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Bildrechte: dpa/pa, Antonio Pampliega

Corona treibt Jesiden nach Sindschar zurück

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Corona: Jesiden kehren in ihre Heimat zurück

Sechs Jahre nach dem Beginn des versuchten Völkermords des IS an den Jesiden kehren wieder Familien ins Sindschar-Gebirge zurück. Durch den Corona-Lockdown haben viele, die in andere Regionen im Irak geflohen waren, Arbeit und Existenz verloren.

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Von
  • Carsten Kühntopp

Sie gehorchen der Not: Seit Juni sind bereits mehr als 1.200 jesidische Familien in die Stadt Sindschar zurückgekehrt, ihre alte Heimat. Von dort waren die Menschen geflohen, als vor sechs Jahren Kämpfer des IS anrückten.

Rückkehr nach Sindschar

Die Stadt liegt einige Kilometer südlich des gleichnamigen Gebirges, die Region ist das Stammland der Jesiden, einer uralten Glaubensgemeinschaft, von denen die meisten Kurden sind. Auch Jameel Elias Hassan al-Hamo bereitet sich auf die Rückkehr nach Hause vor - noch wohnt der alte Mann mit Sohn und Schwiegertochter in einer bescheidenen Behelfsunterkunft in Sharya. "Wir sind nun seit sechs Jahren in der Region Kurdistan. Die Situation ist jetzt wirklich schlecht hier", erzählt Jameel Elias Hassan al-Hamo. "Vor allem das Corona-Virus hat uns übel mitgespielt. Und in Sindschar sind viele von unseren Leuten bei den Sicherheitskräften. Viele von ihnen haben ihre Familien seit drei Monaten nicht mehr gesehen."

Kaum Hilfe von NGOs

Von Sharya bis zur Stadt Sindschar sind es 160 Kilometer. Doch beide Orte liegen in verschiedenen Provinzen. Und das Reisen von einer Provinz zur anderen war lange verboten wegen Corona. Wer in Sindschar bei der Polizei diente, war vom Rest seiner Familie in Sharya abgeschnitten. Al-Hamos' Schwiegertochter Gole weist auf eine weitere Folge der Pandemie hin. Jeden Monat hätten die Jesiden, die in Sharya Schutz gefunden hatten, ein Paket mit Lebensmittelspenden bekommen, sagt sie. Doch wegen Corona kommen Hilfsorganisationen jetzt nur noch selten zu den Bedürftigen durch. Und Jobs für die Flüchtlinge gebe es in Sharya auch keine mehr wegen des Lockdowns, so die junge Frau.

Darüber, was ihn in Sindschar erwartet, habe er keine Illusionen, sagt Familienoberhaupt Al-Hamo: "Unser Gebiet dort ist zerstört. Da gibt es nichts, kein Strom, kein Wasser, keine Dienstleistungen. Wir müssen bei Null anfangen, Gott steh‘ uns bei".

Sindschar: eine zerstörte Stadt

Anfang August 2014 hatte der IS die Stadt Sindschar eingenommen. Die Fanatiker töteten mehrere tausend Männer und verschleppten und versklavten Frauen und Mädchen. Von den Jesiden, die entkommen konnten, fanden viele Zuflucht in Sharya. Dort zog das UNHCR ein Zeltlager für die Flüchtlinge hoch. Ende 2015 konnten Kurden und Jesiden Sindschar wieder befreien. Doch bis heute liegt die Stadt größtenteils in Trümmern. Al-Hamos Sohn Jihad klingt etwas trotzig: "Zuerst werde ich unser Haus reparieren. Und wenn ich damit fertig bin, werde ich zuhause sitzen. Wenn Organisationen kommen und Arbeit anbieten, werde ich arbeiten. Wenn nicht, werde ich sitzen".

Sein Vater hofft darauf, dass es in Sindschar besser als in Sharya sein wird. Immerhin hätten örtliche Hilfsvereine versprochen, ihm und seiner Familie nach der Ankunft dort unter die Arme zu greifen. Er glaubt, bald wieder mit allen Mitgliedern seiner Großfamilie vereint zu sein. "Meine Verwandten, die Gemeinde, der Stamm – ich habe mehr als 400 Namen hier mit den Telefonnummern", erzählt er. "Sie sagen mir, sobald wir, die Scheichs und Stammesältesten, nach Sindschar zurückgegangen sind, werden sie uns folgen."

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