BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance / ZUMAPRESS.com | Naveen Sharma
Bildrechte: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Naveen Sharma

Verheerende Folgen der Pandemie in Indien

Per Mail sharen

    "Hölle auf Erden": Verheerende Folgen der Pandemie in Indien

    Die Krematorien sind überfüllt, Tote werden auf der Straße verbrannt. Die Corona-Situation in Indien ist längst außer Kontrolle. Warum ist Indien überhaupt in diese Lage gekommen? Schließlich galt die Pandemie dort schon fast als besiegt.

    Per Mail sharen
    Von
    • Jonathan Schulenburg
    • Silke Diettrich

    Monatelang war Corona schon fast kein Thema mehr in Indien. Die indische Regierung hatte im Dezember verkündet, die Pandemie sei eingedämmt. Tatsächlich haben sich im Winter laut offiziellen Zahlen kaum mehr als 10.000 Menschen am Tag angesteckt. Also wurde fast alles wieder geöffnet im Land: Kinos und Märkte, Shoppingcenter und Fitnesscenter. Hochzeiten wurden wieder erlaubt, und die Politikerinnen und Politiker des Landes ließen zahlreiche Massenveranstaltung zu, darunter vor allem Wahlkampf.

    Indien erlebt Höchststände

    Die aktuelle Situation: Jeden Tag erlebt das Land einen neuen Höchststand an Infektionen und an Toten. 3.980 Tote in den vergangen 24 Stunden, so viele Todesfälle in Verbindung mit dem Virus wie noch nie. Mit 412.262 Corona-Neuinfektionen verzeichnet das Land erneut einen weltweiten Höchstwert. Damit ist die Gesamtzahl der Infektionen auf mehr als 21 Millionen gestiegen, die der Todesfälle auf gut 230.000.

    Menschen sterben auch, weil es nicht genügend Sauerstoff gibt. Peter Hornung, der ARD-Korrespondent in Indien, berichtet: "Diese Szenen vor Krankenhäusern, die wir alle gesehen haben, wo sich Menschen fast prügeln, um Einlass zu bekommen in ein Krankenhaus, wo sie Angehörige unterbringen wollen, wo sich Menschen prügeln um Sauerstoffflaschen. Natürlich auch die Krematorien, die rund um die Uhr arbeiten, denen das Brennholz ausgeht. Das sind tatsächlich Hotspots. Aber Corona ist in Neu-Delhi und in vielen anderen Städten Indiens vor allem eine stille Katastrophe. Die findet zu Hause statt."

    Wie konnte es so weit kommen?

    Das sogenannte Social Distancing einzuhalten ist an vielen Orten in Indien ein Problem. In den riesigen Städten leben gerade die armen Menschen dicht an dicht, teilen sich zu Hunderten ein öffentliches Klo, weil zu Hause kein Platz dafür ist. ARD-Korrespondent Peter Hornung richtet den Blick aber auch auf einen anderen Punkt: "Es gab Sportveranstaltungen, große Cricket-Veranstaltung. Es gab religiöse Massenveranstaltungen wie das bekannte Bad im Ganges, die Kumbh Mela. Es gab politische Veranstaltungen, es gab große Wahlkampf-Veranstaltung. Da haben sich die Leute getroffen, haben vielleicht eine Maske auf gehabt, vielleicht nicht. Aber wirklich ernst genommen hat das keiner mehr."

    Dazu verbreitet sich die Doppelmutante B.1.617 in Indien rasant. Es bleibt offen, welchen Anteil die Veränderungen am Virus an der indischen Katastrophe tatsächlich hat. Anhand der sehr kleinen verfügbaren Datenbasis lasse sich schließen so der Virologe Christian Drosten, dass die Mutante nicht allein die heftige Infektionswelle in dem Land verursache, "sondern das ist mehr eine bunt gemischte Virus-Population", sagte der Wissenschaftler von der Charité in Berlin im "Coronavirus-Update". Auch die ansteckendere Variante B.1.1.7, die mittlerweile hierzulande dominiert, sei stark vertreten.

    Gesundheitssystem in Indien überlastet

    Was deutlich wird, ist der schlechte Zustand des indischen Gesundheitssystems. Das steht vor dem Kollaps. In Indien werden ungefähr drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts ins Gesundheitswesen gesteckt, in Deutschland sind es elf Prozent. Es gibt ein staatliches System und ein privates. Das staatliche nutzt die arme Bevölkerung, wer mehr Geld hat, geht zu den gut ausgestatteten privaten Kliniken.

    Peter Hornung, der ARD-Korrespondent vor Ort, beschreibt die jetzige Lage so: "Jetzt in der Corona-Krise, sehen auch die Wohlhabenden, dass sie nicht mehr alles kriegen. Diese Krankheit, dieser Virus, führt tatsächlich dazu, dass auch die privaten Krankenhäuser vollkommen überlastet sind. Dass die kein Sauerstoff mehr haben, keine Medikamente und auch keine Betten. Und deshalb sehen jetzt auch die Wohlhabenderen in Indien, wie es eigentlich um das Gesundheitssystem in diesem Land steht."

    Gegenseitige Schuldzuweisungen

    Ein Teil der jetzigen Krise ist auch eine Versorgungskrise. Es gibt Bundesstaaten in Indien, die zwar genug Sauerstoff haben, sie geben ihn aber nicht heraus. Ein Gericht musste erst vor Kurzem eingreifen. Jetzt gilt: Wenn ein Bundesstaat einen Sauerstofftransport aus seinem eigenen Territorium in die Hauptstadt stoppt, dann ist es ein krimineller Akt.

    Auch die Kritik an der Bundesregierung und Premierminister Narendra Modi wird lauter. Ihr werden Versäumnisse und zu viel Lockerheit im Umgang mit Corona vorgeworfen. Peter Hornung beschreibt die Stimmung im Land so: "Es ist längst nicht nur die Bundesregierung. Es sind auch die Regierungen in den Bundesstaaten, die große Versäumnisse tatsächlich haben. Im Augenblick ist es ein richtiges Blame-Game. Man gibt sich gegenseitig die Schuld, und das hilft natürlich nicht in dieser Krise."

    Impfkampagne in Indien stockt

    Und auch die Impfkampagne im Land gerät ins Stocken. Noch im April wurden zwei bis drei Millionen Menschen jeden Tag geimpft. Seit 1. Mai haben alle über 18 Jahren Anspruch auf eine Impfung. Doch im Moment gibt es nicht genug Impfstoff, klagen viele Bundesstaaten.

    Tatsächlich gibt es wohl mehrere Gründe, warum Indiens Impfkampagne ins Stocken geraten ist. Vor allem dem größten Hersteller, dem Serum Institute of India, mangelt es an Rohmaterial. Die USA hatten einen Exportstopp verhängt, der erst in der letzten Aprilwoche aufgehoben wurde. Außerdem hat sich Indien womöglich lange Zeit zu großzügig gezeigt. Bis Ende März lieferte es große Mengen an Impfstoffen im Rahmen der Uno Initiative Covax an ärmere Staaten, bis eben die Infektionszahlen im eigenen Land explodierten.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!