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Um die Corona-Pandemie unter Kontrolle zu bekommen, muss nach Ansicht der WHO in Europa viel schneller geimpft werden.

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    "Inakzeptabel langsam": WHO kritisiert Impfkampagnen in Europa

    Rund fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind mittlerweile vollständig gegen Covid-19 immunisiert. Zu wenig, kritisiert die WHO. Auch im Rest Europas laufen die Impfungen demnach nicht schnell genug ab. Sie fordert nun, Bürokratie abzubauen.

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    Von
    • Markus Wolf

    Impfen, impfen, impfen: Das wird immer wieder als der zentrale Ausweg aus der Corona-Pandemie betont. Vielen Menschen in Deutschland geht das aber nicht schnell genug. Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nun die europäischen Länder dazu aufgefordert, die Impfkampagnen zu beschleunigen.

    Langsame Impfkampagnen würden Pandemie verlängern

    Das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation WHO moniert vor allem, dass die schleppenden Impfkampagnen die Corona-Pandemie in die Länge ziehen. Die Geschwindigkeit, in der in Europa Corona-Vakzine verabreicht würden, sei "inakzeptabel langsam", kritisierte WHO-Regionaldirektor Hans Kluge: "Lassen Sie es mich klar ausdrücken: Wir müssen den Prozess beschleunigen, indem wir die Produktion hochfahren, die Hindernisse für die Verabreichung der Impfstoffe verringern und jetzt jedes einzelne Fläschchen gebrauchen, das wir auf Lager haben."

    Solange der Umfang der Impfungen gering bleibe, müssten dieselben sozialen und gesundheitlichen Corona-Maßnahmen wie in der Vergangenheit Anwendung finden, um die Verspätungen der Impfpläne auszugleichen, so Kluge. Impfungen zusammen mit fortgesetzten Maßnahmen würden die Pandemie letztlich zu einem Ende bringen.

    Forderung: Produktionen ankurbeln und bürokratische Hürden abbauen

    "Impfstoffe sind gegenwärtig unser bester Weg, um aus dieser Pandemie herauszukommen", erklärte Kluge. Er forderte eine Beschleunigung der europäischen Impfprogramme durch eine Ankurbelung der Produktion und den Abbau bürokratischer Hürden:

    "Jede einzelne Ampulle, die wir vorrätig haben, muss genutzt werden - jetzt." Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa

    Bald 45 Millionen bestätigte Corona-Infektionen erwartet

    Die Infektionslage in Europa bezeichnete die WHO als so "besorgniserregend" wie seit Monaten nicht mehr. Während in Europa noch vor vier Wochen wöchentlich weniger als eine Million Neuinfektionen verzeichnet worden seien, habe die Zahl der Neuansteckungen in der vergangenen Woche bereits bei 1,6 Millionen gelegen. Bald werde Europa die Marke von 45 Millionen Corona-Infektionen seit Pandemie-Beginn überschreiten. Die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus in der Region bewege sich derzeit "schnell auf die Million zu", hieß es weiter.

    Die Europa-Direktion der WHO ist für 53 Staaten zuständig, darunter auch für Russland und mehrere ehemalige Sowjetrepubliken in Zentralasien. In der gesamten Region hätten bis Donnerstag lediglich etwa zehn Prozent der Menschen die erste Corona-Impfung erhalten, nur vier Prozent seien vollständig gegen das Coronavirus immunisiert, beklagte die WHO.

    EU-Ziel für Impfungen bereits verfehlt

    Die EU steht wegen ihrer Strategie zur Impfstoffbeschaffung massiv in der Kritik. Das von Brüssel formulierte Ziel, bis Ende März 80 Prozent der über 80-Jährigen sowie der Beschäftigten im Gesundheitswesen zu impfen, wurde wegen Lieferproblemen verfehlt.

    Nach Angaben der WHO nimmt die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Europa derzeit in allen Altersgruppen zu - außer in der Gruppe der Über-80-Jährigen, die in vielen Ländern bereits weitgehend geimpft wurde.

    Mutationen weiter im Fokus

    Für problematisch hält die WHO auch die Virusmutationen. Die WHO-Notfallkoordinatorin für Europa, Dorit Nitzan, warnte vor der Entstehung neuer Mutanten, sollte die Geschwindigkeit, in der sich das Coronavirus derzeit ausbreite, nicht gedrosselt werden.

    "Die Wahrscheinlichkeit neuer besorgniserregender Varianten steigt mit der Rate, in der das Virus sich repliziert und ausbreitet", erklärte sie. Entscheidend sei deshalb, die Virusübertragung "durch grundlegende Maßnahmen zur Krankheitskontrolle einzudämmen".

    Lockdowns nur als letztes Mittel

    Die zuerst in Großbritannien entdeckte Corona-Variante sei inzwischen der dominante Virusstamm in Europa, hieß es vonseiten der UN-Organisation weiter. Da die bereits in 50 Ländern nachgewiesene Mutante ansteckender sei als die Ursprungsvariante des Coronavirus und sie zudem häufiger zu schweren Krankheitsverläufen führen könne, habe sie "größere Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit".

    Um die Mutante unter Kontrolle zu bringen, seien unter anderem eine Erweiterung von Tests und Kontaktverfolgungsmaßnahmen sowie weitere Quarantäne-Regelungen nötig. Lockdowns sollten aus Sicht der Experten durch "rechtzeitige und gezielte" Maßnahmen vermieden werden. Zu diesem Mittel solle dann gegriffen werden, wenn die Zahl der Covid-19-Erkrankungen die "Fähigkeit der Gesundheitsdienste, Patienten angemessen zu behandeln, überstrapaziert", so die WHO.

    Unterstützung von der FDP

    Offene Türen rennt die WHO mit ihren Forderungen dabei bei den Freien Demokraten in Deutschland ein. Die WHO lege den Finger in die Wunde, erklärte die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus. "Deutschland und Europa dürfen nicht nur vom Turbo sprechen, sondern müssen endlich handeln."

    Das Rezept zur Überwindung der Pandemie laute: "weniger Bürokratie, mehr Digitalisierung und die Verimpfung aller zur Verfügung stehenden Impfstoffdosen". Es müsse "doch auch im Interesse der EU sein, dem ihr anhaftendem Vorurteil der ausufernden Bürokratie etwas entgegenzusetzen", fügte sie hinzu.

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