arbeitet als Kostümbildnerin, die Schauspieler tragen dabei oft keine Maske. Als sie von der Impfmöglichkeit in Armenien hörte, fiel ihre Entscheidung dorthin zu fahren, sehr schnell - dennoch hat sie gemischte Gefühle. "Das letzte, an das die Regierenden im Iran denken, ist das Wohlbefinden der Menschen", sagt sie. "Ich habe mich zwar sehr über die Impfung in Armenien gefreut, aber gleichzeitig fühle ich mich sehr traurig und wütend, weil es sich die meisten meiner Landsleute nicht leisten können und vermutlich noch lange auf die Impfung warten müssen."

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