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Nicht nur das Virus selbst macht Corona-Infizierten zu schaffen – sie leiden meist auch seelisch.

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Corona-Infizierte am Pranger: Stigmatisiert und ausgegrenzt?

Nicht nur das Virus selbst macht Corona-Infizierten zu schaffen – sie leiden meist auch seelisch. Sie und ihre Familien werden immer öfter gemieden und beschimpft. Denn die Angst vor Ansteckung führt beim Umfeld oft zu Verunsicherung und Vorwürfen.

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  • Astrid Uhr

Verbale Beleidigungen, Fingerzeigen, Vorwürfe: Corona-Infizierte und ihre Familien werden immer öfter von ihren Mitmenschen angegangen. Häufig wird ihnen angebliches Nichteinhalten der Hygiene-Regeln vorgeworfen.

Manchmal werden auch Unwahrheiten über Krankheitsverläufe verbreitet. Zum körperlichen Leid kommt so für die Corona-Erkrankten noch das seelische dazu.

Gerüchte schneller als die Wahrheit

"Wir wohnen ja in einem kleinen Dorf, da verbreiten sich die Gerüchte relativ schnell. Die Leute dachten, dass unsere ganze Familie Corona hätte, was aber nicht der Fall war." Martin Paschek aus dem oberbayerischen Krün im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist selbst nie an Covid-19 erkrankt. Trotzdem wurde er in seinem Dorf gemieden und beschimpft - weil seine Mutter Corona hatte. Ein Schock für die Hoteliers-Familie. Alle ließen sich testen. Ergebnis: Keine weiteren Corona-Fälle in der Familie.

Nachbarn kontrollieren Quarantäne

"Wir haben alle 14 Tage lang die Quarantäne eingehalten", erklärt er. Der 37-Jährige, der eine Firma für Raumausstattung führt, hielt nur noch über Telefon Kontakt, mit seinen Mitarbeitern. "Dann haben Leute angerufen: Es kann doch nicht sein, dass ich meine Mitarbeiter weiter auf die Baustelle schicke. Weil sie eben dachten, dass ich positiv bin und Kontakt hatte mit ihnen."

Das Gesundheitsamt rief täglich an während der Quarantäne. Sie saßen oft auf der Terrasse - das fotografierten Nachbarn und schickten die Bilder zum Amt. Zu wenig Abstand, so der Vorwurf. Kontrolle von allen Seiten.

Nicht auf andere zeigen

Ähnliche Diffamierungen hat auch Landrat Roland Grillmeier aus der Oberpfalz erlebt. Sein Landkreis Tirschenreuth war im März die erste Region in Deutschland, wo eine Ausgangssperre verhängt wurde aufgrund der hohen Zahl gemeldeter Corona-Fälle.

Noch heute verwundern ihn manche Kommentare aus Presse und Politik von damals. "Ich würde mir wünschen, dass jeder sich fragt: Hätte mich das nicht auch treffen können? Bevor man irgendwie mit dem Finger auf Leute zeigt, die irgendwo im Urlaub waren, auf einer Veranstaltung, einer Familienfeier."

Coronavirus führt zu Verunsicherungen und Vorwürfen

Krisen wie die Corona-Pandemie führen zu Verunsicherungen, das mache Angst und führe zu Vorwürfen, beobachtet der Münchner Psychologe Simon Hahnzog: "Wenn ich auf jemand mit dem Finger zeige, kaschiere ich eigene Fehler, dass ich vielleicht neulich im Geschäft zu spät die Maske aufgesetzt habe. Eine klassische Strategie der Selbstwerterhöhung: Du bist schuld- und ich bin fein raus!"

Die Gefahr: Wenn Corona-Infizierte stigmatisiert werden, dann kann das potentiell Erkrankte vom Testen abschrecken - und die Infektionskette könnte weitergehen.

Offenheit statt Vorwürfen

Der Dießener Arzt Michael Behrendt lehnt eine Stigmatisierung Corona-Infizierter entschieden ab. Aber er wünscht sich von der Gesellschaft mehr Konsequenz, was die Richtlinien des Gesundheitsministeriums betrifft. Auch Menschen mit leichten Symptomen sollten zum Arzt gehen. "Wenn jemand einen Grund sieht, um sich testen zu lassen, z.B. Fieber, dann muss er sich zweimal innerhalb von fünf Tagen testen lassen und sich 14 Tage in Quarantäne begeben."

Martin Paschek hat verantwortungsvoll gehandelt. Trotzdem hat er Vorwürfe bekommen. Schließlich hat er sich an die örtliche Tageszeitung gewandt mit der Aussage: "Nein, ich habe kein Corona." Das sei richtig gewesen, meint Psychologe Simon Hahnzog: Bei Gerüchten keine Zeit verschwenden, sondern offen reden! Das schaffe Vertrauen und Zusammenhalt. Übrigens, offiziell entschuldigt hat sich bei Martin Paschek bis heute noch niemand.

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Nicht nur das Virus selbst macht Corona-Infizierten zu schaffen - sie leiden meist auch seelisch. Sie und ihre Familien werden immer öfter gemieden und beschimpft. Denn die Angst vor Ansteckung führt beim Umfeld oft zu Verunsicherung und Vorwürfen.

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