BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Corona-Impfung: Wie Senioren an der Terminvergabe verzweifeln | BR24

© dpa-Bildfunk/Fred Tanneau

Impfspritze

69
Per Mail sharen

    Corona-Impfung: Wie Senioren an der Terminvergabe verzweifeln

    Rund 90 Prozent der mindestens 80-Jährigen leben zuhause. Viele von ihnen wissen nicht, wie sie an Impftermine kommen sollen und verzweifeln an komplizierten Anmelde-Portalen. Das zeigen jetzt Recherchen des ARD-Polit-Magazins "report München".

    69
    Per Mail sharen
    Von
    • Ulrich Hagmann
    • Fabian Mader

    Bei Gesundheitsminister Jens Spahn klang im Dezember alles so einfach: "Don’t call us – we call you!" sagte er da auf einer Pressekonferenz – also: Sie brauchen sich nicht zu kümmern, die Behörden kommen wegen eines Impftermins auf Sie zu!

    Drei Wochen ist der Start der Impfkampagne nun her – das Versprechen von Jens Spahn hat sich für viele Senioren aber bislang nicht erfüllt.

    Senioren fühlen sich allein gelassen

    Die Münchnerin Rosemarie Ganslmeier ist 83 Jahre alt und herzkrank. Sie hat höchste Priorität bei der Corona-Impfung. Jeden Tag geht sie an den Briefkasten. Eigentlich hatte die Stadt den Senioren einen Brief versprochen – mit Informationen zur Impfung. Aber wie immer findet sie auch heute "einfach nichts" – "man denkt, es könnte mal was werden langsam."

    Rosemarie Ganslmeier fühlt sich allein gelassen. Immer wieder versucht sie es auch bei der Telefon-Hotline des Bundes – bislang ohne Erfolg. Der Impfstart findet derzeit vor allem in Seniorenheimen statt. Allerdings leben dort nur 10 Prozent der Generation 80 plus in Deutschland. 90 Prozent leben dagegen zuhause. Teilweise mit, teilweise ohne Pflegedienst.

    Online-Portale der richtige Weg?

    Diese große Gruppe ist bei der Suche nach Impfterminen oft auf sich alleine gestellt, sagt Verena Bentele vom Sozialverband VdK Deutschland e.V. gegenüber dem ARD-Politmagazin "report München". "Es gibt Online-Portale, wo man sich fragt, wie viele über 80-Jährige im Moment wirklich easy in der Lage sind, über ein Online-Portal einen Termin zu vereinbaren", so Bentele. "Ich befürchte, dass die Frustration vieler Menschen extrem zunimmt und sie dann eben nicht mehr bereit sind, sich impfen zu lassen oder beziehungsweise sich um einen Termin zu kümmern."

    Das befürchtet auch Uwe Holste. Er lebt in Schleswig-Holstein, ganz in der Nähe der Halbinsel Nordstrand bei Husum. Mit vier anderen hat sich der frühere Lehrer zusammengeschlossen, um ältere Senioren im Ort bei der Terminsuche zu unterstützen. Denn alleine haben diese aus seiner Sicht kaum eine Chance.

    Per Telefon geht kaum etwas

    In Schleswig-Holstein werden jeden Dienstag um 08.00 Uhr eine Telefon-Hotline und eine Webseite freigeschaltet – in wenigen Minuten werden dann die Impftermine für eine Woche verteilt. Holste will dieses Mal dabei sein und für einen früheren Arbeitskollegen einen Termin buchen. Zunächst sieht es gut aus. Er kommt pünktlich um 08.00 Uhr auf die Seite des Impfzentrums Nordfriesland und gibt die Daten seines Freundes ein.

    Aber dann hakt es. Bei "Anzahl der Personen" steht: Null. Er versucht es wieder und wieder. Als er neu starten will, zeigt das Programm 19.412 Nutzer in der Warteschleife an – vor ihm. Wenige Minuten nach acht Uhr sind alle Termine ausgebucht. "Da tut sich nichts mehr" – Holste fühlt "Enttäuschung pur", zumal er nun seinem ehemaligen Kollegen erklären muss, dass es nicht geklappt hat – obwohl er "ziemlich schnell" war.

    Online-Portal im Freistaat hat Tücken

    Solche "Terminjagden" sind in Bayern nicht vorgesehen. Aber auch das Online-Portal des Freistaats hat seine Tücken. Sowohl E-Mail-Adresse als auch Mobiltelefon sind Bedingung, nur damit lässt sich ein Termin buchen. Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom nutzen aber nur rund die Hälfte der über 80-Jährigen in Deutschland ein Mobiltelefon. Deutlich weniger von ihnen ein Smartphone.

    Die Münchnerin Helga Peter hat beides – ein Mobiltelefon und eine E-Mail-Adresse. Dennoch scheitert sie am Online-Portal der Landesregierung. Sie wollte eigentlich einen Termin für ihren Mann buchen. Er ist 85 Jahre alt und nach einem Sturz ein Pflegefall. Aber die verschiedenen Felder, die auszufüllen sind, Links, auf die sie klicken soll, Passwörter, die zu vergeben sind – sie fühlt sich überfordert.

    "Ich verzweifle nicht so schnell", meint Peter. "Ich habe mein iPad und ich kann damit ein bisschen was machen. Aber das Registrieren – da sehe ich, dass ich das überhaupt nie kann."

    Glückwunschbriefe, aber kein Impftermin

    Sie zeigt stolz die Glückwunschbriefe, die ihr Mann zum 85. Geburtstag von der Stadt München und vom Ministerpräsidenten erhalten hat – ihr fehlt aber etwas viel Wichtigeres: Ein Brief mit konkreten Hinweisen zur Impfung.

    Während unserer Recherchen hat sie nun immerhin ein Informationsbrief der Stadt München erreicht. Inhalt: Der Impfstoff sei knapp, die Rentner sollen sich noch gedulden. Die Stadt hat zudem am vergangenen Freitag eine separate Hotline für Impfberechtigte in München eingerichtet.

    Das Land Schleswig-Holstein hat gestern angekündigt, sein System umzustellen – künftig sollen Senioren ohne Zeitdruck Termine buchen können – ab Februar können sie sich mit einer persönlichen PIN bis in den Sommer hinein zur Impfung anmelden.

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!