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Corona in Portugal: Vom Hotspot zum Musterschüler Europas.

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Corona in Portugal: Vom Hotspot zum Musterschüler Europas

Vor zwei Monaten war Portugal noch der Corona-Hotspot der Welt mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 900. In weniger als acht Wochen hat es das Land geschafft, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Wie hat das funktioniert?

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Von
  • Oliver Neuroth
  • tagesschau.de

Portugals Weg aus der dritten Corona-Welle heraus ist im Prinzip ein klassischer. Als die Fallzahlen im Januar rapide ansteigen, unternimmt die Regierung das, was fast alle Staaten in einer solchen Situation tun: Sie verhängt einen Lockdown. Im Mittelpunkt stehen Ausgangsbeschränkungen. Wobei es keine strikten Verbote sind - der sozialistische Ministerpräsident Antonio Costa spricht von Bürgerpflichten: "Denken Sie nicht an die Ausnahmen, sondern an die Regeln. Und die Hauptregel ist ganz einfach: Jeder von uns bleibt zu Hause."

Die Menschen sollen ihre Wohnungen nur für den Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt oder zum Supermarkt verlassen. Wer von zu Hause aus arbeiten kann, muss das tun - es gilt eine Homeoffice-Pflicht, die die Arbeitgeber zu akzeptieren haben. An den Wochenenden darf niemand seinen Heimat-Landkreis verlassen, was die Polizei kontrolliert; Geschäfte und Restaurants bleiben geschlossen, auch im Freien muss Maske getragen werden.

Bevölkerung macht mit: "Was sein muss, muss sein"

Das Besondere an diesem portugiesischen Lockdown: Die Bevölkerung zieht mit. Kritik an den Maßnahmen gibt es kaum. Wer Menschen auf der Straße in Lissabon auf Portugals Corona-Politik anspricht, hört vor allem Antworten wie diese: "Wenn die Regierung meint, dass das richtig ist, wird es so sein. Da müssen wir uns keinen Kopf machen. Aber es werden wohl viele Firmen Pleite gehen." Ein anderer sagt: "Was sein muss, muss sein. Dem können wir nicht entfliehen. Das sind die Pläne, die die Regierung beschlossen hat und wir müssen uns daran halten."

Dass die meisten Portugiesinnen und Portugiesen hinter dem Lockdown stehen, dürfte an der Wucht der Corona-Pandemie Anfang des Jahres liegen. Das Land hatte zeitweise die höchste Sieben-Tage-Inzidenz der Welt - gemessen an der Einwohnerzahl - sie lag bei 900. Bilder von einem kollabierenden Gesundheitssystem haben die Menschen aufgerüttelt.

Die frühere Diktatur wirkt nach

Außerdem spielt die portugiesische Geschichte eine Rolle: Das Land war vor nicht einmal 50 Jahren noch eine Diktatur. In den Köpfen vieler Menschen habe sich bis heute gehalten, dass man die Anweisungen des Staates nicht in Frage stelle, sagen Beobachter. Und so werden Sätze wie diese vom konservativen Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa nicht etwa als juristisch fragwürdig kritisiert, sondern akzeptiert: "Die Portugiesen wissen, dass der Notstand besteht, um die restriktiven Maßnahmen beim härtesten Kampf gegen die Pandemie rechtlich zu begründen. Je schneller die Einschränkungen aufgehoben werden können, umso schneller wird der Notstand nicht mehr nötig sein."

Lockerungen in Sicht

Ab kommenden Montag dürfen kleinere Geschäfte und Straßencafés wieder öffnen. Der Tourismus im Land läuft allerdings vorerst nur langsam wieder an: Ein neues Dekret der Regierung sieht Einschränkungen im Flugverkehr vor. Aus Deutschland sind nur notwenige Reisen gestattet, was bei harter Auslegung Urlaubsflüge nicht mit einschließen würde. Jeder Passagier muss bei Einreise zudem einen negativen PCR-Corona-Test vorlegen können.

Aus deutscher Sicht ist inzwischen das komplette portugiesische Festland kein Risikogebiet mehr, die Corona-Inzidenz liegt bei etwa 30. Nur Madeira verzeichnet einen Wert über der kritischen Marke von 50: Woran das liegt, können die Verantwortlichen nicht erklären - lässt Madeira doch seit dem vergangenen Sommer schon nur Gäste mit negativem Testergebnis auf die Insel. Die örtlichen Behörden argumentieren, dass die aktuellen Zahlen nicht der tatsächlichen Inzidenz entsprächen. Nachmeldungen von älteren Corona-Fällen hätten die Statistik verfälscht. Ob das stimmt, wissen wohl nur die Macher der Statistik selbst.

Impfkampagne nicht ausschlaggebend

Beim Impfen kommt Portugal in einem ähnlich langsamen Tempo wie Deutschland voran. Aber auch das sorgt in der Bevölkerung nicht für größere Kritik. Selbst die Entwicklungen rund um den umstrittenen Impfstoff von AstraZeneca bringen die Portugiesen anscheinend kaum aus der Ruhe, das Thema sorgt zumindest nicht für einen Aufschrei.

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