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Die User-Doku zu Corona: So war unser Krisen-Jahr | BR24

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Corona-Alltag für fünf junge Leute in der BR-Webdoku

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    Die User-Doku zu Corona: So war unser Krisen-Jahr

    Verschärfung der Regelungen, neue Maßnahmen und immer wieder Hotspots. Seit mehr als zehn Monaten, gibt es fast nur noch ein Thema: Corona. Ein Rückblick mit Videotagebüchern und social media Trends.

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    Von
    • Sarah Pache

    Social Distancing, Inzidenzwerte, R-Faktor. Begriffe, die bis 2019 vor allem Epidemiologen beschäftigten, sind heute in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen. So verwundert es kaum, wenn selbst eine Wissenschaftlerin im Interview verlauten lässt "Ja, natürlich. Wir haben es alle satt!". Cornelia Betsch ist Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Sie sagt, als Gesellschaft seien wir zu wenig vorbereitet gewesen auf das, was uns 2020 so kalt erwischt hat.

    Pandemie ein "Langstreckenflug" ohne Vorbereitung

    Die Corona-Krise als Naturkatastrophe zu beschreiben, greift für Prof. Betsch zu kurz, sie vergleicht die Pandemie lieber mit einem "Langstreckenflug, auf den wir uns nicht vorbereitet haben". Piloten trainieren schließlich jahrelang, um bei einem besonders langen Flug stets die volle Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.

    In einer Pandemie werden Menschen immer wieder Alarmsignalen ausgesetzt, auf die sie schnell reagieren müssen. Corona-Fälle im nahen Umkreis oder sich ändernde Regelungen im Alltag zum Beispiel. Ist der Besuch bei der Oma angebracht? Maske dabei? Abstand eingehalten?

    Das ständige Auseinandersetzen mit dem eigenen Verhalten ist ermüdend. Also: Ja, viele sind Corona-müde und viele haben es satt und das ist normal. Die Frage ist nun, wie man es trotzdem schafft durchzuhalten, sich nicht der Müdigkeit, dem Ärger oder Frust schutzlos auszuliefern?

    Das Corona-Jahr in fünf Lebensläufen

    In der BR24-Webdoku "Der social Jahresrückblick|So krass war 2020|Die User Doku zum Krisen-Jahr" mühen sich fünf junge Bayern genau damit ab. Seit der ersten Welle bis hinein in den November 2020 dokumentieren sie ihre Erfahrungen in Videotagebüchern. Es eröffnen sich dadurch sehr authentische und persönliche Erfahrungen, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen von dieser Corona-Krise getroffen sein können.

    Krankenpflegerin Julia: Nur Verdrängen hilft

    Krankenpflegerin Julia ist seit spätestens März im Dauerstress, kein Urlaub, immer wieder muss sie in Quarantäne und damit persönliche Pläne und Wünsche verschieben. Zu Beginn freute sie sich noch über den Applaus von den Balkonen, in ihr wuchs die Hoffnung, es würde sich in diesem Jahr vielleicht endlich etwas an den Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte ändern. In der zweiten Welle zeigt sich, diese Hoffnung war umsonst. Immer noch schlecht bezahlt und erschöpft vom Dauereinsatz, sinkt Julias Motivation von Tag zu Tag, wie sie es in einem ihrer Videoeinträge beschreibt. Ihre Taktik vorerst: Verdrängung. Anders würde sie durchdrehen.

    Für Reiseunternehmer Christian ein "Horrorjahr"

    Start-up Gründer Christian bangt um sein junges Reiseunternehmen. Seit drei Jahren bietet er Überraschungsreisen an. 3.000 Gutscheine lagerten in großen Kartons seit Februar in seinem Büro, fertig zum Verkauf. Sie liegen noch immer dort. 2020 sollte sich für den Reiseunternehmer als ein "Horror-Jahr" entpuppen. Geschlossene Grenzen und Reisewarnungen im Frühjahr, im Sommer dann die ersten möglichen Reisen.

    Kurzes Aufatmen, dann der Absturz

    Der Fokus des Unternehmens lag dann auf Deutschland, kurzes Aufatmen, bis im Herbst erneut die zweite Welle zuschlägt und Planbarkeit für Reisen unmöglich macht. Wie Christian Diener es schaffte durchzuhalten? Leichtigkeit. Irgendwann, erzählt er in seinem Videotagebuch, beschließen er und sein Team im Büro tief durchzuatmen und die Dinge mit mehr Leichtigkeit zu nehmen, denn ändern können sie nichts und Schuld an der Situation haben sie auch nicht. Mit dieser Akzeptanz in sich, schaffen sie es die Kraft für die übrig gebliebenen Kunden aufzubringen, immer wieder Umbuchungen vorzunehmen.

    Am Ende wird all das nicht reichen. Das Unternehmen muss Insolvenz anmelden. Christians Grundeinstellung wird hingegen nicht erschüttert, er bleibt zuversichtlich und Optimist, sein Unternehmerherz schlägt weiter. Nachhaltigkeit interessiert ihn schon seit Jahren, vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen.

    Corona ist "wie ein großer Stein, der dich runterzieht"

    Auch Hotelfachfrau Marie kämpft. Im Februar noch gegen die Arbeitslosigkeit, im Sommer dann gegen die Doppelbelastung von zwei Jobs, ehe sie dann ab September tatsächlich ihren Traumjob ergattert, Küchenleitung in einem Internat. Die große Wende? Leider nicht, denn zeitgleich mit den Ankündigungen erneuter Ausgangsbeschränkungen, kündigt ihr der neue Arbeitgeber, denn auch der sei wirtschaftlich getroffen. Und wieder muss sich die 23-Jährige aufraffen.

    Das fällt ihr zusehends schwer. "Corona ist wie ein großer Stein, der dich packt und auf den Boden der Tatsachen runterzieht", sagt Marie. Die Träumerphase nach der Ausbildung sei für sie vorbei. Sie hat Existenzängste. Den Optimismus, wie ihn Reiseunternehmen Christian hat, kann sie kaum aufbringen.

    Es zeigt sich in der BR24-Webdoku wie unterschiedlich die einzelnen Menschen mit dieser Krise umgehen.

    Nichts im Leben ist selbstverständlich

    Zwischen Existenzangst und dem Ringen um Leichtigkeit zeichnet sich für sie alle 2020 eine neue Erkenntnis ab: Die Gewissheit, dass nichts im Leben selbstverständlich ist, so beschreibt es zumindest Krankenpflegerin Julia Niedermeier und vielleicht liegt ja genau in dieser Erkenntnis die große Kraft und eine Chance. Zugleich offenbart sich durch diese fünf Geschichten, dass die Perspektiven, die Schicksale und Leiden, in dieser Krise ganz unterschiedlich sind. Regelungen schlicht nicht mehr widerspruchsfrei funktionieren und genau deshalb Ängste, Zweifel und Sorgen uns alle betreffen, wenn auch unterschiedlich.

    Jüngeren leiden mehr - es fehlt die Krisenerfahrung

    Die Psychologin Cornelia Betsch und ihr Team an der Universität Erfurt beobachten die psychologische Lage in der Bevölkerung durch die COSMO Studie bereits seit März. Auffällig dabei: Die Jüngeren scheinen noch mehr unter der Krise zu leiden als Ältere. Dafür hat die Psychologin eine einfache Erklärung: fehlende Resilienz.

    Aus vollem Lauf gestoppt

    Ältere Menschen haben bereits Krisen in ihrem Leben überwunden. Sie haben die Erfahrung und damit das Vertrauen, dass es weitergehen wird. Und: ältere Menschen würden meist nicht "aus vollem Lauf" gestoppt. Für viele Jüngere ist die Corona-Pandemie jedoch die erste große Krise – und das auch noch in der vielzitierten "besten Zeit des Lebens". Selbstverständliche Freiheiten wie Reisen, Konzertbesuche oder Freunde treffen sind plötzlich kaum mehr möglich.

    Vereinsamung, Dauerstress und neue Ängste

    Um die psychische Widerstandsfähigkeit, also die Resilienz zu festigen, sollte man sich der eigenen Bewältigungsstrategien in Stress- und Krisensituationen bewusstwerden, so Cornelia Betsch. Auch wenn es schwerfällt, der Blick auf das vergangene Jahr kann dabei helfen. Ausgangsbeschränkungen im März, Schul- und Kitaschließungen, plötzliches Homeoffice, plötzliche Existenznot, Vereinsamung, Dauerstress und neue Ängste. Was waren trotz allem die Dinge, die geholfen haben durchzuhalten? Was die Stressfaktoren, die jetzt vermeidbar sind?

    Ein Teil der Krise ist bereits überwunden

    Ja, zehn Monate Pandemie haben Spuren hinterlassen, aber eben nicht nur schlechte. Nachbarschaftshilfe und Solidarität mit den Pflegekräften, die Wiederentdeckung des Spaziergangs, Familienzeit und Urlaub in Deutschland. Sowohl die Ausgangsbeschränkungen im Frühjahr als auch die Lockerungen im Sommer sind Erfahrungen der Krisenbewältigung. Und es gibt diese banale wie hilfreiche Sicherheit: Ein Teil der Krise ist bereits überwunden.

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