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Immer neue Rekorde bei den Totenzahlen, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps - die zweite Corona-Welle überrollt Brasilien. Einige Regionen versuchen der Lage Herr zu werden - mit halbherzigen Maßahmen.

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Corona in Brasilien: "Die Pandemie ist außer Kontrolle"

Immer neue Rekorde bei den Totenzahlen, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps - die zweite Corona-Welle überrollt Brasilien. Einige Regionen versuchen der Lage Herr zu werden - mit halbherzigen Maßahmen.

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Von
  • Ivo Marusczyk

"Wir verlieren auch viele junge Leute in dieser zweiten Welle. Bitte passt auf, wo ihr könnt. Ihr wollt doch niemanden verlieren", sagt Ana Lidia Souza, die als Krankenschwester in einem Behelfslazarett im brasilianischen Belém arbeitet. Denn Brasilien erlebt gerade die zweite Krankheitswelle. Nicht nur im Amazonasgebiet, auch im Süden des Landes, wo die Infrastruktur viel besser ist, spitzt die Lage sich zu.

Jean Gorynchteyn, der Gesundheitsstaatssekretär des Bundesstaates Sao Paulo, sagt: "Unsere Krankenhäuser sind schon gefährdet, viele sind schon zu 100 Prozent ausgelastet. Wir kommen daher an die Grenzen."

Intensivbetten fehlen

In dieser Woche sind zum ersten Mal an einem Tag mehr als 2.000 Menschen nach einer Corona-Infektion gestorben. Und es war kein statistischer Ausrutscher, die Zahlen steigen schon länger an. Bald schon könnten es mehr als 3.000 Tote pro Tag sein, befürchtet Miguel Nicolelis. "Diese Prognose war für Ende März - leider werden wir diese Zahlen jedoch nächste Woche schon erreichen. Mitte nächster Woche - oder sogar noch früher."

Der Neurowissenschaftler ist einer der bekanntesten Ärzte Brasiliens. Die Pandemie sei klar außer Kontrolle geraten, so Nicolelis. "Jetzt Prognosen abzugeben wird schwieriger, weil in einigen Bundesstaaten bereits die Gesundheitssysteme kollabieren. Das kann die Todeszahlen beschleunigen, weil Betten - vor allem Intensivbetten - fehlen."

Mediziner fordern harten Lockdown

Wie viele der neuen Fälle auf die Mutation aus dem Amazonasgebiet zurückzuführen sind, weiß niemand. In Brasilien werden die Viren kaum sequenziert. Es bestehe aber die Gefahr, dass neue Mutationen auftreten oder sogar Virenstämme, die die Eigenschaften mehrere Mutationen verbinden. Der Mediziner sieht nur einen Ausweg: Drei bis vier Wochen Lockdown im ganzen Land:

"Brasilien hat keine andere Wahl außer einem nationalen Lockdown. Plus Masken und mehr Impfungen, Kontrolle der internationalen Flughäfen und auf den Straßen, mehr Tests - um das Gesundheitssystem zu entlasten. Das Land steht vor dem ersten Kollaps seiner Geschichte. Noch nie ist das in Brasilien passiert." Miguel Nicolelis

Kaum einer kennt die Regeln

Einzelne Bundesstaaten oder Städte verschärfen jetzt die Maßnahmen. Aber das geschieht nur halbherzig. In Rio müssen Lokale an diesem Wochenende ab 21 Uhr schließen - den früheren Zapfenstreich um 17 Uhr hatten die Wirte bekämpft, die Sperrstunde wird aber fast jeden Tag wieder geändert. Kaum jemand weiß, welche Regeln gerade wo gelten. Und abseits der Vorzeigeviertel von Rio ist kaum noch jemand mit Maske unterwegs. In Sao Paulo gilt eine nächtliche Ausgangssperre, die aber nur teilweise eingehalten wird.

Und Präsident Bolsonaro sind nach wie vor alle Maßnahmen gegen das Virus ein Dorn im Auge. "Ich kann nicht zulassen, dass diese Lockdowns weitergehen. Denn die wollen keine Leben retten, die wollen die Macht übernehmen", sagt er über Gouverneure und Bürgermeister, die es wagen, Ausgangssperren zu verhängen. Damit läuft die Bekämpfung der Pandemie letztlich ins Leere, sagt der Soziologe Demetrio Magnoli.

Gesundheitssystem auf Massenimpfungen vorbereitet

Lockdowns bräuchten einen Mindestkonsens zwischen Regierung und der Opposition - denn man könne keinen nationalen Lockdown gegen den Willen einer gewählten Regierung durchführen, so Magnoli. "Die USA haben ja keinen gemacht, weil Trump dagegen war. Und hier macht man keinen Lockdown gegen Bolsonaros Willen. Der hat sich zwar radikal geändert, was die Impfstoffe angeht - aber beim Lockdown wird er seine Position nicht ändern."

Immerhin versuche Bolsonaro inzwischen auch, Impfstoffe für Brasilien zu organisieren. Eine späte Wende - lange Zeit war der Präsident sogar gegen die Beschaffung von Impfstoffen vorgegangen. Die Impfkampagne kommt nur schleppend voran. Theoretisch könnte Brasiliens auf Impfungen gut vorbereitetes Gesundheitssystem täglich zwei bis drei Millionen Menschen impfen - im Moment erreicht man ein Zehntel davon.

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